Junge Regisseurin Leben wie in der eigenen Film-Doku

12.000 Euro Jahreseinkommen und null Sicherheit - trotzdem sagt Beatrice Möller über ihren Job: "Ich habe großes Glück." Die Dokumentarfilmerin macht alles selbst, bis hin zu Verhandlungen mit den Kinos. Und mit jedem neuen Film muss sie wieder neu um Erfolg kämpfen.

Von

Beatrice Möller

Berlin, Schwäbisch Gmünd, Sansibar: Das sind die Termine einer Woche. Das Leben von Beatrice Möller, 33, folgt manchmal den seltsamsten Reiserouten. Sie dreht Dokumentarfilme, und derzeit ist sie vor allem in Deutschland unterwegs, um ihren aktuellen Streifen zu zeigen. Wenn eines der Filmfestivals im Ausland ihn annimmt, versucht sie, auch dorthin zu reisen.

"Alles was wir wollen" heißt der Film, der Möller so auf Trab hält. Drei Frauen um die 30 hat sie seit 2008 begleitet, sie in ihrem Leben beobachtet, mit ihnen über ihre Hoffnungen und Probleme gesprochen - auch über jene, die aus den vielen Freiheiten entstehen, die man heute hat.

Da ist Claudia, die freie Journalistin aus Leipzig, die im Verlauf des Films mit ihrem Freund zusammenzieht und ein Kind bekommt; Mona, die aus Palästina stammt und in Berlin ihre Eigenständigkeit genießt, dann aber schwer erkrankt; schließlich Marie-Sarah, die Schauspielerin, die schon 29-mal umgezogen ist und schon bald wieder ihre Koffer packt. Die äußere und innere Rastlosigkeit der Frauen in ihrem Alter war es, was die Regisseurin interessierte - etwas, das sie selbst nur zu gut kennt.

Fotostrecke

6  Bilder
Doku-Filmerin Möller: Wann ist es zu viel Freiheit?
Bei einer Vorführung in einem kleinen Hinterhofkino in Hamburg-St. Pauli trägt Möller die blonden Haare zum Zopf gebunden und alles, was sie zum Übernachten braucht, in einer Umhängetasche unter dem Arm. Eigentlich wohnt sie in Berlin, doch sie ist nie lange zu Hause. Oft ist sie für eines ihrer Herzensprojekte wie "Alles was wir wollen" unterwegs, dreht, recherchiert oder müht sich um die Finanzierung. Ansonsten kümmert sie sich um Auftragsarbeiten, erstellt etwa Videoclips für Internetseiten oder Werbefilme für Unternehmen.

Ohne solche Brotjobs geht es in diesem Beruf kaum. Rund 1500 bis 2000 Dokumentarfilmer gibt es in Deutschland, schätzt die Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm (AG Dok). Davon können wohl nur die wenigsten von ihren Filmen allein leben.

Die DDR-Kinder von Namibia

Reich werden sie alle nicht, das weiß auch Möller nur zu gut: Laut einer Untersuchung des Berufsverbands können nur rund 15 Prozent der Dokumentarfilmer von ihren Filmen allein leben, alle anderen jobben berufsfremd nebenher oder werden von ihren Familien unterstützt. Das Jahreseinkommen vieler bewegt sich nach Schätzung von Jürgen Kasten, Geschäftsführer des Bundesverbands Regie (BVR), bei 12.000 bis 15.000 Euro.

Die Marktlage habe sich einfach geändert, sagt er, die Nachfrage von Sendern stagniere. Das führe gerade auch beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu "absenkenden Pauschalisierungen bei der Gage": Eigentlich getrennte Tätigkeitsbereiche wie Buch und Regie würden nicht mehr separat vergütet, weitere Ausstrahlungen oder das Einstellen in die Mediathek vermehrt mit einem Abschlag abgegolten. Außerdem: "Früher haben nur die drei Filmhochschulen in Berlin, München und Potsdam ausgebildet" - heute gibt es etliche Studiengänge mit eigenen Angeboten.

