Kurioser Job am Filmset Schneeballschlacht im Frühling

Die Sonne strahlt - doch im Büro von Lucien Stephenson ist immer Winter. Er verdient sein Geld mit Schnee, aus Windeln, Papier und Speisestärke. Mit den Flocken berieselt er Schaufensterpuppen und Hollywood-Stars und macht aus Berlin mal eben Moskau.

Von Hendrik Steinkuhl

Hendrik Steinkuhl

Auf der Flucht vor der russischen Polizei humpelt ein verwundeter Jason Bourne durch das verschneite Moskau. Der Zuschauer weiß, dass Jason Bourne im richtigen Leben Matt Damon heißt und keine Gangschwierigkeiten hat. Was er nicht weiß: Die Szene wurde in Berlin gedreht. Und der Schnee ist aus Papier.

"Da haben wir in vier Tagen 30.000 Quadratmeter eingeschneit", sagt Lucien Stephenson. "Und ich hatte am Ende 72 Stunden auf der Uhr." Für den harten Einsatz dankte ihm Matt Damon später persönlich. Stephenson ist Geschäftsführer von Snow Business, einer Firma, die Kunstschnee und Kunsteis vertreibt. Das Geschäft läuft hervorragend, im vergangenen Jahr hat das Unternehmen aus Ladbergen in der Nähe von Münster zum ersten Mal mehr als eine Million Euro Umsatz gemacht.

Während seines Studiums in London arbeitete Lucien Stephenson für die Mutterfirma Snow Business International als Handlanger beim Film. Am Set war er damals schon der "Snowman". Nach seinem Abschluss in Wirtschaft fragte er seinen Chef, zu dem er ein enges Verhältnis hat, ob er Snow Business unter demselben Namen in Deutschland gründen dürfe. Als unabhängiges Unternehmen. Der Chef sagte Ja. Seitdem kümmert sich Stephensons Snow Business um Deutschland, Holland, Österreich und die Schweiz. Das Mutterunternehmen versorgt vor allem England und die USA mit Kunstschnee.

Snow Business
Warum der junge Engländer ausgerechnet nach Deutschland wollte? Stephenson hat einen deutschen Stiefvater, als Kind lebte er einige Jahre in der Nähe von Osnabrück, dort machte er auch sein Abitur.

Im Filmgeschäft ist Stephensons fester Partner heute das Potsdamer Studio Babelsberg. Eine Menge Hollywood-Stars haben schon hier und nebenan in der Hauptstadt gedreht. Brauchen sie Schnee, kommt der fast immer von Snow Business. Auch Produktionen im Ausland benutzen gerne den Kunstschnee aus Ladbergen. Eine kleine Filmografie: "Enemy at the Gates", "Flightplan", "Charlie und die Schokoladenfabrik", "Operation Walküre".

Für "Das Bourne Ultimatum" fuhr Lucien Stephenson mit elf Mitarbeitern nach Berlin, weil die Filmcrew Ende Januar nicht in Moskau drehen wollte. "Da hätten wir zwar Schnee gehabt, aber es wäre auch so kalt gewesen, dass uns die Kameras kaputt gegangen wären", sagt Produzent Patrick Crowley im Making-of des Films. Weil aber "Das Bourne Ultimatum" genau da beginnt, wo der Vorgänger "Die Bourne Verschwörung" aufhört, brauchte der Produzent unbedingt eine Winterlandschaft: Am Ende von Teil zwei der Filmreihe läuft Jason Bourne durch echten Moskauer Schnee.

Und egal, wie der Naturschnee ausgesehen hat: Lucien Stephenson versichert, er und seine Mitarbeiter könnten ihn exakt imitieren. "Wir sagen immer: Wir haben mehr Sorten Schnee als die Inuit Wörter dafür!"

Papierschnee für Actionfilme

Für "Das Bourne Ultimatum" kam der Klassiker "Movie Snow FSX" zum Einsatz. Die Papierschnee-Sorte eignet sich vor allem für Actionfilme, weil Fuß- und Reifenspuren sichtbar sind. Hobby-Filmer können "Movie Snow FSX" auch im Online-Shop von Snow Business erwerben, zwölf Kilo zu 89,25 Euro. Die verschiedenen Schneesorten kauft das Unternehmen zum Teil ein, zum Teil produziert es sie auch selbst. Einen "saugstarken Zauberschnee" haben Lucien Stephenson und seine Kollegen aus Windeln hergestellt.

Käufer des Kunstschnees sind vor allem Hersteller von Spezialeffekten, Eventveranstalter und Kaufhäuser. Das größte Expansionspotenzial sieht Stephenson im sogenannten Visual Merchandising: "Bill Gates hatte das Mantra, dass auf jedem Schreibtisch ein Windows-PC stehen soll. Mein Mantra lautet, dass in jedem Schaufenster eine Tüte Snow-Business-Schnee liegt."

Über Schnee kann Lucien Stephenson den ganzen Tag reden - sei es der falsche oder der echte. Schnee habe etwas Gleichmachendes, sagt er. Autos etwa würden unter der weißen Decke verwechselbar werden, Statussymbole verschwänden plötzlich. Im Film wiederum könne der Schnee verschiedene Emotionen transportieren. "Es gibt ja dieses klassische Coca-Cola-Weihnachtsbild, da sieht der Schnee beinahe warm aus." Geht es dagegen im Film um Tod und Elend, empfiehlt der Fachmann gerne Schneematsch-Flecken.

Wer sich im Kino davon überzeugen will, wie echt Lucien Stephensons Schnee aus Windeln, Papier oder Speisestärke aussieht, sollte sich "Die Bücherdiebin" anschauen. Der Film startet am 13. März und bietet fast so viel Kunstschnee wie die Pisten von Sotschi.

  • Jette Golz
    KarriereSPIEGEL-Autor Hendrik Steinkuhl ist freier Journalist und lebt in der Nähe von Osnabrück.



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