Magnus Carlsen Was Manager vom Schach-Weltmeister lernen können

Wenig Zeit, ein starker Gegner - und nur einer kann gewinnen. Magnus Carlsen verteidigt gerade seinen Weltmeistertitel. Wie schafft er es, die richtigen Entscheidungen zu treffen?

Von Sven Clausen

Schach-Weltmeister Carlsen: "Verlieren nicht akzeptieren"
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Schach-Weltmeister Carlsen: "Verlieren nicht akzeptieren"


Entscheidungen unter Druck - Magnus Carlsen liebt solche Situationen. Vor allem aber: Er kann damit umgehen. Der amtierende Schach-Weltmeister ist erst 23 Jahre alt und schon so erfolgreich, dass er mehr als eine Million Euro pro Jahr verdient.

Natürlich ist ein Schachspiel eine Sondersituation und Magnus Carlsen eine spezielle Persönlichkeit. Dennoch lohnt ein Blick darauf, wie sich der Norweger sortiert hat. Schließlich ist er so nicht nur der weltbeste Stratege im strategischsten Spiel des Planeten geworden, sondern hat auch gute Chancen, es noch viele Jahre lang zu bleiben.

1. Fokus: Gewinnen wollen, nie aufgeben

Magnus Carlsen nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft 2013
REUTERS

Magnus Carlsen nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft 2013

Magnus Carlsen macht sein Job am meisten Spaß, wenn er gewinnt. "Wenn du einer der Besten sein willst, solltest du Verlieren nicht als Teil des Spiels akzeptieren." Auch ein Remis kann er nur schwer hinnehmen: "Man soll es ausspielen."

Dafür konzentriert er sich. Fragen, ob Schach Sport sei, was er mit seinem Geld mache, wie hoch sein Intelligenzquotient sei, ob er als Weltmeister des logischen Spiels auch eine unlogische Seite habe - er bügelt alles mehr oder weniger in gleicher Form ab. "Wahrscheinlich", antwortete er beispielsweise auf die Frage, wer der wichtigste Mensch in seinem Leben sei, "müsste ich darüber mehr nachdenken. Aber es passt nicht zu mir, über diese Dinge viel zu grübeln."

Vor allem vor seinem Sieg gegen Anand im vergangenen Jahr hat er diese Fokussierung extrem diszipliniert verfolgt. Im Vorfeld der Revanche, die derzeit in Sotschi stattfindet, war er mit mehr schachfremden Themen in der Öffentlichkeit. Sollte Carlsen am Ende verlieren, könnte das ein Grund sein. Nach vier Partien steht es 2:2.

Carlsens Kampfgeist ist enorm. Er gibt auch dann nicht auf, wenn er objektiv hinten liegt: "Es gibt immer Möglichkeiten." Er hat beobachtet: Gerade wenn ein Spiel lange dauert, unterlaufen den Gegnern oft noch Fehler. "Es passiert so oft, dass es für mich Sinn macht, es immer bis zum Ende zu versuchen." Wenn er dann seine Gegner so weit hat, lässt er nicht nach. "Man muss gnadenlos sein", sagt Carlsen.

2. Keine Ausreden

Carlsen während einer Partie gegen Anand bei der Weltmeisterschaft im November des vergangenen Jahres
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Carlsen während einer Partie gegen Anand bei der Weltmeisterschaft im November des vergangenen Jahres

Wer Verantwortung übernimmt und eine Führungsrolle beansprucht, darf nicht nach Ausreden suchen. Carlsen hält sich derzeit für den besten Schachspieler der Welt - so, wie sich viele Vorstandschefs für die besten Vorstandschefs der Welt halten, mindestens für ihr Unternehmen. Für Carlsen folgt daraus eine Verpflichtung: Wenn man sich für den Besten halte, so der 23-Jährige, bedeute das: "Es gibt keine Entschuldigungen für Niederlagen."

Das klingt nach unmenschlichem Druck. Carlsens Ausweg: Er leitet ihn auf seine Gegner ab. "Der Glaube an sich selbst ist sehr wichtig. Wenn du nicht glaubst, dass du gewinnen kannst, dann triffst du feige Entscheidungen in den entscheidenden Momenten, nur aus Respekt vor deinem Gegner. Ich glaube immer an das, was ich am Brett mache, auch wenn es keine objektiven Gründe gab."

