Mein Leben beim Schlüsseldienst "Sie sind also der Halsabschneider"

Wer seinen Schlüssel verliert ist froh, wenn ihm jemand wieder in die Wohnung hilft. Doch Schlüsseldienste gelten als Abzocker. Ein Schlosser erzählt, wie es sich mit diesem miesen Image lebt - und was eine Türöffnung wirklich kostet.

Schlüsseldienst bei der Arbeit (Symbolbild)
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Schlüsseldienst bei der Arbeit (Symbolbild)

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Zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist in vielen Berufen jede Menge Platz. In der Serie "Das anonyme Job-Protokoll" erzählen Menschen ganz subjektiv, was ihren Job prägt - ob Tierärztin, Staatsanwalt oder Betreuer im Jobcenter.

"Sie sind also der Halsabschneider, der in zwei Minuten den armen Ausgesperrten 300 Euro aus der Tasche zieht." Das sagen die Leute, wenn ich erzähle, dass ich beim Schlüsseldienst arbeite.

Anfang der Achtzigerjahre habe ich eine Ausbildung zum Schlosser in einer Schlosserei gemacht. Diese umfasste Geländerbau, Treppenbau und den Bau von Metallfenstern. Das Aufbrechen von Türen, wenn jemand seinen Schlüssel verloren hat, ist nur ein kleiner Teil meines Arbeitsfeldes.

Nach meiner Ausbildung spezialisierte ich mich auf den Einbruchschutz und das Anfertigen von Namensschildern.

Die Leute kommen aus unterschiedlichen Gründen in meinen Laden. Einige wollen sich ein Sicherheitsschloss zulegen. Andere haben zum Beispiel in den Nachrichten gehört, dass die Zahl der Wohnungseinbrüche gestiegen sind. Wieder andere haben Nachbarn, bei denen eingebrochen wurde. Dass es nur Ältere sind, kann ich nicht sagen. Mein jüngster Kunde war vielleicht 18 oder 19 Jahre alt. Die älteste Kundin war 98. Sie kaufte Nachschlüssel für die Enkel, vielleicht auch für den Pflegedienst, der sie nun ab und zu besuchte.

Die Menschen scheinen ständig ihren Schlüssel zu verlieren. Mehrmals täglich kommt jemand zu mir in den Laden, um sich einen bestimmten Schlüssel nachmachen zu lassen.

"Das mache ich ungern"

Manchmal helfe ich schon noch Leuten, die sich ausgesperrt haben. Die rufen an, ich fahre zu ihnen und öffne die Tür. Das mache ich aber sehr ungern. Türen öffnen ist ein undankbarer Job. Wenn es nach den Kunden geht, ist sowieso immer alles zu teuer: Selbst 30 Euro wären ihnen zu viel. Aber dazu kann ich nur sagen: Hätten sie mal besser aufgepasst und die Tür nicht zufallen lassen.

Warnen möchte ich vor einigen 0800-Nummern, die im Internet zu finden sind. Manche haben sich auf Menschen spezialisiert, die schnell Hilfe benötigen. Sie nehmen schon mal 800 bis 1000 Euro. Selbst 300 Euro für das Öffnen einer Wohnungstür - ein Preis, den ich in letzter Zeit immer wieder von Kunden höre - sind zu viel.

Diese "Schlüsseldienste" nutzen die Not der Menschen aus. Sie kommen und halten dem verzweifelten Ausgesperrten, der dringend seinen ängstlichen Hund aus der verschlossenen Wohnung holen muss, ein Klemmbrett unter die Nase. Die Kunden unterschreiben eine Erklärung, dass sie über die Preise in Kenntnis gesetzt werden. Vor Gericht ist es dann schwierig, das Geld zurückzufordern.

Für das Öffnen einer einfachen Wohnungstür, die ins Schloss gefallen ist, nehme ich 56 Euro. Nach 18 Uhr sind es 69 Euro. Auch das klingt vielleicht erst einmal nach viel Geld. Aber ich muss eben auch Steuern, Miete, Fahrtkosten und Materialkosten, und vor allem Versicherungen von diesem Geld bezahlen. Wie viel ich im Monat verdiene, kann ich nicht genau sagen. Aber ich bin zufrieden und kann gut davon leben.

