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26. Juli 2018, 09:40 Uhr

Ryanair-Flugbegleiterin packt aus

"Wenn ihr für 20 Euro in den Urlaub fliegt, hat das seinen Preis"

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Sie muss ihre Verpflegung fürs Flugzeug selbst mitbringen, verdient wenig - und bei Flugausfällen gar nichts: Hier berichtet eine Flugbegleiterin von Ryanair von ihren miserablen Arbeitsbedingungen.

Das Kabinenpersonal von Ryanair ist am Mittwoch in mehreren Ländern in Streik getreten. Zwei Tage lang wollen Flugbegleiter und Piloten nicht zur Arbeit erscheinen. Europas größte Billigfluggesellschaft musste daher mitten in der Ferienzeit europaweit allein am Mittwoch um die 400 Flüge streichen. Die Kunden sind verärgert, und das Management von Ryanair drohte als Konsequenz des Streiks mit Stellenstreichungen.

Was steckt hinter dem Streik? Hier berichtet eine Ryanair-Flugbegleiterin von miserablen Arbeitsbedingungen. Die Mitarbeiterin möchte zu ihrem eigenen Schutz anonym bleiben.

Laut der Gewerkschaft Ver.di sind die meisten Flugbegleiterinnen bei Ryanair zwischen 18 und 30 Jahre alt und kommen aus wirtschaftlich gebeutelten Krisenländern in Süd- oder Osteuropa. Viele verlassen das Unternehmen nach kurzer Zeit wieder. Wer allerdings keine Fremdsprachen spricht, - Ryanair verlangt nur Englisch - dem falle ein Wechsel in Deutschland schwer. Und: Viele haben noch Schulden bei ihrem Arbeitgeber, da Flugbegleiter bis vor Kurzem ihre interne Kurzausbildung selbst zahlen mussten.

In der jüngeren Vergangenheit hat es immer mehr Zusammenschlüsse von Ryanair-Mitarbeitern gegeben, die etwas in ihrem Unternehmen verändern wollen. Und das möchte auch unsere Gesprächspartnerin.

Zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist in vielen Berufen jede Menge Platz. In der Serie "Das anonyme Job-Protokoll" erzählen Menschen ganz subjektiv, was ihren Job prägt - ob Tierärztin, Staatsanwalt oder Betreuer im Jobcenter.

"An alle Fluggäste, die wegen der Streiks bei Ryanair mit Verspätungen rechnen müssen: Bitte habt Verständnis. Unsere Arbeitsbedingungen lassen leider keine andere Möglichkeit zu. Wenn ihr für 20 Euro in den Urlaub fliegt, hat das seinen Preis. Und den zahlt bei Ryanair vor allem das Personal.

Video: Streik bei Ryanair

Ich komme aus einem europäischen Land, in dem es für junge Menschen nur wenig Perspektiven gibt. Ich wollte hinaus in die Welt ziehen, Neues lernen und entdecken, mein Leben verbessern. Dann las ich vor fünf Jahren, da war ich Anfang 20, das Jobangebot von Ryanair im Internet und war begeistert. Es schien der perfekte - und in meiner Situation einzige - Weg, um mein Ziel zu erreichen. Denn Ryanair stellt Flugbegleiter auch ohne Berufsausbildung und ohne besondere Fremdsprachenkenntnisse ein.

Als ich nach einer kurzen und unkomplizierten Bewerbungsphase die Zusage per E-Mail bekam, war ich überglücklich. Auch meine Familie war sehr stolz. Den ersten Haken entdeckte ich allerdings wenige Tage später: Ich erhielt eine zweite E-Mail, in der eine Bankverbindung stand. Ich wurde aufgefordert, 3000 Euro zu überweisen, um ein sechswöchiges Training zu bezahlen, meine Ausbildung zur Stewardess. Ich kenne keine Airline, bei der man sein Flugbegleiter-Training selbst zahlen muss.

Ich hatte großes Glück: Meine Familie unterstützte mich. Alle legten zusammen, und ich konnte das Geld direkt überweisen. Viele meiner Kollegen kommen aus noch ärmeren Verhältnissen als ich. Ryanair hat ihnen die Möglichkeit gegeben, das Geld in Monatsraten abzuzahlen. Das bedeutet allerdings, dass viele schon mit mehreren Tausend Euro Schulden in den Beruf starteten, denn auch unsere Berufskleidung müssen wir selbst bezahlen.

Seit wenigen Wochen hat Ryanair das System umgestellt: Wer jetzt 'ausgebildet' wird, muss dies nicht mehr selbst zahlen, sondern erhält sogar ein Minigehalt - immerhin.

