"Minderleister"-Jagd bei Yahoo "Diese Bewertungssysteme vergiften das Arbeitsklima"

Der Schwächste fliegt: Yahoo wendet ein striktes System zum Bewerten von Mitarbeitern an. "Verheerend" findet das der Managementexperte Reinhard K. Sprenger. Er hält die Leistungs-Rankings für einen Zahlenfetisch von Konzernchefin Mayer.

Ein Interview von

Yahoo-Zentrale: "Zwanghafte Vermessung von Menschen"
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Yahoo-Zentrale: "Zwanghafte Vermessung von Menschen"


KarriereSPIEGEL: Herr Sprenger, beim Internetkonzern Yahoo hat die Chefin Marissa Mayer ein Bewertungssystem eingeführt. Jede Abteilung soll regelmäßig melden, welche die stärksten und die schwächsten Mitarbeiter sind. Die Aufregung im Silicon Valley ist groß. Verstehen Sie, warum?

Sprenger: Aber ja! Mayer greift mit so harter Hand bei Yahoo durch, dass man das schon hysterisch nennen muss. Sie nimmt dabei in Kauf, dass die besten und kreativsten Mitarbeiter das Unternehmen verlassen. So viel übrigens zu der These, dass Frauen grundsätzlich sensiblere Führungskräfte sind.

KarriereSPIEGEL: Ist es nicht verständlich, wenn ein Unternehmen wissen möchte, wer mehr und wer weniger leistungsfähig ist?

Sprenger: Im Prinzip ist es das gute Recht eines Unternehmers, ja. Aber die Art, wie das mit solch einem System bewerkstelligt wird, ist verheerend. Wir erleben den Triumph des Quantitativen über das Qualitative. Die zwanghafte Vermessung von Menschen führt ja nicht dazu, dass wir besonders viel über ihre Talente und Motivationen wissen. Bei einem solchen sogenannten Forced Ranking steht fest, dass es Verlierer geben wird, selbst wenn in der Realität alle in der Abteilung gleich gut sind. Dann wird ohne Sinn und Verstand verglichen. Es heißt doch etwas völlig anderes, ob ein Mitarbeiter in Abteilung X oder Abteilung Y unter den besten 20 Prozent ist, weil das ja auch vom Umfeld abhängt, von den übrigen Kollegen, den Aufgaben, dem Zuschnitt der Abteilung und so weiter.

KarriereSPIEGEL: Welche Folgen haben "Forced Rankings", also die von oben erzwungenen Leistungsbeurteilungen in Form von Ranglisten?

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Arbeitgeber gegen "Minderleister": Der Schwächste fliegt
Sprenger: Da sehe ich vor allem dreierlei. Erstens: Zehn Prozent einer Abteilung fliegen raus, aus letztlich willkürlichen Gründen, egal wie gut sie sind. Das ist ein großer Verlust…

KarriereSPIEGEL: …bei Yahoo sollen 600 von Mayer entlassene Mitarbeiter mit Hilfe des Bewertungssystems identifiziert worden sein.

Sprenger: Zweitens: Das Fallbeil der Quotierung beendet jede ernstzunehmende Personalarbeit. Wenn eine versierte Führungskraft das Potential eines Mitarbeiters erkennt und fördert, gibt sie ihm auch Zeit, sich zu entwickeln. In dieser Zeit kann er aber dank Mayers Zahlenfetisch leicht als Minderleister deklassiert werden. Dann verliert das Unternehmen einen wertvollen Mitarbeiter, der sich im Unternehmen fortentwickelt hätte, der motiviert, selbstbewusst und loyal gewesen wäre - von der persönlichen Katastrophe für den Entlassenen ganz zu schweigen.

KarriereSPIEGEL: Und drittens?

Sprenger: Drittens vergiften diese Bewertungssysteme das Arbeitsklima. Das ist keine Floskel, denn solche Chefs tragen den Wettbewerb in das Team, wo eigentlich eine Atmosphäre der Zusammenarbeit herrschen müsste. Es ist mit solchen Quotierungen nicht möglich, gemeinsam besser zu werden, weil die Chefs per Definition immer Verlierer finden müssen. Alle drei Punkte zusammen ruinieren die Teamarbeit und Kreativität im Unternehmen, sie erzeugen unnötig hohe Transaktionskosten beim Personal und bringen die Firma beim Kunden nicht einen Schritt weiter.

