Aussprache-Datenbank Keine Chance für Zungenknoten

Ob isländische Vulkane oder jemenitische Städte - die Sprecher der "Tagesschau" dürfen nicht ins Stottern kommen. Da hilft Konzentration. Und die verbale Geheimwaffe des Senders: die Aussprache-Datenbank.

"Tagesschau"-Sprecher Jan Hofer im NDR-Studio: Die Aussprache-Datenbank ist "das wichtigste Hilfsmittel aller Nachrichtensprecher"
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"Tagesschau"-Sprecher Jan Hofer im NDR-Studio: Die Aussprache-Datenbank ist "das wichtigste Hilfsmittel aller Nachrichtensprecher"


Manchmal müssen Nachrichtensprecher wahre Wortakrobaten sein. Wenn die Aschewolke des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull in der Gemeinde Rangárþing eystra den europäischen Flugverkehr lahmlegt. Oder das mulmige Gefühl der Paraskavedekatriaphobie umgeht - die Furcht vor dem angeblichen Unglücksdatum Freitag, dem 13. Für Herzklopfen sorgen auch die neuen Werke der französischen Schriftsteller Michel Houellebecq und Frédéric Beigbeder. Den Moderatoren sollte dann besser "WellBeck" und "Begbedee" anstelle von "Hellebeck" und "Bäschbehda" über die Lippen gehen.

Wechselt der Generalsekretär der Vereinten Nationen von "Koo-fi Annahn" zu "'Bahn Ki-Muuhn", verlassen sich Sprecher des öffentlich-rechtlichen Rundfunks nicht auf veraltete Lexika oder Aussprache-Karteikärtchen. Exotische Namen und andere Zungenknoten lösen sie seit mehr als 16 Jahren mit der ARD-Aussprache-Datenbank (ADB) - einem Computerprogramm, das wie eine Art interne Wikipedia-Seite funktioniert, erklärt ihr Leiter, Roland Heinemann. Mit wenigen Klicks verrät das Programm, wie man schwierige Wörter korrekt ausspricht.

Sagt man Kofi Annan - oder Ännen?

Heute stehen rund 340.000 Fachbegriffe, Ausdrücke oder Namen zum Abruf bereit - mehr als das ähnliche BBC-Archiv mit über 200.000 Einträgen. Jedes Jahr wächst die interne ARD-Datenbank um etwa 20.000 Informationen. Die Aussprache-Datenbank sei das wichtigste Hilfsmittel aller Nachrichtensprecher, sagt Jan Hofer, Chefsprecher der "Tagesschau".

"Tagesschau"-Sprecherin Linda Zervakis liest gerade die Morgennachrichten vor - ihr Chef hört mit. Hofer tastet nach einem schwanenhalsförmigen Mikrofon: "Das haben Sie sehr schön gemacht." Letztens habe er Zervakis indes bei einem "Sid-nei" erwischt, "Sid-ni" heißt die australische Metropole aber, sagt er.

Hofer fährt an einem Computer mit der Maus über ein blaues Suchfeld, tippt den Namen des früheren UN-Generalsekretärs ein. Die ADB spuckt "Annan" in einer Liste aus - als Lautschrift, als verständlichere Umschrift, als Audio-Datei, als Hintergrundinformation. "Wir haben ihn anfangs Ännen genannt, da er aus Ghana kommt, da spricht man Englisch", sagt Hofer.

Einen Korrespondent habe er später nach der richtigen Aussprache gefragt: "Annan, like German Anna", lautete die Antwort. In der Datenbank ist sie nun als Quelle unter dem Zeitstempel 17.02.1998 verbucht. In der Regel würde in Botschaften, Konsulaten oder bei Auslandskorrespondenten nachgefragt, in Enzyklopädien nachgeschlagen oder bei fremdsprachigen Kollegen angerufen.

Regional verpflichtet: Die Giraffe heißt in Österreich Schiraffe

Die ADB wird seit 16 Jahren vom Hessischen Rundfunk verwaltet - ursprünglich wegen des kurzen Drahts zur Duden-Redaktion in Mannheim. "Der Aussprache-Duden war die Grundlage für die Aussprache-Datenbank. Allerdings ist er teilweise veraltet, weil sich die Sprache ständig ändert", erklärt Hofer. Ein weiteres Problem: Das Nachschlagewerk lehne sich bei Ortsbezeichnungen eng an die Lautsprache an, berücksichtige aber kaum die regionalen Gepflogenheiten.

Aus manchen Sprachen könnten Aussprachen nicht Eins-zu-eins übernommen werden, etwa beim Arabischen. Diese Wörter würden für die Ohren hierzulande eingedeutscht, "weil manches auch in Deutsch merkwürdig klingen würde, wenn wir es so aussprechen würden", sagt Hofer. Es gilt der Grundsatz: "Der Zuschauer muss immer wissen, um was es geht." Auch regionale Sonderregeln für die staatlichen schweizerischen, österreichischen und italienischen Rundfunksender, die ebenfalls an die ADB angeschlossen sind, wurden eingepflegt. Für Österreicher heißt es eben "Schiraffe", nicht "Giraffe", erklärt Heinemann.

