Stellenanzeigen Die Frauenfänger-Software  

Abenteuerlustig, durchsetzungsstark, analytisch: Manche Firmen schrecken Bewerberinnen mit der Formulierung ihrer Stellenanzeige ab - ohne es zu wissen. Softwarehersteller SAP wittert ein Geschäft.

Diese Adjektive werden von der SAP-Software als "männlich" eingestuft

Diese Adjektive werden von der SAP-Software als "männlich" eingestuft

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"Wir würden ja gern mehr Frauen einstellen, aber bei uns bewerben sich nur Männer." Das klingt nach einer typischen Ausrede. Aber manchmal ist es wahr.

Kaum jemand bezweifelt noch, dass Firmen mit offener Unternehmenskultur wirtschaftlich erfolgreicher sind. Erst Anfang des Jahres haben US-Forscher festgestellt, dass es einen verblüffenden Zusammenhang zwischen der Anzahl der weiblichen Führungskräfte und der Höhe des Gewinns gibt. Doch was, wenn die, die mit offenen Armen empfangen werden sollen, gar kein Interesse an der Firma haben?

Dann hilft vielleicht das Umschreiben der Stellenanzeige.

Schon vor zwei Jahren haben Wissenschaftlerinnen der Technischen Universität München herausgefunden, dass die Formulierung einer Ausschreibung darüber entscheidet, ob eine Frau oder ein Mann den Jobzuschlag bekommt - weil sich Frauen im Zweifel gar nicht erst bewerben. Sie fühlen sich von Begriffen wie "analytisch" und "durchsetzungsstark" weniger angesprochen, weil diese mit männlichen Stereotypen verbunden sind. Sie besitzen zwar genau die geforderten Eigenschaften - glauben es aber selbst nicht.

Der Softwarehersteller SAP entwickelt nun ein Programm, das Stellenanzeigen auf solche Wörter oder Phrasen hin untersucht und Alternativen vorschlägt. Auf einer Fachkonferenz in Las Vegas wurde ein Prototyp der Software präsentiert. Sie soll zunächst auf Englisch, später auch auf Deutsch erscheinen. Wissenschaftlerinnen der TU München arbeiten mit Unterstützung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung an einem ähnlichen Programm, das ab 2018 gratis im Internet verfügbar sein soll. Auf Englisch gibt es bereits eine erste Gratis-Version, genannt "Gender Decoder".

"Personaler sind sich oft gar nicht bewusst, welche Wirkung bestimmte Formulierungen haben können. Die Software ist eine Art Alarmsystem, das sie auf solche Fallstricke aufmerksam macht", sagt SAP-Produktmanagerin Daniela Lange.

Mit dem Programm sollen die Personaler zunächst Entwürfe ihrer Stellenanzeigen prüfen können. Weiter angedacht sind Erweiterungen zum Checken von Arbeitszeugnissen oder Zwischenbeurteilungen. "Frauen werden oft als aggressiv beschrieben, während es bei Männern heißt: durchsetzungsfähig. Die Software hinterfragt das: Moment mal, willst du das wirklich so schreiben? Erst dadurch wird einigen klar, dass sie selbst unbewusste Vorurteile haben", sagt Lange.

Um das Programm mit Begriffen zu speisen, haben sie und ihre Kollegen Dutzende Studien zum Thema durchgearbeitet und Listen mit "männlichen" oder "weiblichen" Adjektiven erstellt.

Diese Adjektive werden als "weiblich" bewertet

Diese Adjektive werden als "weiblich" bewertet

Die Software basiert auf maschinellem Lernen: Mit der Zeit erweitert sie sich eigenständig, in dem sie Millionen Stellenausschreibungen nach Sprachbeispielen durchforstet und die Eingaben der Nutzer auswertet.

Das Programm soll als Teil der sogenannten SAP-Success-Factors-Lösung verkauft werden. Zu den ersten Interessenten zählt in den USA die Klinikgruppe Carolinas HealthCare System. Deren Personalchefin sieht das Ganze pragmatisch. Vielfalt und Gleichbehandlung seien auch "eine geschäftliche Notwendigkeit", so Debra Plousha Moore. "Wir müssen überdenken, wie wir Talente auswählen, wie wir sie fördern und wie wir als Organisation wahrgenommen werden wollen."