KarriereSPIEGEL: Vergleichen nicht alle Chefs immer irgendwie ihre Mitarbeiter?

Sprenger: Das schon, aber ein Vorgesetzter, der aus der Beobachtung im Arbeitsalltag heraus sein Urteil trifft, geht viel klüger vor. Er sieht ja die Umstände der Arbeit, die Herkunft des Beschäftigten, seine privaten Vorlieben und Probleme. Weil er nicht nach Schema F entscheidet, kann er Fragen stellen, Hilfe anbieten, sich schrittweise dem Kern des Problems nähern.

KarriereSPIEGEL: Aber es gibt doch auch Menschen, die für einen Job schlicht ungeeignet sind.

Sprenger: Natürlich, und da muss man notfalls Konsequenzen ziehen. Aber wenn Arbeit und Arbeiter nicht zusammenpassen, muss das nicht am Arbeiter liegen. Ein kluger Mensch wird in einer dummen Struktur nicht glücklich. Das bedeutet: Man kann an vielen Stellschrauben drehen. Oft reicht es, organisatorische Probleme zu beseitigen, und plötzlich blühen ganze Abteilungen auf.

KarriereSPIEGEL: Wie verbreitet sind solche Forced Rankings in Deutschland?

Sprenger: In den USA trifft man sie häufig an, der frühere Chef von General Electric, Jack Welch, war berüchtigt dafür. Bei uns gibt es sie fast gar nicht. Gott sei Dank.

Zur Person
  • Mareicke Foecking
    Reinhard K. Sprenger (Jahrgang 1953) ist einer der prominentesten Autoren von Managementliteratur im deutschsprachigen Raum. Der promovierte Philosoph plädiert für eine Personalführung, die Mitarbeitern auf Augenhöhe begegnet, anstatt sie mit Anreizen fernzusteuern.

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Seite 1
betaknight 13.11.2013
1. Nunja...
Darf ich dies unter weiblichen und besseren Führungsstil verstehen? Irgendwie sieht der wie bei den Männern aus.
sok1950 13.11.2013
2. da kann man nur hoffen...
in einer Abteilung/Firma mit vielen doofen Mitarbeitern zu arbeiten. Jetzt verstehe ich auch, warum Chefs immer nur dümmere Mitarbeiter einstellen - das verbessert immens das eigene Ranking.
yang0815 13.11.2013
3. optional
Gleichberechtigung heißt auch das es Dummheit auf beiden Seiten gibt. Aus einem Einzelfall sollte man nicht verallgemeinern und die Aussage "Frauen sind sensibler" als widerlegt betrachten. Die Aussage "Jede einzelne Frau ist sensibler als jeder einzelne Mann" ist widerlegt, aber das hat auch nie jemand behautet.
xtraa 13.11.2013
4. Absurdes, einfallsloses Management
Frau Mayer würd ich achtkantig rausschmeißen. Mit der Idee wird Yahoo künftig nur quantitative Inhalte liefern, statt qualitativ zu wachsen. Und dabei ist das so ein alter Hut, mit den drei Kindergartengruppen, autoritär, antiautoritär und dem effektiven Weg als dritte Möglichkeit, der auch alle glücklich macht.
neolibby 13.11.2013
5. Managementberater ist der ? Scheint aber nicht weit herumgekommen zu sein, denn dann
Zitat von sysopAPDer Schwächste fliegt: Yahoo wendet ein striktes System zum Bewerten von Mitarbeitern an. "Verheerend" findet das der Managementexperte Reinhard K. Sprenger. Er hält die Leistungs-Rankings für einen Zahlenfetisch von Konzernchefin Mayer. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/reinhard-k-sprenger-kritisiert-mitarbeiter-bewertung-bei-yahoo-a-933258.html
wüßte er, daß solche Systeme in den USA seit Jahrzehnten gang und gebe sind. Auch hier in Deutschland ist das kein Novum - die großen U-Beratungen machen das auch seit mehr als 15 Jahren. Aber hier in Deutschland ist es ja schon empörend und wird von den Gewerkschaften scharf gegeißelt, wenn einer nicht nur einen Job hat, sondern auch von ihm verlangt wird zu arbeiten.
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