Nettoverdienst zwischen 700 und 1300 Euro

Ich fand das Training sehr hart. Von morgens um acht bis spätabends lernte ich alles über die Maschinen, Flugsicherheit und Gästebetreuung. Abends bekamen wir noch viele Lernmaterialien mit, die wir in der Nacht und am Wochenende lesen mussten. Nach etwa drei Wochen war ich an meiner Belastungsgrenze angekommen. Aber ich zog es durch, um mir meinen Traum zu erfüllen.

Mein Verdienst ist leider nicht gerade traumhaft. Ich habe einen irischen Arbeitsvertrag über eine Leiharbeitsfirma, so wie mehr als die Hälfte der in Deutschland arbeitenden Ryanair-Mitarbeiter. Das bedeutet: Obwohl ich in Deutschland arbeite und lebe, habe ich keine deutschen Rechte in der Arbeit. Und einen Nettoverdienst von 700 bis 1300 Euro. Es dauert Jahre, von diesem Geld die angehäuften Schulden zu begleichen, wenn man keine Unterstützung von seiner Familie hat. Und in den vergangenen fünf Jahren ist mein Gehalt nicht gestiegen.

Mein Leiharbeitsvertrag heißt auch: Ich bin nur befristet beschäftigt, bekomme kein Grundgehalt, sondern nur die Stunden werden bezahlt, die ich tatsächlich fliege - und ich erhalte Provisionen, wenn ich den Passagieren an Bord Essen und Getränke verkaufe. Alle Vorbereitungen, die vom Boden aus getroffen werden, und auch der Anfahrtsweg werden nicht bezahlt. Es kommt sehr häufig zu Verspätungen oder Flugausfällen, weil zum Beispiel das Personal falsch eingeteilt wurde. Diese Überstunden bekommen wir auch nicht vergütet.

Ich bekomme auch keine Lohnfortzahlung, wenn ich krank bin. Außerdem habe ich keine feste Zahl an Stunden, die ich jeden Monat arbeite, und das Unternehmen kann mich kurzfristig in die Basis einer anderen Stadt oder eines anderen Landes versetzen. Es ist festgelegt, dass eine Stewardess innerhalb von 28 Tagen maximal 100 Stunden fliegen darf. Nur diese Flugzeit wird pro Stunde vergütet, ich habe aber keinen Anspruch darauf, jeden Monat die vollen 100 Stunden arbeiten zu können. Das alles macht meinen Verdienst unsicher.

Gestreikt wird nun unter anderem dafür, dass die Leiharbeiterinnen die gleichen Bedingungen bekommen wie die Festangestellten, wobei auch die häufig sehr wenig verdienen. Andere Billigfluggesellschaften wie Easyjet haben inzwischen immerhin Tarifverträge und zahlen bis zu 1000 Euro mehr pro Monat.

Eine Kollegin darf keine Thrombosestrümpfe tragen

Im Flugzeug bekommen wir auch keine Verpflegung, sondern wir müssen für Essen und Getränke selbst zahlen oder uns etwas mitbringen. Auch bei der Kleidung gibt es strenge Vorgaben. Die Frauen tragen beispielsweise eine Strumpfhose mit vorgegebener Den-Zahl, also einer bestimmten Stärke. Ich habe eine Kollegin, die aufgrund von Thrombosegefahr bei jedem Flug Stützstrümpfe tragen müsste. Dies wurde ihr von ihrem Vorgesetzten verboten, weil der Den-Wert über dem der Ryanair-Kleiderstandards liegt. Aus Angst, ihren Job zu verlieren, trägt sie nun die von Ryanair gewünschten Strumpfhosen - trotz des Gesundheitsrisikos.

Kranksein ist überhaupt ein Problem, wenn man bei Ryanair arbeitet. Selbst wenn man ein Attest vorlegt, kommt es vor, dass man angerufen wird oder eine E-Mail erhält, in der man nach dem genauen Grund des Fehlens gefragt wird. Außerdem führt Ryanair offenbar eine Statistik, in der die Krankentage der einzelnen Mitarbeiter aufgelistet werden. Ich habe schon von Kollegen gehört, die wegen zu hoher Fehlzeiten ermahnt und denen sogar mit einer Kündigung gedroht wurde. Aus Angst gehen viele Beschäftigte deshalb krank zur Arbeit.

Warum ich trotz dieser Bedingungen bei Ryanair bleibe? Weil ich etwas verändern will. Ich möchte helfen, das Unternehmen zu verbessern, für mich und für nachfolgende Generationen von Flugbegleiterinnen. Mittlerweile sind die Angestellten bei Ryanair gut vernetzt und organisiert. Ich wünsche mir sehr, dass die Streiks etwas bewirken. Trotz allem, was ich erlebt habe, bin ich dem Unternehmen nämlich auch dankbar. Ich bekam hier die Möglichkeit, meinen Traum zu verwirklichen."

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