"Das dauert eine Minute"

Das Öffnen einer zugefallenen Haustür ohne große Sicherheitsvorkehrung am Schloss dauert eine Minute. Ich muss nur die Falle zurückdrücken. Dann geht die Tür auf. Das mache ich mit einer so genannten Öffnungsfolie oder einem Draht. Der ist so dünn, dass er zwischen Tür und Rahmen passt. Wenn ich ein Sicherheitsschloss aufbrechen muss, können dem Kunden höhere Kosten entstehen. Vielleicht muss ich den Knopf an der Tür wegbrechen oder Zylinder aufbohren. Darüber kläre ich aber selbstverständlich vorher auf. Häufig kommt das auch nicht vor. Vielleicht alle sechs bis acht Wochen.

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Das anonyme Job-Protokoll: So sieht der Alltag wirklich aus

Als ich angefangen habe, in den Achtzigern, war das Geschäft noch ein ganz anderes. Ich habe mit dem Gerichtsvollzieher in der Hafenstraße die Volksküche geöffnet, um eine Hausbesetzung zu beenden. Die Straße war damals ja hart umkämpft.

Momentan baue ich häufiger neue Schlösser ein. Der Klassiker sind Trennungen, bei denen sich der Ex-Partner weigert, seinen Schlüssel zurückzugeben und dann unangemeldet wieder in der Wohnung steht.

Ich finde, dass ich einen sehr schönen und wichtigen Beruf habe. Denn ich kann Menschen helfen, die sich ausgesperrt haben. Ich finde es schade, dass die Kunden trotzdem oft so unfreundlich sind. Ich möchte niemandem Geld aus der Tasche ziehen und mache nur meine Arbeit.

insgesamt 82 Beiträge
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Seite 1
norman69 28.12.2017
1. Gutes Handwerk
Gutes Handwerk muss seinen Preis haben und was dieser Schlosser verlangt ist wirklich nicht viel. Außerdem sollte jeder der hier an abzocke denkt, weil der gute Mann nur ein paar Minuten für seine Arbeit braucht, berücksichtigen, dass wir doch alle in Eile und dankbar sind, wenn einer seinen Job so schnell macht.
dummzeuch 28.12.2017
2. 60 Euro für eine Türöffnung
... sind definitiv nicht zuviel. Selbst wenn es nur eine Minute dauert, so muss er dorthin fahren (und wieder zurück) und den ganzen Papierkram erledigen. Das dürfte kaum unter einer Stunde dauern. Dazu kommt noch Sprit und Abnutzung. Nicht zu vergessen: Man bezahlt ja auch für die Fachkenntnis. Nicht jeder bekommt eine Tür auf, selbst wenn er das benötigte Werkzeug hat. Und selbst wenn er es schafft, kann es passieren, dass dabei mehr Schaden als nötig angerichtet wird.
erlachma 28.12.2017
3. Gutes Beispiel
Der Schlosser im Artikel ist ein positives Beispiel. Leider gibt es davon nicht viele. Für die 59 oder 69 Euro muss er natürlich anfahren (wobei die Anfahrt oft auch separat abgerechnet wird), die Arbeit erledigen, und manchmal auch seine Freizeit opfern, wenn Nacht/Wochenenddienste nötig sind. Die Regel ist jedoch: man ruft an, bekommt am Telefon nur die Auskunft, was die Anfahrt kostet ("die Türöffnung kann ich nicht genau sagen, das erfahren Sie dann vor Ort, wenn ersichtlich ist, welches Schloss"). Vor Ort kostet dann selbst ein einfaches Schloss 300-500 Euro, plus Anfahrt - und natürlich will der Herr die Anfahrt auch bezahlt bekommen, wenn er den Auftrag wegen der Wucherpreise nicht bekommt...
steve_burnside 28.12.2017
4. Ich versteh nicht, wie man sich betrügen lassen kann.
Vor ein paar Jahren ist das auch einer Bekannten von mir passiert, dass ihr die Tür zuviel, während sie kurz draussen war. Ich war draussen am Auto und hatte auch keinen Schlüssel. Ich holte beim Nachbarn die gelben Seiten und rief einen Schlüsseldienst an, ich klärte erst den Preis und er verlangte nur 30 Euro. Also kam er und die Tür war nach wenigen Sekunden auf. Ich verstehe garnicht, wie so viele Leute auf die Betrüger reinfallen können und so hohe Preise zahlen. Bevor ich den Preis nicht verbindlich verhandelt hab, lass ich ihn erst garnicht kommen und rufe den nächsten an. Und bezahlt wird erst, wenn die Tür auf ist. Das Geld liegt ja meist eh in der Wohnung. Und vorher etwas unterschreiben is ja unnötig, wenn ich den Preis bereits ausgemacht hab.
spon_12 28.12.2017
5.
Was für eine Notlage? Stecken Sie halt den Schlüssel ein, wenn Sie aus der Wohnung gehen.
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