Schilderartist "Sign Spinning ist der coolste Job der Welt"

Es könnte der langweiligste Beruf der Welt sein. Ein Schild halten, stundenlang. Irgendwo im dichten Großstadtverkehr. Doch wenn Ray Rivera, 21, mit Werbung wirbelt, stoppen Passanten und staunen. In Washington macht der "Sign Spinner" den Bürgersteig zur Bühne.

Von , Washington

SPIEGEL ONLINE

Wer will denn so einen Arbeitsplatz? Auf einer Verkehrsinsel, mitten in Lärm und Gestank? Als Werbefigur mit einem Schild für einen Klopsbrater in der Hand? Wenn Ray Rivera loslegt, stoppen Passanten und staunen, Autos hupen. Er wirbelt das pfeilförmige Schild durch die Luft, fängt es, lässt es hinter dem Rücken rotieren, zeigt es dann den Zuschauern.

Hier arbeitet kein Schilderhalter. Hier arbeitet ein Straßen-Artist.

Für Ray wird der Bürgersteig an einer großen Kreuzung zur Bühne. Es ist ein sonniger Freitagvormittag, er soll in der US-Hauptstadt Washington Kunden in ein Burger-Lokal locken. Sign Spinning heißt diese Kunst des Schilder-Wirbelns, Ray nennt es den "coolsten Job der Welt". Er will die Leute zum Lachen verführen: "Wenn jemand versucht zu widerstehen, dem Augenkontakt ausweicht und es dann doch nicht schafft, ein Lächeln zu unterdrücken" - das sei das Beste an der Arbeit.

Entertainer mit wirbelndem Schild

Um in die richtige Stimmung zu kommen, hört er laut Drum'n'Bass und Dubstep auf den Köpfhörern. Musik an, ein bisschen tanzen, dann beginnt er, das Schild mit dem Hinweis auf die "Besten Burger in DC" in die Höhe zu schleudern (siehe Video oben).

Ein paar lässige Bemerkungen ("Hey, ich weiß, ihr seid hungrig!"), ein bisschen Small Talk ("Ihr linker Vorreifen ist etwas platt") - für den quirligen 21-Jährigen gehört zum Sign Spinning all das, was er ohnehin gern macht. Er würde wahrscheinlich ohne Werbe-Banner einfach so auf der Straße herumhängen und Leute ansprechen, hätte er nicht vor vier Jahren den Schilder-Sport entdeckt.

Mit 17 Jahren war Ray gerade von der Schule geflogen, seine Motivation am Boden. Da schlug ihm seine damalige Freundin vor, Sign Spinner zu werden. Es dauerte knapp sechs Wochen, bis er einige Tricks beherrschte - gut genug für seinen ersten Auftrag bei "AArrow Advertising".

Die Agentur vermietet inzwischen Sign Spinner in Europa, Asien sowie Amerika und behauptet von sich selbst, das Schilder-Wirbeln als neue Werbeform etabliert zu haben. In den USA sind menschliche Wegweiser nicht selten. Wo fest installierte Aufsteller verboten sind, beschäftigen Läden einen Schilder-Halter.

"Einfach der Typ sein, den jeder kennt"

Den Gründern von "AArrow Advertising" war das zu langweilig. 2002 entwickelten sie ihre ersten Tricks und begannen mit dem Training von Sign Spinnern. Inzwischen präsentieren junge Schilderartisten auf YouTube ihre besten Kunststücke, der virtuelle Wettstreit um die spektakulärsten Bilder spornt die Szene an.

Einmal jährlich veranstaltet die Werbeagentur eine Meisterschaft. Zuletzt ist Ray, der Schulabbrecher, zum weltbesten Sign Spinner gekürt worden. Der Job gibt ihm, was er von Lehrern und Klassenkameraden nie bekommen hat: Anerkennung.

Jüngere bewundern ihn, wenn er ihnen den Windmühlen-Trick oder den einhändigen Flip beibringt. Kollegen staunen über seine Videos im Internet. Wenn sie ihn darauf ansprechen, macht das Ray besonders stolz: "Es ist ein echt gutes Gefühl, wenn jemand zu dir aufschaut."

Sein Traumjob Sign Spinning hält ihn nicht davon ab, noch ein bisschen größer zu träumen. Sein Plan für die Zukunft: einen eigenen Agentur-Ableger gründen. Und irgendwann, in 20 Jahren? "Vielleicht berühmt sein, einfach der Typ sein, den jeder kennt."

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