Das ZDF unterhält übrigens keine eigene Datenbank, sondern verlässt sich nach Angaben eines Sprechers auf die Kommunikation unter den Kollegen.

Die Regeln der ADB sind für alle Mitarbeiter im Sendegebiet der ARD verbindlich. Trotz des digitalen Helfers sind jedoch selbst erfahrene Ansager gegen manchen fiesen Versprecher nicht gefeit: "Mit Massachusetts habe ich es nicht so", sagt Zervakis, "vor kurzem bin ich über das Wort irregulär gestolpert. Das kann passieren, vor allem nachts, wenn man unkonzentriert ist."

David Fischer/dpa/end

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Dr_EBIL 08.02.2014
1. Aussprache korrekt
Ansonsten alles FAKE von Make-up bis Teleprompter; Sowie der Inhalt und besonders die Auswahl der Nachrichten, was gesendet wird und was nicht. Viel zu oft werden Reden von Politikern gesendet, die auch nur von A bis Z lügen. Kann sich z.B. noch wer an die Neujahrsansprache der Merkel erinnern? Was die gesagt hat und falls ja - falls jemand so blöde war - was die davon schon eingelöst hat? Niemand tut sich einen Gefallen, wenn er zuviel Politpropaganda anschaut. Wer heutzutage noch Tagesschau oder Heute journal schaut, der ist sehr schlecht informiert. Ein Buch lesen oder eigene Internetrecherche bei google, wiki oder youtube ist weit besser. Diese Nachrichtensendungen sind reines Staatspropaganda-TV. Selbst der Iran betreibt mittlerweile eine "Wochenschau". Die Tagesschau sah der "Deutschen Wochenschau" der Nazis frappierend ähnlich. Es war ja auch die Nachfolgesendung. Dass es das heute immer noch gibt, ist echt ein Armutszeugnis. Traurigerweise sind selbst Al Jazeera America/English oder Russia Today (im Internet) teils informativer und kritischer bei Themen, die sie nicht selbst betreffen. Schaut man diese regulierten Staatsmedien von diktatorischen Regimen an, sieht man wie die deutschen Staatsmedien genauso zensieren, also von wegen Demokratie und große Meinungsfreiheit.
emma04 08.02.2014
2. Die österreichische Aussprache
von Giraffe ist wahrscheinlich die korrekte Form, den auch im Englischen heißt das Tier Tschiraf und im von Giraffe ist wahrscheinlich die korrekte Form, den auch im Englischen heißt das Tier Tschiraf und im Französischen Schiraf. Im deutschen Fernsehen hört man auch oft Kile statt Tschile (für Chile) und das ist definitiv falsch.
behrens 08.02.2014
3. Arabische Namen
Zwar muessen die Sprecher die Namen arabischer Politiker nicht aussprechen wie Araber, aber sie koennten sie allmaehlich richtig betonen. Es heisst Naser, Asad, Salih werden auf der ersten Silbe betont. Warum man immer die letzte Silbe betont (auch fuer deutsche Namen ungewoenlich) laesst sich nur damit erklaeren, dass es ich exotischer anhoert und den Sprecher als Intellktuellen ausweist. Dr Gerhard Behrens
Holledauer 08.02.2014
4. Ich nehme an, dass dies dem Tier ziemlich egal ist,
Zitat von emma04von Giraffe ist wahrscheinlich die korrekte Form, den auch im Englischen heißt das Tier Tschiraf und im von Giraffe ist wahrscheinlich die korrekte Form, den auch im Englischen heißt das Tier Tschiraf und im Französischen Schiraf. Im deutschen Fernsehen hört man auch oft Kile statt Tschile (für Chile) und das ist definitiv falsch.
denn 1. Es guckt grundsätzlich keine Nachrichtensendungen, denn die Klotzen stehen zu tief und das Tier möchte seiner Wirbelsäule außer der Verrenkung beim Trinken weitere Belastungen ersparen. 2. Auch wenn die Tiere untereinander kommunizieren, verwenden sie praktisch nie den Gattungsnamen. Wir sagen ja schließlich auch nicht "das Menschenweibchen Merkel", sondern "Frau Merkel"!
pitterw 08.02.2014
5. Das Rimski-Korssakow Syndrom...
...schein wohl vergessen? "Rimski-Korssakow war der Schrecken jedes Ansagers und Ansagerin, als es diese noch gab. Also übte die neue Ansagerin Tag und Nacht, bis der große Tag kam: "Liebe Hörer, jetzt folgt (fehlerlos!) von Nikolai Rimski-Korssakow das Stück: "Die Hirtensucht des Sehnenmädchens."
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