Beatrice Möller hat Visuelle Kommunikation in Weimar studiert. Ihr erster Dokumentarfilm, "Omulaule heißt schwarz", entstand noch an der Universität, eine Gemeinschaftsarbeit mit zwei Kommilitoninnen, in der es um die mittlerweile erwachsenen "DDR-Kinder von Namibia" ging - namibische Kinder, die in der DDR zur sozialistischen Elite erzogen werden sollten und die nach der Wende hastig zurück in die inzwischen fremde afrikanische Heimat mussten. "Ein Riesenerfolg war das damals", sagt Möller. Der Film lief auf vielen großen Festivals, in Leipzig, München, Kassel, viele Medien berichteten. "Ich dachte, es geht immer so weiter", sagt sie. "Aber so war's nicht." Jedes Projekt bleibt mühsam.

"Alles was wir wollen", ihr vierter Film, hat 35.000 Euro gekostet - ein verschwindend geringes Budget, nur zu schaffen, weil unzählige unbezahlte Arbeitsstunden der Regisseurin darin stecken. 10.000 Euro hat die Stiftung Menschenwürde und Arbeitswelt beigesteuert, 14.000 Euro hat Möller über Crowdfunding zusammenbekommen. Ihren Trip nach Sansibar hat sie der finanziellen Unterstützung von German Films zu verdanken, einer Organisation, die deutsche Filme im Ausland vermarktet.

Alle haben für den Film auf Geld verzichtet

Hätten alle Beteiligten zudem nicht auf einen Teil ihres Honorars verzichtet - es gäbe diesen Film nicht. Ohne Verleih hat sie bislang auch die Vorstellungen organisiert, zu denen sie jetzt fährt, selbst die Kinos angerufen, Konditionen ausgehandelt. "Ich war oft genug kurz davor aufzugeben", sagt sie. Dass die Zuschauer sich jetzt in ihrem Film wiederfinden, über ihn diskutieren, dass sie das befriedigende Gefühl hat, etwas zu bewegen, ist ein hart erkämpfter Lohn.

Immerhin: Gerade hat sie einen Vertrag mit einem Verleih unterzeichnet, der den Streifen Anfang 2014 in die Kinos bringen will. Natürlich nicht flächendeckend, sondern in einer Reihe kleinerer, vielleicht mittlerer Kinos, wie es bei Dokumentarfilmen Usus ist. Ein Blockbuster wird daraus nicht.

Man muss "seine Nische" finden, um als Dokumentarfilmregisseur erfolgreich zu sein, sagt Thomas Frickel, Vorsitzender der AG Dok. Möllers Nische ist die Suche nach Heimat und Identität - vielleicht auch, weil sie in Deutschland und Südafrika aufgewachsen ist und lernen musste, sich in verschiedene Kulturen einzufinden.

Angekommen ist sie noch nicht. Aber sie lernt immer besser, damit zu leben, dass das in diesem Beruf vielleicht auch nie passieren wird. "Ich habe auch großes Glück", sagt sie dennoch, schon weil sie so die Möglichkeit habe, Orte wie Sansibar kennenzulernen. Demnächst läuft ihr Film auch auf einem Filmfestival in Taiwan. Mal sehen, wie ihre Reiseroute dann aussieht.

