PR des Virgin-Chefs Richard Branson schafft Urlaubsanträge ab

Urlaub nehmen, egal wann und wie viel - das will Virgin-Chef Richard Branson seinen Angestellten erlauben. Doch das vermeintlich großzügige Angebot könnte manchen Mitarbeiter die Karriere kosten.

Zufriedener Richard Branson: Die neue Regelung soll die Arbeitsmoral steigern
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Zufriedener Richard Branson: Die neue Regelung soll die Arbeitsmoral steigern


Hamburg - So viel Urlaub machen, wie man möchte - das klingt für viele Angestellte wie ein schöner Traum. Richard Branson will ihn für seine Mitarbeiter wahr machen. So mutet zumindest ein Blog-Eintrag auf der Webseite seiner Unternehmensgruppe Virgin an. "Es ist allein Sache des Arbeitnehmers zu entscheiden, ob und wann er ein paar Stunden, einen Tag, eine Woche oder einen Monat freinehmen will", schreibt er. Das bedeutet für seine Angestellten: Urlaub muss künftig weder beantragt noch genehmigt werden.

"Wir sollten uns darauf konzentrieren, welches Pensum die Leute schaffen, und nicht darauf, wie viele Stunden oder Tage sie im Büro absitzen", schreibt Branson weiter. Die Zeit der festen Arbeitszeiten sei definitiv vorbei: "Da wir keine 'Nine to five'-Politik mehr haben, brauchen wir auch keine Urlaubspolitik."

Für die werbewirksame Maßnahme gelten allerdings zwei Einschränkungen. Die Urlaubs-Generalvollmacht gilt bislang nur für insgesamt 170 Virgin-Angestellte der Holdinggesellschaft in England und den USA. Sie arbeiten in Bransons eigenem Stab, für seine Stiftung und in der Vermögensverwaltung. Branson macht aber auch den übrigen Virgin-Mitarbeitern Hoffnung: Falls sich die lockere Urlaubsregelung in seinem Stab bewähre, solle sie auf weitere Teile des Unternehmens ausgeweitet werden.

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Zweite Einschränkung: Die Arbeit muss erledigt werden und darf nicht liegen bleiben. Er erwarte von seinen Angestellten, dass diese verantwortungsvoll mit der Regelung umgingen, schreibt der 64-Jährige. Im Klartext: Mitarbeiter sollten nur freinehmen, "wenn sie sich 100 Prozent wohl damit fühlen und sicher sind, dass sie und ihr Team bei jedem Projekt im Zeitplan liegen und ihre Abwesenheit in keiner Hinsicht das Unternehmen schädigt - und übrigens auch ihre Karriere!"

Genauso gut hätte Branson schreiben können: "Nimm Urlaub - wenn du dich traust." Denn wer fährt nach dieser Ansage schon entspannt in den Urlaub, wenn Arbeit liegen bleibt? Wer geht nach Hause, wenn die Kollegen Überstunden machen? So gesehen kann unbegrenzter Urlaub dazu führen, dass niemand mehr freinimmt.

Das zeigen andere amerikanische Firmen wie Evernote: Auch beim IT-Dienstleister gilt die "Urlaub ohne Ende"-Regelung. Die Folge: Manche Mitarbeiter haben seit Jahren keinen Urlaub mehr gemacht. Das Unternehmen zahlt seinen Angestellten deshalb 1000 Dollar, wenn sie mindestens eine Woche im Jahr freinehmen.

Branson nennt in seinem Blog-Eintrag die US-Firma Netflix als Vorbild für seine Pläne. Der Streaming-Dienst überlässt seinen Mitarbeitern ebenfalls die Entscheidung, wann und wie lange sie Urlaub machen. Bransons Tochter habe ihn auf einen Artikel darüber aufmerksam gemacht. "Ich finde, das würde gut zu Virgin passen", schrieb sie ihm in einer E-Mail. Ein Freund von ihr habe dieselbe Regelung in seinem Unternehmen auch eingeführt. Daraufhin seien Kreativität und Produktivität durch die Decke gegangen - und die Arbeitsmoral. "Unnötig zu betonen, dass ich davon fasziniert war", schreibt Branson.

la/ant

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bschniewind 26.09.2014
1. Perfide
Was auf den ersten Blick gut klingen mag, ist eine ganz perfide Methode, um den Urlaub der Arbeitnehmer zu kürzen. In Zeiten wo jeder Nachmittags nicht der Erste sein will der nach Hause geht und enormer Konkurrenzdruck herrscht, der sich auch in längeren Bürozeiten äußert, ist diese Art des Urlaubnehmens eine Verkürzung und nichts anderes. Nun wird noch mehr geschielt wer wann wo ist und man versucht sich gegenseitig zu unterbieten.
aramcoy 26.09.2014
2. Nix besonderes
Das machen wir seit mindestens 3 Jahren so. Funktioniert gut, alle sind zufrieden. Produktivität und Stimmung sind gut.
joG 26.09.2014
3. Ich weiß nicht, aber das finde ich....
.....sehr gut. Bei der Arbeit geht es nicht um Zeit. Es geht darum etwas zu tun, die am Ende der Wertschöpfungskette jemandem genug wert ist, dafür genügend zu zahlen um die Kosten der Kette zu decken. Nimmt ein Arbeiter einen Monat frei, so muss der Konsument das bezahlen. Sonst kann die Kette nicht aufrecht erhalten werden und die Jobs sterben. Persönlich habe ich noch nie einen Monat im Jahr genommen und am Anfang nie mehr als 13 Tage im Jahr.
hbblum 26.09.2014
4. Genau so wird das ende....
Jetzt braucht sich der Arbeitgeber keine Gedanken mehr darüber zu machen, wie der Arbeitnehmer seinen gesetzlichen Urlaubsanspruch nimmt. Wer in Urlaub geht, muss mit dem hauen und stechen im Büro rechnen, der Druck steigt und Gewinner ist am Schluss der Arbeitgeber.
dani216 26.09.2014
5. Bei so einer Regelung muß man ja nur den Personalstand
im Verhältnis zum Arbeitsaufkommen so weit reduzieren, dass keiner mehr in Urlaub gehen kann. Und wer entscheidet, welcher Personalstand angemessen ist, auch bei denen, die trotz horrender Überstunden nicht die erwarteten Ergebnisse liefern (können). Solche Systeme können nur auf weitreichender Vertrauensbasis funktionieren. Und da hätte ich bei vielen Arbeitgebern und auch Beschäftigten so meine Bedenken.
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