Zukunft der Arbeit Werde ich bald wegdigitalisiert?

Roboter krempeln den Arbeitsmarkt um, Maschinen werden Millionen Jobs übernehmen. Mit fünf Fragen können Sie erkennen, ob Ihr Job in Gefahr ist - und rechtzeitig gegensteuern.

Kollege Roboter übernimmt
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Kollege Roboter übernimmt

Von Jens-Uwe Meyer


Sie sind im Transportwesen oder in der Logistik tätig? Dann wissen Sie schon, dass autonome Autos und Lieferwagen den Fahrern in den kommenden Jahren möglicherweise die Jobs wegnehmen werden.

Sie sind Anwalt oder Arzt, Steuerberater oder Führungskraft in einer Versicherung? Dann machen Sie sich vermutlich eher keine Sorgen, dass Ihnen die Digitalisierung gefährlich wird. Das sollten Sie aber.

Der digitale Wandel wird Aufgaben von Menschen ersetzen, die heute nicht im Entferntesten damit rechnen. Ist auch Ihr Job in Gefahr? Das können Sie mit den folgenden Fragen selbst herausfinden.

1. Rufen Sie bestehendes Wissen und bestehende Regeln ab?

Für Steuerberater gibt es eine Zahl X möglicher Einkommenssituationen und eine Zahl Y von Steuervorschriften - ein Musterbeispiel für Aufgaben, die durch digitale Technologien ersetzt werden können. Andersherum gefragt: Warum gibt es überhaupt Steuerberater? Würde bei jedem Zahlungsvorgang automatisch die fällige Steuer berechnet und eingezogen - hätte sich die Zunft jemals etabliert? Falls Sie in einem Beruf tätig sind, bei dem der situative Abruf von bestehendem Wissen oder von bestehenden Regeln im Vordergrund steht, seien Sie sich bewusst: Ihre Aufgabe kann digitalisiert werden.

2. Üben Sie sich häufig wiederholende Tätigkeiten aus?

Ein Kreditsachbearbeiter einer Bank prüft vor jeder Entscheidung mit den gleichen Unterlagen, ob ein Unternehmen kreditwürdig ist oder nicht, und jedem Kunden wird wieder und wieder erklärt, welche Dokumente benötigt werden. Auch jemand, der anderen die Grundlagen des Programmierens beibringt, wiederholt sich ständig. Dadurch sind beide Berufe stark anfällig für die Digitalisierung. Automatisierte Kreditentscheidungen und Programmierkurse ohne Trainer gibt es tatsächlich schon.

3. Machen viele andere das Gleiche?

Digitalisierung lebt von Skalierung. Sind Sie die einzige Person in Ihrem Unternehmen oder in Ihrer Branche, die Ihre Tätigkeit ausführt, ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie digitalisiert werden, relativ gering. Wenn Sie aber das Gleiche tun wie Tausende andere, besteht ein hohes Risiko, dass Ihr Job digitalisiert wird.

4. Übertragen Sie manuell Daten?

Nehmen wir an, Sie sind in der Bestellannahme eines Großhändlers tätig. Warum existiert Ihr Job? Weil das IT-System des Kunden noch nicht mit dem IT-System des Großhändlers korrespondiert. Im Prinzip sind Sie das, was Programmierer eine "Schnittstelle" nennen: Sie übertragen Daten von Papier in ein Computersystem. Mit hoher Wahrscheinlichkeit sitzt auf der Kundenseite eine andere Person, die eine Bestellung aus einem IT-System auf Papier ausdruckt und Ihnen schickt. Sobald die Systeme miteinander kommunizieren können, werden gleich zwei Jobs wegdigitalisiert.

5. Kann Ihr Arbeitgeber Ihre Leistung problemlos anderswo einkaufen?

Wer Bilder für Werbebroschüren bearbeitet, Webanimationen oder Erklärvideos erstellt, glaubt möglicherweise, dass man Kreativität nicht digitalisieren könne. Das stimmt. Es gibt jedoch ein weiteres Prinzip digitaler Disruption: "Crowdification". Aufgaben, die früher ein Festangestellter innerhalb eines Unternehmens erledigt hat, werden an sogenannte "Crowdworker" herausgegeben: Menschen, die weltweit vergleichbare Ergebnisse abliefern. Ein Video kann auch in Rumänien geschnitten, eine Webanimation in Südafrika oder Neuseeland angefertigt oder ein Artikel in den USA geschrieben werden.

Und nun? Es gibt drei Strategien, mit denen Sie Ihren Job sichern können:

1. Treiben Sie die Digitalisierung aktiv voran

Auch wenn es sich am Anfang merkwürdig anfühlt: Tragen Sie aktiv dazu bei, Ihren Job zu kannibalisieren. Sie entwickeln sich dabei weiter und sammeln wertvolles neues Wissen. Das macht Sie für Ihren oder künftige andere Arbeitgeber umso attraktiver.

2. Spezialisieren Sie sich

Die Chance, dass ein Fachanwalt für deutsch-chinesische Handelsverträge durch einen Algorithmus ersetzt wird, ist relativ gering. Ein Facharbeiter, der die gesamte Produktionsanlage von vorne bis hinten kennt, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit ebenfalls nicht wegdigitalisiert. Und ein Steuerberater, der Unternehmen bei ihren Wachstumsstrategien und im Cash-Flow-Management berät, ist deutlich schwerer zu ersetzen als einer, der Belege bucht.

