Bürokrieg Die fünf fiesesten Angriffe - und wie Sie sie kontern

Verbale Attacken unter Kollegen sind oft unfair. Gerade zurückhaltende Menschen sind dann meist wehrlos. Das lässt sich ändern, sagt Karriereberater Martin Wehrle - und empfiehlt Schwätzer-Bremsen.

 Besser nicht von Kollegen verunsichern lassen
plainpicture/Image Source/Corey Jenkins

Besser nicht von Kollegen verunsichern lassen


KarriereSPIEGEL-Klassiker
    Manche Dinge ändern sich (fast) nie: Wie man eine interessante Bewerbung schreibt. Wie man im Vorstellungsgespräch einen guten Eindruck hinterlässt. Die besten zeitlosen Artikel aus dem KarriereSPIEGEL präsentieren wir Ihnen in loser Folge.

Manipulatoren schaffen es, Ihnen das Wort im Mund umzudrehen. Sie unterstellen Ihnen Meinungen, die Sie gar nicht vertreten, greifen Sie persönlich an und bringen Sie auf die Palme. Aber das passiert nur, wenn Sie die Angriffe nicht früh genug durchschauen. Hier erfahren Sie, welches die fünf gefährlichsten Angriffe sind - und wie Sie souverän reagieren.

  • 1. Der persönliche Angriff

Der Angriff: Auf einmal wechselt der Schwätzer die Gesprächsebene und sagt zu Ihnen: "Ihre Argumente sind genauso blass wie Ihre Gesichtsfarbe!"

Die Analyse: Solche Angriffe sollen Sie verunsichern, aufbringen und aus der Bahn Ihrer logischen Argumentation schleudern. Der Schwätzer will Sie in die Arena des rhetorischen Schlammcatchens locken - weg von der Sachebene.

Gegenstrategie: Weisen Sie Angriffe niveauvoll zurück, ohne sich emotional darauf einzulassen. Machen Sie sich bewusst, dass das Problem nicht bei Ihnen liegt, sondern beim Schwätzer: Er sagt mehr über sich als über Sie.

Ihre drei Schwätzer-Bremsen:

Bremse 1: "Das ist natürlich aussagekräftig, was Sie hier über meine Gesichtsfarbe sagen. Aber noch mehr interessiert mich Ihre Meinung zu meinen Argumenten. Haben Sie da noch was auf Lager?"

Erläuterung: Angriff locker abgefedert! Ihre Einleitung deutet an, dass der Schwätzer sich durch den persönlichen Angriff selbst diskreditiert. Dann lenken Sie zur Sache über.

Bremse 2: "Mal ist etwas blass, mal ist jemand farbenblind. Ich schlage vor, dass wir das Feld des Persönlichen verlassen und wieder zur Sachfrage zurückkehren …"

Erläuterung: Ihre Bemerkung ist geistreich - und deutlich genug, dass der Schwätzer spürt: Sie ziehen eine klare Grenze.

Bremse 3: "Jeder ist selbst für das Niveau verantwortlich, auf dem er diskutiert. Mir geht es nach wie vor darum, wie wir das Projekt zeitnah realisieren. Haben Sie zu meinen Argumenten noch etwas Sachdienliches zu sagen?"

Erläuterung: Sie machen dem Schwätzer deutlich, dass seine unprofessionelle Äußerung auf ihn selbst zurückfällt. Ihre konkrete Frage lenkt ihn zurück zur konstruktiven Diskussion.

  • 2. Der indirekte Angriff

Der Angriff: Sie zögern, einen Vorschlag anzunehmen. Ihr Gegenüber sagt: "Unser Angebot ist hervorragend. Wer nur ein bisschen was von der Materie versteht, erkennt das sofort!"

Die Analyse: Ihr Gesprächspartner greift Sie an, will aber nicht dafür haften - deshalb wählt er die indirekte Variante. Er wirft Ihnen vor, nichts von der Materie zu verstehen. Natürlich sollen Sie das Gegenteil beweisen - indem Sie umschwenken und zustimmen!

Gegenstrategie: Feingefühl hilft, indirekte Angriffe herauszuhören. Lassen Sie solche Sticheleien nie im Raum stehen, sondern gehen Sie souverän darauf ein. Dadurch wird der Angriff entkräftet.