Also sind auch seine Siege umfänglich. Carlsen ist zurückhaltend im Auftreten, kleidet sich aber nicht in falscher Bescheidenheit: Fehler seiner Gegner sind Folgen seiner Stärke. "Ich nehme die Fehler meiner Gegner für mich in Anspruch." Man bekomme immer, "was man verdient".

Und wenn er doch mal verliert? Früher hat Carlsen geweint, jetzt ärgert er sich nur noch maßlos - um sofort auf Revanche zu sinnen. Er hält sich schließlich für den Besten, für die Niederlage gibt es keine Ausreden.

3. Pflege Deine Stärken

Magnus Carlsen im Alter von 13 Jahren bei einem Turnier in Dubai. Da war er schon Großmeister
REUTERS

Magnus Carlsen im Alter von 13 Jahren bei einem Turnier in Dubai. Da war er schon Großmeister

Carlsens Selbstbewusstsein ist maximal, weil er sein Können als etwas weitgehend Natürliches begreift. Er sagt, er habe den richtigen "Sinn" für das Spiel. Unter Top-Managern würde man wohl davon sprechen, man habe ein Unternehmen "verstanden" oder könne eine Branche "lesen".

Um den richtigen "Sinn" für Schach zu bekommen, haben Carlsen und seine Eltern dafür gesorgt, dass seine enorme Intelligenz mit zwei weiteren Stärken in Kontakt tritt: Neugierde und Intuition - wobei diese drei Begabungen natürlich stark miteinander verknüpft sind. Carlsens Regieanweisung für ihr Zusammenspiel klingt wie aus einer Fibel der Reformpädagogik. "Ich habe mit Schach angefangen, indem ich am Brett saß und Sachen ausprobiert habe. Ich hatte am Anfang gar keine Bücher, ich habe nur für mich gespielt. Ich habe davon viel gelernt und glaube, deswegen habe ich eine gute Intuition."

Seine Intuition pflegt er durch Sport. Das klingt paradox, ist aber eigentlich nur das bekannte "mens sana in corpore sano". Spitzen-Schachspieler bewegen sich generell viel, weil sie - wie Spitzenmanager - lange Stunden sitzen müssen. Carlsen betreibt Bewegungssport wie ein Halbprofi: Fitness-Studio, Basketball, Fußball. Er achtet darauf, möglichst immer zehn Stunden zu schlafen. Er ernährt sich gesund. Der Aufwand hat einen oberflächlichen Grund und einen tieferen: Er muss fit sein für die stundenlangen Spiele am Brett. "Will man eine WM gewinnen, reicht es nicht, ein oder zwei Stunden gut zu spielen, sondern vier, fünf oder auch sechs Stunden lang." Vor allem aber muss er sich eben sicher sein, dass er eine seiner entscheidenden Stärken ausspielen kann: seine Intuition.

Das Problem mit der Müdigkeit sei, so Carlsen, dass die Ideen dann nicht mehr intuitiv kommen. Magnus Carlsen aber hält sehr viel auf seine Intuition, sie hat ihm seit frühester Kindheit die schönsten Glücksmomente beschert. Und deswegen brauche er seine Fitness ein zweites Mal: Um analytisch zu überprüfen, ob seine Intuition ihm den richtigen Rat gegeben hat. Zwischenzeitlich trainierte ihn der Ex-Weltmeister Garri Kasparow. Man trennte sich nach kurzer Zeit. Kasparow habe zu viel Druck ausgeübt, sagt Carlsen.

Auch heute noch trainiert er an manchen Tagen extrem viel, an anderen Tagen gar nicht. "Im konventionellen Sinne ist er faul", findet sein Vater Henrik. "Wenn er zu etwas nicht motiviert ist, macht er es nicht. Aber wenn er interessiert ist, dann legt er los."

Carlsen ist also der Auffassung, keinem externen Plan zu folgen, sondern nur seinem eigenen. Deswegen wähnt er sich an genau dem richtigen Platz - dort, wo er so stark ist, wie nirgendwo sonst.

