Sex-Therapeutin "Dr. Ruth" ist auch mit 90 noch im Job

Sie überlebte den Holocaust und wurde in den USA zur wohl bekanntesten Sex-Beraterin. Jetzt wird "Dr. Ruth" 90 Jahre alt - und arbeitet weiter.

Ruth Westheimer
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Ruth Westheimer


Sie selbst bezeichnet sich gern als "1 Meter 40 konzentrierter Sex": Ruth Westheimer ist Kult in den USA. Seit Jahrzehnten erklärt sie den US-Bürgern, was guten Sex ausmacht - und das mit hessischem Dialekt. Denn "Dr. Ruth" wurde in Deutschland geboren. Am Montag feiert sie ihren 90. Geburtstag - an Rente denkt sie aber noch lange nicht.

Westheimer hat über 30 Sachbücher zum Thema Sex geschrieben, zuletzt widmete sie sich dem Sexualleben der Generation der über Fünfzigjähren. In den Achtzigerjahren moderierte sie erstmals die 15-minütige Radiokolumne "Sexually Speaking". Immer wieder tritt sie zudem als Gastdozentin an den Eliteunis Harvard und Princeton auf. Vor Kurzem wurde Westheimer in die deutsch-amerikanische Ruhmeshalle aufgenommen.

"Ich habe viel Respekt für meine Herkunft", sagte sie damals - wie immer mit starkem hessischen Zungenschlag im Englischen. "Und auch wenn wir hier in diesem Land gerade durch sehr schwierige Zeiten gehen, werden wir es überstehen, denn die USA sind ein starkes Land."

Geboren wird "Dr. Ruth" 1928 als Karola Ruth Siegel in der Nähe von Frankfurt am Main, daher auch der Akzent. Ihre Eltern sind jüdisch-orthodox. Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wird die damals Zehnjährige in einem Kindertransport in die Schweiz gebracht. So entkommt sie dem Holocaust, ihre Eltern und die geliebte Großmutter aber sieht sie nie wieder. Die Nationalsozialisten ermorden Mutter und Vater im Konzentrationslager Auschwitz.

Nach dem Krieg, noch als Teenager, zieht Ruth nach Palästina, wird zur Scharfschützin ausgebildet und kämpft im Untergrund für ein freies Israel. Nachdem sie von einer Granate schwer verletzt wird, beginnt sie ein Studium an der Sorbonne in Paris.

Ein Scheck der Bundesregierung über 5000 Mark zur Entschädigung für erlittenes Leid ermöglicht es ihr 1956, in die USA zu gehen. Dort arbeitet sie zunächst für einen Dollar in der Stunde. Schließlich bekommt sie die Chance, ihr Soziologiestudium fortzusetzen, macht ihren Doktor, heiratet Manfred Westheimer und bekommt zwei Kinder.

"Untrennbar mit dem Thema Sex verbunden"

In den Achtzigerjahren beginnt ihre Karriere als Sex-Therapeutin. Offen spricht sie in ihrer Radiosendung "Sexually Speaking" eines New Yorker Lokalsenders über Ejakulation und Masturbation. Hunderttausende suchen seither im Schutz der Anonymität den Rat der mütterlichen Expertin. "Ihr Name und der ausgeprägte Klang ihrer Stimme sind untrennbar mit dem Thema Sex verbunden", urteilte einmal die "New York Times". Schnell wurde auch das Fernsehen auf "Dr. Ruth" aufmerksam.

"Die Fragen sind überall die gleichen", sagte Westheimer einmal. Zwar brüste sich jedes Land, die besten Liebhaber zu haben. Sie aber könne keinen Weltbesten erkennen. Purer "Quatsch" sei auch das Vorurteil, Amerikaner seien prüder als Europäer.

"Hitler hat nicht gewonnen!"

In ihre Heimatstadt Frankfurt kehrt "Dr. Ruth" jedes Jahr zur Buchmesse zurück. "Um den Bahnhof mache ich einen großen Bogen", erzählt sie. Das erinnere sie zu sehr an das Schicksal ihrer Familie.

"Aber in meiner alten Wohnung in der Brahmsstraße 8, im Nordend, habe ich mich noch einmal umgeschaut", sagt sie. "Es ist schwierig für mich, aber ich gehe stolz und mit geradem Rücken. Hitler hat nicht gewonnen! Er wollte, dass ich sterbe. Stattdessen habe ich jetzt Kinder und Enkelkinder. Damals war es eine Flucht. Jetzt schlafe ich im Hotel 'Frankfurter Hof'. Wer hätte das gedacht?"

von Christina Horsten/dpa/koe



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