Ihre drei Schwätzer-Bremsen:

Schwätzer-Bremse 1: "Vielleicht ist mein Problem, dass ich nicht nur 'ein bisschen was' von der Materie verstehe, sondern nach 15 Jahren richtig viel. Erklären Sie mir noch mal ganz konkret die Vorteile des Angebots."

Erläuterung: Sie verstehen den Schwätzer absichtlich falsch, legen selbstbewusst Ihre Expertise offen ("nach 15 Jahren") und leiten unaufgeregt zu den Sachaspekten über.

Schwätzer-Bremse 2: "Nennen Sie Ross und Reiter: Wer, meinen Sie, versteht zu wenig von der Materie?"

Erläuterung: Sie fordern den Schwätzer auf, sich zu seinem Angriff auf Sie zu bekennen. In den meisten Fällen wird er einen Rückzieher machen.

Schwätzer-Bremse 3: "Wenn ich Sie richtig verstehe, zählen Sie sich zu denen, die perfekt mit der Materie vertraut sind. Dann können Sie mir bestimmt folgende Frage zu Ihrem Angebot beantworten...…"

Erläuterung: Statt auf die Sie-Botschaft mit Seitenhieb einzusteigen, reagieren Sie freundlich auf die Ich-Botschaft des Schwätzers. Sie leiten eine positive Erwartung daraus ab, das erhöht den Antwortdruck auf ihn und lenkt zur Sachfrage zurück.

ANZEIGE
Martin Wehrle:
Der Klügere denkt nach

Von der Kunst, auf die ruhige Art erfolgreich zu sein

Mosaik; 432 Seiten; 15 Euro

  • 3. Die Befangenheitsunterstellung

Der Angriff: Sie melden sich bei einer Bürgerversammlung zu Wort, treten gegen eine geplante Schnellstraße ein und weisen auf mögliche Umweltschäden hin. Ein Schwätzer erwidert: "Es geht Ihnen doch nicht um die Umwelt, Sie wollen Ihre feine Wohngegend vor Baulärm schützen. Haben Sie mal an die lokale Bauwirtschaft gedacht?!"

Die Analyse: Der Schwätzer unterstellt Ihnen ein Motiv, das gar nicht Ihres ist. Plötzlich wirkt Ihr Einsatz nicht mehr ehrenwert, sondern egoistisch - und Sie geben ein gutes Angriffsziel ab.

Gegenstrategie: Spielen Sie vor einer Diskussion durch, welche fiesen Unterstellungen kommen könnten. Entwickeln Sie lockere Gegenargumente - je weniger Sie sich rechtfertigen, desto mehr läuft die Unterstellung ins Leere.

Ihre drei Schwätzer-Bremsen:

Schwätzer-Bremse 1: "Sind Sie denn für die Schnellstraße, weil Sie auf dem heißen Teer Spiegeleier braten und Ihren Herd schonen wollen? Ich nehme Ihnen ab, dass es Ihnen um die lokale Bauwirtschaft geht. Ebenso erwarte ich, dass Sie mir meine Motive abnehmen."

Erläuterung: Sie übertragen das Muster des Angriffs auf die Motive des Schwätzers. So enthüllen Sie seine faule Dialektik. Zugleich fordern Sie Spielregeln für die Diskussion ein.

Schwätzer-Bremse 2: "Da wissen Sie mehr über meine Motive als ich selbst! Darf ich Sie fragen, woher Sie diese Kenntnis nehmen?"

Erläuterung: Ihr erster Satz weist den Vorwurf geschickt und höflich zurück. Und die Frage nach seiner Quelle bringt den Schwätzer in Verlegenheit.

Schwätzer-Bremse 3: "Ob Sie mir glauben oder nicht, ist Ihre freie Entscheidung. Und ich kann mich frei entscheiden, warum ich gegen die Schnellstraße bin, und zwar...…"

Erläuterung: Sie belassen das Problem beim Absender und holen aus zu neuen Argumenten, um die Lauterkeit Ihres Einspruchs zu unterstreichen.