4. Liebe das, was du tust. Oder lass es

Magnus Carlsen bei einem Pressetermin im Februar in Oslo
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Magnus Carlsen bei einem Pressetermin im Februar in Oslo

Carlsens großer Genius als Schachspieler speist sich aus seiner Liebe zum Spiel und die wiederum hängt davon ab, ob er gewinnt. Seine Mission ist: Schachspiele gewinnen. Deswegen weiß er auch sehr genau, wann für ihn Schluss sein soll: "Ich werde so lange weiterspielen, wie ich motiviert bin. Gut zu spielen und gute Resultate zu erreichen, ist motivierend." Wenn er das nicht mehr kann, wird er sich ein anderes Spielfeld suchen.

  • Olaf Ballnus

    Sven Oliver Clausen (Jahrgang 1973) ist stellvertretender Chefredakteur des manager magazins.



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insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
hubie 13.11.2014
1. Tja
Was soll man zu dem Artikel sagen. Vor einigen Tagen schreibt jemand über Selbstzweifel von erfolgreichen Personen, nach dem Artikel muss man vor Selbstvertrauen trotzden, wobei diese "Gattung" im anderen Artikel auch solche beinhaltet, die eigentlich weniger auf dem Kasten haben und es nur nach außen hin nicht ausstrahlen. Alles in allem: Richtige Topmanager fahren den Wagen gegen die Wand und sahnen dann eine Abfindung ab.
Attila2009 13.11.2014
2.
Wer nicht Niederlagen akzeptiert und nicht damit umgehen kann der hat schon verloren. Kampfgeist sollte man nicht mit Überheblichkeit verwechseln. Niederlagen gehören zum Sport. Auf die Idee dass eines Tages ein noch besserer Spieler kommen kann, auf die will er wohl nicht kommen. und dass dieser kommen wird liegt einfach an den gesetztmäßigen biologischen Entwicklungen.
rational_bleiben 13.11.2014
3.
"Wenn du einer der Besten sein willst, solltest du Verlieren nicht als Teil des Spiels akzeptieren." Es können aber nur wenige die besten sein, denn manchen fehlen schlicht Eigenschaften, die man sich durch Training nicht aneignen kann. Sei es, weil dieses Training seit früher Kindheit hätte stattfinden müssen, sei es, weil ein großer Teil durch genetische Prädisposition bestimmt ist. Deshalb sollte man diesen Rat nicht befolgen. Verlieren ist ein wichtiger Teil des Spiels, und vor allem des Lebens. Wer das akzeptiert, wird an seinen Niederlagen wachsen. "Liebe das, was du tust." Es ist umgekehrt. Tue das, was due liebst. Es gibt keine bessere Grundlage, um in einer Sache gut zu sein.
senf_dazu 13.11.2014
4. Schach ist Schach und kein Management
Nicht nach links und rechts schauen und nur auf den Erfolg - das mag beim Schachspielen sinnvoll sein. Die nach dem Prinzip verfahrenden Manager mögen auch mal eine Sache durchdrücken, aber auf Dauer fahren sie so eine Firma in den Dreck. Nicht aufgeben hingegen ist für jeden Menschen relevant und wer hat es bis zum Manage gebracht, dem man derlei raten müsste?! Gnadenlose Manager machen dies nur einmal - von der Consultantbranche abgesehen - denn mit denen spilet danach niemand mehr, weder in der eigenen Firma noch als Kooperationspartner oder Konkurrent. Und bei Niederlagen sollte man Fehler bei sich selbst zuerst suchen, aber entschuldigen kann und will sie niemand. Ich habe bereits einige Manager kommen und gehen sehen. Die Idioten von denen würden dem Artikel zustimmen, die Guten mit Kopfschütteln quittieren.
TS_Alien 13.11.2014
5.
Schach ist ein faszinierendes Spiel, mehr nicht. Beim Schach werden spezielle Fähigkeiten verlangt, die man am besten in früher Jugend erlernt, wenn man richtig gut werden will. Damit kann man auf anderen Gebieten so gut wie nichts anfangen. Logisch denken kann man auch ohne Schach. Entscheidungen treffen kann man auch ohne Schach. Die schachlichen Fähigkeiten helfen einem nicht bei der Lösung von Problemen aus anderen Bereichen. Dazu sind viele dieser Probleme zu komplex und erfordern viel Wissen und noch mehr Intelligenz. Sehr gute Schachspieler müssen gar nicht intelligent sein, viele sind es. Insofern kann man die Mechanismen, die beim Schach zum Erfolg führen, nicht auf andere Bereiche übertragen.
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