Firmen reaktivieren Rentner Wir brauchen dich doch, Alter!

Sie können antiquierte Programmiersprachen und sind die besseren Verhandler: Viele Unternehmen besinnen sich auf die Vorzüge ihrer Ruheständler und holen sie zurück ins Unternehmen. Doch die Rückkehr der Rentner ist teuer.

Ältere bei der Arbeit: So könnte es bald in immer mehr Unternehmen aussehen
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Ältere bei der Arbeit: So könnte es bald in immer mehr Unternehmen aussehen


Mit 60 war Georg Hanen das stressige Tagesgeschäft zu viel. Der Bereichsvorstand sehnte sich nach mehr Ruhe. Sein Vertrag endete, wie bei seinem Arbeitgeber Bosch Rexroth üblich, ohnehin mit diesem Alter. Also ging Hanen in Ruhestand.

Doch gar nicht mehr zu arbeiten, war für ihn keine Alternative. "Nur noch mit dem Hund rauszugehen - das kann es auch nicht sein", sagte er sich. Deshalb arbeitete er im Ruhestand weiter, jetzt als Geschäftsführer der Bosch Management Support GmbH (BMS). Die Stelle teilt er sich mit einem anderen Rentner. Bei der BMS sind 1600 Senioren registriert, die wie Hanen zeitlich befristet für Bosch arbeiten.

Damit ist der Technikkonzern nicht allein: Immer mehr große Unternehmen setzen auf altgediente Mitarbeiter und holen sie nach dem Ruhestand zurück ins Unternehmen. Vor allem deren Erfahrungsschatz ist gefragt.

"Sie haben ein Firmenwissen, das Sie so auf dem Markt nicht finden", sagt Christoph Ebeling, Personalmanager der Otto Group. Das Unternehmen setzt seit 2012 auf Senioren, die als Experten zeitweise an den Schreibtisch zurückkehren. "Die meisten sind Experten, die über Jahrzehnte Fachwissen angesammelt haben." Aktuell beschäftigt Otto demnach etwa 50 Pensionäre als Senior-Experten, wie sie im Konzern genannt werden.

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Jobs im Alter: Warum Rentner arbeiten müssen oder wollen
Auch der Autobauer Daimler kündigte vor gut einem Jahr an, Rentner für Spezialeinsätze zurückzuholen. Seitdem hat der Konzern fast hundert Senioren beschäftigt. In einem Expertenpool können sie sich mitsamt ihrer Fähigkeiten und Erfahrungen registrieren lassen.

Bei Bedarf sollen sie für maximal sechs Monate im Jahr in den Konzern zurückkehren, beispielsweise für den Übergang von einem alten IT-System in ein neues. "Wir hatten tatsächlich niemanden mehr, der die Programmiersprache konnte", sagt Personalvorstand Wilfried Porth über einen solchen Fall. Auch bei Serienanläufen neuer Automodelle seien Pensionäre gefragt.

"Für unseren Erfolg ist beides entscheidend: Innovationskraft und ein umfangreicher Erfahrungsschatz", sagt Porth. Im Klartext heißt das: Sich auf althergebrachte Arbeitsabläufe zu berufen und Erfahrungen weiterzugeben, reicht nicht. Die Senioren müssen auch bereit sein, Neues zu lernen.

Teurer Senioren-Einsatz

"Wir müssen voll durch unsere Leistung überzeugen. Das spornt uns Senior-Experten an", sagt BMS-Geschäftsführer Georg Hanen. Der Vorteil der Älteren: Sie kennen den Konzern in- und auswendig und sind vom ersten Tag an einsatzbereit.

Jede dritte Senior kommt bei Bosch im kaufmännischen Bereich zum Einsatz, mehr als jeder Fünfte hilft in der Fertigung aus. Ihr Honorar orientiert sich am letzten Gehalt. Da die Vergütung über die Jahre steigt, ist das in den meisten Fällen also ein vergleichsweise teures Gastspiel.

Die höheren Lohnkosten würden allerdings dadurch wettgemacht, dass ältere Mitarbeiter häufig lukrative Folgeaufträge an Land zögen, sagt Jens Fahrion, Geschäftsführer von Fahrion Engineering. Auch er holt Rentner zurück ins Unternehmen. "Studienabgänger können oft nicht auf Augenhöhe mit Auftraggebern kommunizieren." Das Familienunternehmen, das Produktionsanlagen und Werkzeuge plant, würde dennoch junge Leute einstellen. "Aber einen erfahrenen, jungen Projektleiter finden wir nicht", sagt Fahrion.

Trotzdem gibt es am Trend zur Renter-Rückkehr auch Kritik, vor allem seitens der Gewerkschaften. "Es wäre geschickter, das Wissen zu vermitteln, bevor die Leute ausscheiden", sagt eine Sprecherin der IG Metall. "Es muss im Interesse des Unternehmens sein, eine strategische Personalplanung zu machen."

Völlig reibungslos läuft die Rückkehr an den alten Arbeitsplatz denn auch nicht immer. "Neben viel Begeisterung und Loyalität gab es manchmal auch eine Erwartungshaltung, mit der wir nicht gerechnet hätten", sagt Otto-Personalmanager Ebeling. Zum Beispiel wenn es um den alten Firmenparkplatz ging, den jemand zurückhaben wollte. "Das können wir leider nicht zusagen, was dann doch den einen oder anderen enttäuschte."