  • 4. Die Sippenhaft

Der Angriff: Sie kämpfen mit guten Argumenten für Ihr Projekt, da sagt ein Schwätzer: "Als Expertin müssen Sie ja so reden! Jeder weiß, dass Spezialisten ihre Projekte mit Klauen und Zähnen verteidigen, auch wenn es Totgeburten sind."

Die Analyse: Jeder von uns gehört Gruppen an, ob als Experte, Managerin oder Kaninchenzüchter - und läuft Gefahr, in die rhetorische Sippenhaft genommen zu werden. Der Schwätzer unterstellt, dass Sie befangen sind - nicht vom Sachverstand, sondern von Gruppeninteressen geleitet.

Gegenstrategie: Reagieren Sie gelassen. Betonen Sie Ihre Sacherwägungen. Und zwingen Sie den Schwätzer, von seiner allgemeinen Unterstellung zu konkreten Argumenten zu kommen.

Ihre drei Schwätzer-Bremsen:

Bremse 1: "Schön, dass Sie mich als Expertin anerkennen. Jetzt bin ich umso neugieriger, was Sie mir in der Sache zu erwidern haben - da habe ich nämlich noch nichts gehört."

Erläuterung: Sie machen die Not zur Tugend, nehmen den Titel "Expertin" dankend an und leiten den Schwätzer zurück auf die Sachebene.

Bremse 2: "Ich gebe mein Projekt sofort auf, wenn Sie mir Sachargumente nennen, die meine eigenen entkräften. Bitte legen Sie los!"

Erläuterung: Sie unterlaufen den Vorwurf des Schwätzers, indem Sie sich bereit zeigen, Ihr Projekt aufzugeben - jedoch unter einer Bedingung, von der Sie schon ahnen, dass er sie nicht wird erfüllen können.

Bremse 3: "Ich könnte jetzt auch sagen, dass Sie als erklärter Gegner dieses Projektes natürlich aus Prinzip dagegen sein müssen. Aber bringen uns solche Fantasien weiter? Ich schlage vor, wir kehren zurück zu den seriösen Argumenten."

Erläuterung: Sie demonstrieren dem Schwätzer die Wirkung seiner eigenen dialektischen Taktik, allerdings in abgefederter Form ("könnte… sagen"), auch da Sie die Rückkehr zur Seriosität am Ende in der Wir-Form vorschlagen. Das hält die Beziehungsebene intakt.

  • 5. Der Pedanterie-Vorwurf

Der Angriff: Beim Meeting weisen Sie auf die Nachteile einer geplanten Marktausweitung hin. Ein Schwätzer entgegnet: "Wir diskutieren, wie wir einen neuen Markt erobern können - und du hängst dich an einer Kleinigkeit wie der unterschiedlichen Kundenmentalität auf."

Die Analyse: Es soll der Eindruck entstehen, dass Ihr Horizont begrenzt ist - während Ihr Diskussionsgegner ein großer Stratege ist, der mindestens den Weltmarkt im Blick hat. Der Gegenstand Ihrer Bedenken wird zur "Kleinigkeit" erklärt.

Gegenstrategie: Drehen Sie den Spieß um und machen Sie deutlich, dass das Risiko nicht in Ihren gut geprüften Gegenargumenten liegt - sondern in seinen schlecht geprüften Argumenten für einen Fehler.

Ihre drei Schwätzer-Bremsen:

Schwätzer-Bremse 1: "Um den neuen Markt zu erobern, müssen wir neue Kunden erobern. Deshalb hängt alles ab von der Frage: Trifft unser Angebot ihre Mentalität? Darauf hätte ich gerne eine Antwort!"

Erläuterung: Sie befreien Ihre Bedenken vom Pedanterie-Verdacht, indem Sie den Zusammenhang zum großen Ziel aufzeigen - und bestehen auf einer konkreten Antwort.

Schwätzer-Bremse 2: "Wenn du einfach voraussetzt, dass die Kunden unser Angebot annehmen, hast du sicher fundierte Hinweise darauf. Nenn mir ein paar!"

