Ärger an Bord "Französische Flugbegleiter fesseln anders als die von KLM"

In einem Flugzeug beschimpft ein Mann eine alte Dame rassistisch und darf trotzdem mitfliegen. Flugbegleiter und Gewerkschafter Daniel Flohr erklärt, wie man Eskalationen an Bord vermeidet - oder herbeiführt.

Ein Interview von


Zur Person
  • UFO
    Daniel Flohr, 31, arbeitet seit acht Jahren als Flugbegleiter für die Lufthansa. Bei der Gewerkschaft UFO kümmert er sich um den Bereich Tarifpolitik.

SPIEGEL ONLINE: Das Bordpersonal einer Ryanair-Maschine steht in der Kritik, weil es mit einem rassistisch pöbelnden Passagier überfordert gewesen sein soll. Lernen Flugbegleiter eigentlich, wie sie ausfällige Gäste beruhigen können?

Flohr: Ein Deeskalationstraining ist für Flugbegleiter nicht vorgeschrieben. Die großen Airlines machen es auf jeden Fall, aber es gibt keine Garantie, dass sich jeder angehende Flugbegleiter damit beschäftigt. Wir fordern deshalb als Gewerkschaft, dass es verpflichtend in die Ausbildung aufgenommen wird und dass die Behörden auch Mindeststandards dafür vorgeben.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Ihre Ausbildung bei Lufthansa absolviert. Was haben Sie gelernt?

Flohr: Bei der Lufthansa bekommt man deutlich vermittelt: Wir erbringen einen Service, aber wir sind auch für die Sicherheit zuständig. Das heißt, wir sind nicht die Dienstboten der zahlenden Gäste. Wenn jemand sein gutes Benehmen vor der Flugzeugtür lässt, wissen wir damit umzugehen.

SPIEGEL ONLINE: Was heißt das?

Flohr: Alle Flugbegleiter der Lufthansa lernen, an Bord zunächst zu deeskalieren. Notfalls gibt es Techniken, wie sie Gäste, die sich nicht zur Vernunft bringen lassen, fesseln können. Das macht man dann nicht allein, sondern gemeinsam mit anderen Crewmitgliedern.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht das?

Flohr: Wenn jede Airline dieselbe Technik anwenden würde, könnten sich Passagiere mit schlechten Absichten darauf einstellen. Deshalb fesseln französische Flugbegleiter anders als die von KLM oder ehemals Air Berlin.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie schon jemanden gefesselt?

Flohr: Nein, das kommt unheimlich selten vor. Ich habe vor dem Gate einmal einen Mann angetroffen, der herumschrie und die Kollegen am Schalter wegen einer Lappalie beleidigte. Der Kapitän entschied, ihn nicht zu befördern. In der Branche gilt: Alle Probleme, die ich nicht mitnehmen muss, lasse ich da.

SPIEGEL ONLINE: Und wenn das Problem erst in der Luft auftritt?

Flohr: Eine weitere Eskalationsstufe ist ein Formular, das Flugbegleiter ins Cockpit tragen können, damit der Kapitän es unterschreibt. Darauf steht sinngemäß: "Lieber Fluggast, bitte leisten Sie den Sicherheitsanweisungen des Bordpersonals Folge, sonst erwägen wir, eine Zwischenlandung auf Ihre Kosten durchzuführen."

SPIEGEL ONLINE: Das wird teuer.

Flohr: Ja, mit Flughafengebühren, Mehrkosten für Sprit und allen anderen Ausgaben geht das in die Millionenhöhe und führt in der Regel zur Privatinsolvenz. Aber auch das Formular ist nur die Ultima Ratio. Ich habe es noch niemandem ausgehändigt.

SPIEGEL ONLINE: Was hätte die Crew der Ryanair-Maschine nach London tun können?

Flohr: Ich hätte die Situation aufgelöst, indem ich den Gast herausgezogen hätte. Es kommt ja auch mal vor, dass jemand pöbelt, weil der Vordermann seine Rückenlehne zurückgestellt hat. Dann bittet man um ein Vieraugengespräch, zieht sich in die Bordküche zurück, macht den Vorhang zu und spricht dort auf den zwei Quadratmetern über den Vorfall.

SPIEGEL ONLINE: Und wenn der Gast nicht mitkommen will?

Flohr: Dann tauscht man sich mit anderen aus der Crew aus und holt sich dort Hilfe. Wenn der Flieger noch am Boden ist, kann man die Flughafensicherheit anrufen, die trägt Passagiere auch raus. Außerdem haben die anderen Fluggäste meist ebenso wenig Lust, ein solches Verhalten zu ertragen. Sie schreiten dann oft ein und zeigen dem betreffenden Passagier seine Grenzen auf. So war es ja auch in diesem Fall.

insgesamt 39 Beiträge
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Seite 1
siryanow 22.10.2018
1. Ruepel-Passagier
Schrecklicher Ruepel , bei solchen Leuten ist Brexit-Air allemal berechtigt.Die Crew haette diesen Typ bis zum naechstmoeglichen Rauswurf zu den Koffern befoerdern muessen .
geotie 22.10.2018
2.
Solch ein Verhalten von einer Person, die sich für was Besseres hält. Als ob man die Hautfarbe schon bei der Geburt aussuchen könnte! Benehmen kann man sich wiederum aussuchen, aber davon weiß der Mann nichts. Eigentlich sollte sich der Mann dafür schämen, aber solche Leute sind Herrenrasse und sind immer was Besseres. Ekelhaft so was!
publico 22.10.2018
3.
Dass für eine außerplanmäßige Zwischenlandung kosten in Millionenhöhe entstehen, ist Käse.
bcdb 22.10.2018
4.
Ich musste gezwungendermaßen und zu meinem tiefsten Bedauern in jüngster Zeit rund 10x mit RyanAir fliegen. Rinder und Schweine auf ihrem Weg zum Schlachthof werden besser behandelt als Passagiere. Noch schlechter werden die armen, meist südeuropäischen und noch sehr jungen Flugbegleiter mit ihren 12-Stunden Tagen. Glaubt jemand im Ernst, die würden sich für ein Bruttogehalt von 1000 Euro und eine Ausbildung, die sie selbst zahlen müssen, für ihren Arbeitgeber ins Zeug legen und solche Probleme lösen können oder wollen? Das ist ganz allein RyanAir selbst Schuld und Passagiere (wie mich) die dem Laden Geld zahlen. Zum Glück muss ich das nie nie nie wieder tun und ich gehe lieber zu Fuß nach England, als in einen solchen Flieger noch einmal einen Fuß zu setzen. Ausbeuterladen.
BassErstaunt 22.10.2018
5. Millionenhöhe... soso
Eine Zwischenlandung geht in Millionenhöhe? Wirklich? Wer kalkuliert denn da - selbst ein Interkontinentalflug dürfte selten mehr als 300.000 Euro Umsatz bringen. Fliegen muss ja höchst defizitär sein. Zum Glück kalkulieren bei Lufthansa nicht die Flugbegleiter. Dass es teuer wird - keine Frage. Aber wir sollten die Kirche ruhig im Dorf lassen. Landeentgelte findet man für alle deutschen Flughäfen leicht im Internet - und was ein oder zwei Flugstunden mit einem A340 kosten liegt auch deutlich darunter. Bleiben vielleicht noch Schadensersatzforderungen der Mitreisenden.
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