Antonia Lange/dpa/ant

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spon-facebook-1053012092 08.05.2014
1. Hausgemachtes Problem
Das Rentner wir ihrem Erfahrungsschatz nun raktiviert werden 'müssen' sind doch hausgemachte Probleme. Hätte man die jüngeren Mitarbeiter mehr mit einbezogen und sich selber Nachwuchskräfte herangezogen, bräuchte keine Rentner wiederk kommen. Schön das die Rentner noch was zu tun haben, nehmen aber Jüngeren den Job weg. Also: Aus eigenen Reihen frühzeitig den Nachwuchs heranziehen... und nicht über Fachkräftemangel reden... Aber das haben die Konzerne verpennt. Auch die neuen 'Fachkräfte' die Angeworben werden haben kein Firmenwissen....
bernhard29 08.05.2014
2. Spon kennt nur die halbe Wahrheit
Dieser Aufruf geht im Regelfall nur an ehemalige leitende Angestellten welche dem Aufruf gerne folgen. Es gibt 2 entscheidenden Moment Gründe warum dann das Firmenangebot dankend angenommen wird. Der 1. Grund ist die Flucht aus der Bedeutungslosigkeit in der Sie als Neurentner geraten sind. Vorher 150 Mitarbeiter geleitet, und von heute auf morgen sagt einem die Ehefrau : jetzt gehst Du mal schön die Brötchen holen, damit kommen die Wenigsten klar. 2.Grund ist die Gier. Ich kenne mehrere Fälle die das bestätigen. Ein Bekannter, ehemaliger 2.hoechster Richter in einem Bundesland, Pension rund 6.500 ?. Einstufung R6. Nach 3 Monaten in Pension erklärt er mir das er Kollegen hat die nach der Pensionierung 400 ? in einer Anwaltskanzler pro Stunde verdienen und er muss daheim den August im Haushalt machen. Er ist mittlerweile 70 und arbeitet seit 6 Jahren wieder Vollzeit. Aus diesem Grunde sollte man differenziert die Arbeit von Rentner und Pensionisten betrachten ehe man hier voreilig zum Ergebnis kommt das der Betrieb Sie unbedingt braucht. Wie ich schon sagte, alle die ich kenne die wieder arbeiten sind Führungskräfte gewesen und haben sogar die Altersteilzeit in Anspruch genommen.
vrdeutschland 08.05.2014
3. Na ja
Die Leute, die heute in Rente gehen hatten ja entsprechend noch Narrenfreiheit. In den 60ern und 70ern eingestellt, wo es tw. zweistellige Lohnzuwächse gab, Globalisierung ein Fremdwort war und der Chef einen auch mal 3 Wochen in Urlaub ließ ohne zu maulen; man war eh nicht erreichbar. Da hat es einfach Spaß gemacht, zur Arbeit zu gehen. Und die Rente war und ist eh für dies Generaion sicher. Doch jetzt sind sie zuhause und mit den gleichen Lemmingen auf der Autobahn und Supermarkt in dieser hektischen Zeit unterwegs. Da sehnt man sich doch gerne an den gute alten Arbeitsplatz zurück. Wird für die jetzige Generation komplett anders laufen. Entweder bis 70 arbeiten oder mit Mitte 50 in die Klapse.
w52 08.05.2014
4. W52
Nein, tatsächlich? Die Ü50 sollten tatsächlich zu was gut sein, wo sie doch so teuer sind und immer krank, und dann haben sie's an der Bandscheibe und die Wechseljahre, schlimm! Das muss wohl unser Bildungssystem etwas falsch gemacht haben, dass Fünfundzwanzigjährige frisch von der Uni nicht schon 20 Jahre Erfahrung haben und sämtliche je produzierte Software kennen… Sollte so was Nicht-Quantifizierbares wie Erfahrung und Kontinuität tatsächlich etwas wert sein? Wie rechnen die Controller das nur wieder aus?
arkantus 08.05.2014
5. Ich bin so eine ...
... allerdings nicht aus der Führungsetage. - Pro Jahr arbeite ich vier bis sechs Monate an einer renommierten Universität in China und unterrichte 30 Stunden pro Woche Bachelorstudenten der Naturwissenschaft, die ihren Master in Deutschland machen möchten. Ein strammes Pensum mit Korrekturen etc. - Mich trennen 4 Monate von den 70. – Ja ja, die Real- und Hauptschullehrer, gesund in die Pension und dem Staat dann Jahrzehnte auf der Tasche liegen. – Ich war am Ende meiner 40 jährigen Dienstzeit fix und fertig und KEINE gute Lehrerin mehr. Zum Glück ergab sich dieses Projekt für mich. Ich hatte mich in Deutschland nach einer „Anschlussverwendung“ erkundigt: Fein wäre doch was Soziales, kleine Kinder oder alte Leute – für den Dank des Vaterlandes. Nach den besagten 40 Lehrerjahren stand für mich fest: NIX mehr mit Kindern! Ich habe meine Nische gefunden und zum Glück das Plazet meiner großen Familie, die monatelang auf mich verzichtet, wenn ich auf dem verschrienen Selbstverwirklichungstripp bin. Glück gehabt. – Wie lange ich wohl noch ein Expertenvisum bekomme?
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