Erläuterung: Sie interpretieren die Aussage des Schwätzers positiv, um ihn dann zu einer greifbaren Aussage zu veranlassen. Dass er "fundierte Hinweise" nennen solle, und zwar "ein paar", macht deutlich: Mit oberflächlichem Geschwätz geben Sie sich nicht zufrieden.

Schwätzer-Bremse 3: "Sind meine Bedenken kleinlich? Oder bist du mit deinem Optimismus zu großzügig? Lass uns das klären, indem wir meiner Frage nachgehen, und zwar...…"

Erläuterung: Sie kontern mit derselben Waffe, wenn auch in abgefederter Frageform - um dann in der milden Wir-Form den Weg zurück auf die Sachebene zu weisen.


Dieser Text stammt aus Martin Wehrles neuem Buch "Der Klügere denkt nach - Von der Kunst, auf die ruhige Art erfolgreich zu sein" (Mosaik, 15 Euro).



insgesamt 20 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
lostcontinent 25.04.2017
1. Omg
liebe Studenten, liebe angehende Unternehmensberater, ich BITTE euch: hört nicht auf solche Artikel! Langfristig kann man ausschließlich durch (evtl. selbstbewusst vertretenes) Knowhow(!!!!!) und nicht durch (wie hier im Artikel propagiertes) Geschwafel Erfolg haben. beste Grüße,
Deutsch-Brasilianer 25.04.2017
2. Ach ja?
Wo leben Sie denn! In dem Artikel geht es eigentlich gerade darum, dass man seine Sachkenntnis gegenüber Schwaflern selbstbewusst vertreten kann. Die Tips sind an sich ganz nützlich um solchen rhetorisch aufgeblasen Bulldozern den Wind aus den Segeln zu nehmen. Davon gibt es eine ganze Menge.
kuchengespenst 25.04.2017
3. Grau ist alle Theorie
Wer sich solche Wortstanzen für reale Situationen zurechtlegt, hat wirklich Probleme. Den Großteil dieser "Schwätzer" kann man einfach auslachen und ignorieren, fertig. Die Welt ist kein Text-Adventure, und man kann auch nicht mal eben auf Pause drücken um sich den besten Spruch zurechzulegen. Authentisch und selbstbewusst reagieren aber schon.
huger56 25.04.2017
4. Viel zu kompliziert...
Eine solche Attacke kommt unverhofft, als muss man den Pfeil schon an der Sehne haben. Das bedeutet aber, dass man eine gewisse Übung haben muss. Die fehlt aber den meisten von vorneherein. Entsprechend muss die Antwort jeweils einfach, schlicht und entwaffnend sein. Die Vorschläge im Artikel sind zur Illustration gut, in der Praxis aber zu kompliziert. Insbesondere, wenn eine grössere Runde beteiligt ist (grosses Meeting, Versammlung, etc.) bei der die Hälfte schläft oder gerade aufgewacht und nicht bereit ist, raffinierte Erwiderungen zu verarbeiten. Daher: Als erste nonverbale Konfrontation eine kurze Zäsur/Denkpause einlegen bei gleichzeitigem (missbilligenden) Blickkontakt und dann eine simple und klar formulierte Frage, um den Ball zurückzuspielen und das Gegenüber zur Reaktion zu zwingen: "Hat diese Aussage irgendeine Relevanz?", "Wie soll ich das verstehen?", "Was wollen Sie damit sagen?", "Kommt da auch noch ein Argument?", "Können Sie das nochmal wiederholen?"
mat_1972 25.04.2017
5.
Zitat von kuchengespenstWer sich solche Wortstanzen für reale Situationen zurechtlegt, hat wirklich Probleme. Den Großteil dieser "Schwätzer" kann man einfach auslachen und ignorieren, fertig. Die Welt ist kein Text-Adventure, und man kann auch nicht mal eben auf Pause drücken um sich den besten Spruch zurechzulegen. Authentisch und selbstbewusst reagieren aber schon.
Ja, richtig. ABER: Dafür bedarf es einiger Erfahrung im Umgang mit diesen Dampfplauderern und Schwätzern bzw. Lebenserfahrung. Wer unter 30 (willkürliche Zahl) ist, kann mit solchen Büchern bestimmt einiges im Umgang mit destruktiven "Kollegen" lernen
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.