Wie wichtig es ist, auf die genauen Formulierungen in Stellenanzeigen zu achten, sei Recruitern in Deutschland schon allein deshalb bewusst, weil das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz klare Vorgaben gibt, so Sandra Koch vom Bundesverband der Personalmanager. Eine Software könne hilfreich sein, aber einen Menschen, der arbeitsrechtlich und psychologisch geschult ist, nicht ersetzen. "Schließlich geht es nicht nur um die konkrete Wortwahl, sondern beispielsweise auch um die Bildsprache in den Stellenanzeigen."

Koch sieht aber auch die Bewerberinnen in der Pflicht: "Frauen sollten ihr Bewerbungsverhalten reflektieren und ruhig mehr Eigeninitiative wagen."

Hier ein englischsprachiges Beispiel von SAP, wie eine Anzeige für eine offene Stelle im Verkauf formuliert sein könnte, um eher Männer oder eher Frauen anzusprechen:

"Totally Male"-Version
Dominant technology firm seeks ambitious, assertive, confident, headstrong salesperson to lead our organization into the next era! If you are ready to thrive in a highly competitive environment, this is the job for you.
Qualifications:
  • Superior oral and written communication skills
  • Extensive experience with negotiating and closing sales
  • Outspoken
  • Thrives in competitive environment
  • Self-reliant and able to succeed in an independent setting
Responsibilities:
  • Manage portfolio of clients
  • Aggressively close sales to exceed quarterly quotas
  • Deliver expertise to clients as needed
  • Lead the company into new markets
"Mostly Male"-Version
Dominant technology firm seeks intuitive, assertive, confident, collaborative salesperson to lead our organization into the next era! If you are ready to thrive in a competitive environment that offers flexible scheduling and opportunities for development, this is the job for you.
Qualifications:
  • Superior oral and written communication skills
  • Extensive experience with negotiating and closing sales
  • Outspoken
  • Thrives in competitive environment
  • Self-reliant and able to succeed in an independent setting, as well as collaborate with team members to close deals when needed
Responsibilities:
  • Manage portfolio of clients
  • Aggressively close sales to exceed quarterly quotas
  • Deliver expertise to clients as needed
  • Lead the company into new markets
"Neutral"-Version
Well-established technology firm seeks assertive, confident, knowledgeable, collaborative salesperson to lead our organization into the next era! If you are ready to work in a team that offers excellent compensation, flexible work arrangements, and on-the-job development, this is the job for you.
Qualifications:
  • Excellent oral and written communication skills
  • Extensive experience with selling to clients while also maintaining positive relationships
  • Intuitive and creative, able to think outside the box
  • Thoughtful and trustworthy
  • Experience in working independently as well as collaboratively in a team
  • Able to adapt in a fast-paced work environment
Responsibilities:
  • Maintain relationships with a portfolio of clients
  • Collaborate with clients to close sales to exceed quarterly quotas
  • Deliver expertise to clients as needed
  • Support the company in moving into new markets
"Mostly Female"-Version
Well-established technology firm seeks intuitive, considerate, knowledgeable salesperson to join our company. If you are ambitious and ready to become part of a collaborative, supportive team, this job is for you.
Qualifications:
  • Excellent oral and written communication skills
  • Extensive experience with developing and maintaining client relationships
  • Polite and interpersonal
  • Does well in interdependent, team-based environment as well as on independent projects
Responsibilities:
  • Maintain relationships with a portfolio of clients
  • Sustain client relationship through deal signing
  • Consult with client on key business issues as needed
  • Support the company in moving into new markets
"Totally Female"-Version
Company description: Well-established technology firm seeks compassionate, considerate, knowledgeable salesperson to join our company. If you are ready to become part of a team that fosters trust, support, and customer loyalty, this is the job for you.
Qualifications:
  • Proficient oral and written communication skills
  • Extensive experience with developing and maintaining warm client relationships
  • Polite and interpersonal
  • Does well in supportive, team-based environment
  • Collaborative
Responsibilities:
  • Maintain relationships with a portfolio of clients
  • Nurture client relationship through deal signing
  • Consult with client on key business issues as needed
  • Collaboratively steer the company toward new sales opportunities


Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
mam71 14.09.2016
1.
Ich versteh's nicht so ganz. Wird "exceed quarterly quotas" nun nur von Männern verlangt? Oder wird es den Frauen nur nicht (gleich) gesagt, um sie nicht abzuschrecken? Am Ende gibt's dann wieder Gejammer über geringere Bezahlung, weil mit "nurture relationship" etc. die Provisionsziele nicht erreicht wurden...
hdudeck 14.09.2016
2. Natuerlich ist die Art der Sofware sehr nuetzlich, kann cih doch
1) als Arbeitgeber geziehlt steuern, ob ich Mann oder Frau erreichen will. 2) Als Arbeitnehmer/Konkurent eine Klage wegen Diskrimierung und entsprechende Komensation einreichen, bzw die Einstellungs-Ablaeufe meiner Konkurenz stoeren. Auch sehe ich die Gefahr, das Anzeigen aehnlich wie heute schon Zeugnisse nur noch dahingehend formuliert werden, das sie moeglichst Fall 2) ausschliessen. Mit wenigen Worten, sie werden alle gleich lauten. Kaum eine Chance die richtige Stelle zu finden.
Sibylle1969 14.09.2016
3. Ich bin weiblich
Und arbeite in der IT-Branche in einem Job mit deutlichem Männerüberschuss. Pro Woche bekomme ich ungefähr zwei bis drei Headhunter-Angebote, die meisten in englischer Sprache, und fast alle sind im "totally Male"-Stil verfasst. Manche sind sprachlich so aggressiv, dass mich das total abschreckt. Ich wurde mal allen Ernstes in einem Jobinterview gefragt, ob ich eine aggressive Vertriebspersönlichkeit sei. Um Himmels Willen, das Wort "aggressiv " ist für mich vollständig negativ besetzt, also nein, ich bin nicht aggressiv! Und ich will auch nicht in einer Firma arbeiten, die "aggressives" Personal sucht...
hdudeck 14.09.2016
4. Aggressiv hat im Englishen mehr als eine Bedeutung,
Zitat von Sibylle1969Und arbeite in der IT-Branche in einem Job mit deutlichem Männerüberschuss. Pro Woche bekomme ich ungefähr zwei bis drei Headhunter-Angebote, die meisten in englischer Sprache, und fast alle sind im "totally Male"-Stil verfasst. Manche sind sprachlich so aggressiv, dass mich das total abschreckt. Ich wurde mal allen Ernstes in einem Jobinterview gefragt, ob ich eine aggressive Vertriebspersönlichkeit sei. Um Himmels Willen, das Wort "aggressiv " ist für mich vollständig negativ besetzt, also nein, ich bin nicht aggressiv! Und ich will auch nicht in einer Firma arbeiten, die "aggressives" Personal sucht...
einige sind positiv besetzt. Z.B unter dynamisch: dynamic, vibrant, lively, vigorous, aggressive, zappy. Auch kämpferisch kann manchmal positiv sein, z.B. wenn man seine Meinung vertritt und ncht gleich einknickt. Wer natuerlich lieber den gemuehtlichen Weg geht, auf den wirkt das abschreckend Liste aus Google: aggressiv aggressive, belligerent, pugnacious angriffslustig aggressive, belligerent kämpferisch militant, aggressive, attacking aufdringlich intrusive, pushy, obtrusive, importunate, insistent, aggressive dynamisch dynamic, vibrant, lively, vigorous, aggressive, zappy streitsüchtig quarrelsome, argumentative, contentious, cantankerous, aggressive, bellicose rabiat ruthless, rough, violent, aggressive, wild, breakneck streitlustig argumentative, aggressive
Sibylle1969 14.09.2016
5. @4
Ich weiß, aber das Vorstellungsgespräch, auf das ich mich beziehe, war in deutscher Sprache, und da ist aggressiv für mich eine ausschließlich negative Eigenschaft. Ich kann außerdem gut genug Englisch, um den sprachlichen Duktus einer englischsprachigen Stellenanzeige richtig einschätzen zu können. Fakt ist, dass mich als Frau eine aggressive Formulierung eher abschrecken würde. Und die meisten Stellenanzeigen, die ich jede Woche zu sehen bekomme, haben einen sehr aggressiven Sprachduktus.
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