3. Schaffen Sie neues Wissen!

Überall werden neue Prozesse und Abläufe erarbeitet, neue Wertschöpfungs- und Arbeitsmodelle entwickelt und getestet. Schlagen Sie sich auf die Seite derer, die Veränderungen aktiv vorantreiben, auch wenn diese zunächst wenig mit Digitalisierung zu tun haben. Je früher Sie sich auf die anstehenden Veränderungen in der Arbeitswelt einstellen, desto besser.

Zum Autor
  • Jens-Uwe Meyer war Polizeikommissar in Hamburg, ProSieben-Studioleiter in Jerusalem und Washington und Programmdirektor beim Radio. Heute arbeitet er als Managementberater und entwickelt mit seinem Unternehmen Innolytics cloudbasierte Innovations- und Community-Software. Zum Thema Innovation hat er neun Bücher geschrieben, gerade erschienen ist: "Digitale Disruption. Die nächste Stufe der Innovation".


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merapi22 01.11.2016
1. Dank Roboter und BGE sind wir nicht arbeitslos, sondern arbeitsfrei
Das Glas ist halbvoll. Erst durch Wissen und technische Möglichkeiten können wir heute 8,4 Milliarden Menschen ernähren und jeden ein sehr gutes Leben ermöglichen. Durch mehr Wissen wird sich unsere Lebensqualität unglaublich verbessern. Wir brauchen jetzt nur den Schlüssel zur gerechten Verteilung und dieser Schlüssel ist das bedingungslose Grundeinkommen, welches Einkommen von Erwerbsarbeit entkoppelt. Die Gesellschaft hinkt der technischen Entwicklung hinterher, darum braucht es das BGE, damit man die vielen Güter auch kaufen kann.
sammilch 01.11.2016
2. Kommentar
Nehmen wir nicht akademischen, nicht kreativen, nicht pflegenden Berufe, dann werden wir wohl alle irgendwann ersetzt. Natürlich könnte mir ich jetzt noch "Fachwissen" und Spezialisierungen aneignen - dann werde ich (und sicher auch hunderttausende andere, gewöhnliche Arbeitnehmer) trotzdem "wegdigitalisiert". Ist kein Drama. Der Mensch braucht keine Arbeit. Der Mensch braucht nur Geld. Ich denke, ich spreche für viele normale Arbeitnehmer, die nach der Mittleren Reife eine Ausbildung gemacht haben (ohne Besonderheiten). Jeder ist ersetzbar. Die Frage ist doch, ob dieser Wandel auch wirklich eintreten wird. Oder ob die Gesellschaft weiterhin am Menschen interessiert ist. Am Ende entscheiden wir, Arbeitnehmer und Arbeitgeber, in welchem (Arbeits-)Umfeld wir leben wollen.
Sibylle1969 01.11.2016
3. Manuelle Datenübertragung, -Erfassung von Paper
Um das zu automatisieren, müssen nicht unbedingt alle Systeme miteinander kommunizieren. In vielen Fällen wäre das zu aufwendig oder zu kompliziert. Data Capture heißt das Zauberwort. Das Papier wird gescannt, und die Software klassifiziert das Dokument und liest die Daten aus, die auf dem Dokument stehen. Menschen korrigieren dann nur noch die Lesefehler bzw. klären die Zweifelsfälle. Man kann davon ausgehen, dass im Bereich Kreditorenbuchhaltung fast alle Großunternehmen in D schon solche Lösungen im Einsatz haben. Wenn eine Rechnung eine gute Druck- und Scanqualität hat und fachlich korrekt ist, wird sie komplett dunkel gebucht, dh nach dem Scannen komplett automatisch verarbeitet und auch im SAP automatisch bezahlt. Bei Millionen Rechnungen pro Jahr kann man sich leicht die Kosteneinsparung vorstellen. Geht natürlich auch mit anderen Dokumenten. Auch die Öffentliche Hand arbeitet zur Zeit an solchen Projekten. Stichwort e-Akte...
rolli 01.11.2016
4.
Ein witziges Beispiel ist die Sanierung der Zeis AG nach der Wende. Lothar Spät wurde gebeten die Firma aus Jena zu sanieren, und seine erste Handlung war 5000 Gläserschleifer zu entlassen. Als der Turnaround geschafft war suchte er händeringend 4000 Glasschleifer fand aber nur ganz wenige. Gund war, dass er die Handschleifer entlassen hatte und die Maschinenschleifer nicht vorhanden waren. rolli
thoerchen 01.11.2016
5. Die Übergangszeit ist das Problem
Sollte die Mensch tatsächlich jemals an den Punkt kommen, an dem alle Waren und Dienstleistungen mittels KI und Robotern hergestellt bzw. erbracht werden, dann sind wir wirklich arbeitsfrei. Und benötigen auch kein Geld mehr. Gibt ja ALLES umsonst. Bis dahin allerdings ist noch ein SEHR weiter Weg, auf dem sehr viele Menschen feststellen werden, dass ihre bisherige Produktivität nicht das Geld erwirtschaftet, das sie zum (Über-)Leben benötigen. Dann benötigen wir tatsächlich ein BGE, das durch Abgaben derjenigen Unternehmen erwirtschaftet wird, die ihre Produktion auf inhumane Wertschöpfung umstellen. Allerdings steht zu befürchten, das diese Unternehmen einfach ihren Sitz in einen Staat verlegen, in dem diese Abgaben nicht oder nur in geringem Umfang anfallen. Kennt man ja - Steueroptimierung... Womit das Gefälle zwischen arm und reich erhalten bliebe und den Letzten dann die Hunde beissen: Uns!
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