  • Fotostudio Charlottenburg
    Eva-Maria Träger ist Journalistin und Diplom-Psychologin und arbeitet als freie Autorin in Hamburg. Beatrice Möller kennt sie seit 2007 - durch ein Praktikum bei einem Fernsehsender in Berlin.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 11 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
chris4you 23.09.2013
1. Das dürfte
bei den männlichen Gegenparts nicht viel differieren, aber Frau Regisseurin passt halt besser in die Medienwelt und in den SPON sowieso. Bei Schauspielern sieht es genauso aus... Was nur über den Beruf zu schreiben (über beiderlei Geschlecht), nein, das ist ja so was von uncool. Aber, immerhin lebt Sie für Ihren Beruf und wartet nicht das der Retter kommt, sondern agiert (so wie eben Frau Maren Heinzerling, siehe anderen Artikel). Dagegen scheinen die heutigen Studentinnen ja eher auf das "Benachteiligungssyndrom" zu setzen, statt zu machen.... ;o)
mmueller60 23.09.2013
2.
Bei 12k Jahreseinkommen trägt man finanziell nichts zur Gesellschaft bei, über's Leben betrachtet. Und nur auf einen "Kulturbeitrag" zu verweisen, den niemand bestellt hat (und für den es einfach viel zu viel Angebot gemessen an der Nachfrage gibt), ist mir zu billig. Wir alle bezahlen den Lebensstandard dieser Menschen mit.
vipix 23.09.2013
3. Hurra
Oh gosh, ich bezahl lieber fuer diese Leute und Projecte mit als fuer die Tausenden im Polit Zirkus, die kosten mehr
BBTurpin 23.09.2013
4. Das ist in allen künstlerischen Berufen so ...
... und Leute wie mmueller60 wollen vielleicht gerne gut übersetzte Bücher und Artikel lesen, aber nichts afür bezahlen -- jedenfalls so wenig, dass Literaturübersetzer durchschnittlich ebenfalls nur ca. 12.000 EUR Jahreseinkommen haben. Soviel zum "Kulturbeitrag" den keiner will ...
Thorolf Lipp 23.09.2013
5. 12k
Wer "nur" 12 K Jahreseinkommen erwirtschaftet und sich daher von den Konsumerwartungen eines im Kern kranken (weil auf "Wachstum" gepolten) Wirtschafts- und Gesellschaftsmodells zumindest teilweise freimachen konnte, zählt heute schon zur Avantgarde. Es wäre besser, lieber mmueller60, Sie freundeten sich früher oder später mit einem von freiwilliger Selbstbeschränkung geprägten Lebensstil an, weil dieser auch Ihnen demnächst verordnet werden wird, dann jedoch zwangsweise und ohne, dass Sie sich darauf vorbereiten konnten. Wer "nur" 12K im Jahr erwirtschaftet, verursacht weit weniger Schäden durch Überstrapazierung knapp gewordener Ressourcen als diejenigen braven Arbeiter, Angestellten und Beamten, die sich in der Mitte der Gesellschaft wähnen, während sie tatsächlich mit ihrem Lebensstil deren Ende rasant beschleunigen und aufgrund ihrer "Lebensleistung" und "Leistungsbereitschaft" unser aller Lebensgrundlage in Gefahr bringen. Wer "nur" 12K im Jahr erwirtschaftet und damit zufrieden sein kann, dessen Lebensglück dürfte höher sein als das derjenigen die glauben, Sie müssten 50K verdienen und dafür bereit sein, Ihre eigenen Vorstellungen eines "guten Lebens" nach und nach zu verleugnen. Wir alle können dankbar sein, wenn es Menschen gibt, die ihr Leben dafür einsetzen, uns Geschichten zu erzählen, die sich von denen deutlich unterscheiden, die von den Massenmedien für publikumskompatibel gehalten werden. Damit befürworte ich nicht die objektive Ungereichtigkeit die eine Marginalisierung von Menschen mit 12K Jahreseinkommen de facto mit sich bringt. Aber die Marginalisierung besteht weniger darin, dass man nicht hat, was man zum Leben wirklich braucht. Sie besteht vielmehr darin, mit ansehen zu müssen, dass diejenigen, die mit ihrem zerstörerischen Lebensentwurf objektiv danebenliegen, auch noch zur Vernichtung der Lebensgrundlagen beitragen dürfen und dafür heute (noch) den Applaus der Mehrheit kassieren.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.