Scheitern für Fortgeschrittene Mein Freund, der Misserfolg

Vom Silicon Valley lernen wir: Rückschläge sind okay, Hinfallen ist hip. Sofern man sich sofort wieder aufrappelt und die richtige Richtung einschlägt. Mittelmanager Achtenmeyer weiß, wie man ein Desaster zum Sieg umdeutet.

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Eine Karriere-Glosse von


Natürlich darf ein Manager seines Formats das nicht laut sagen, aber im Grunde seines Herzens hasst Achtenmeyer Misserfolge. Er scheitert nicht gern, er macht nicht gern Fehler. Als Mann allerdings, der den Trend seinen Freund nennt, ist ihm der erstaunliche Imagewandel nicht entgangen, den der Themenkomplex "Scheitern" in den letzten Jahren durchlaufen hat. Fehler sind jetzt cool, Hinfallen ist hip. Zumindest wenn man schnell wieder aufsteht.

Und so wird Achtenmeyer nicht müde, in jedem Meeting und bei jedem Get together den inoffiziellen Wappenspruch des Silicon Valley zu erwähnen: "Fail faster!" Denn wer schneller scheitert, lernt schneller und hat schneller Erfolg.

Gerade ist Achtenmeyer vom business trip an die US-Westküste zurückgekehrt. Entsetzt musste er drüben feststellen, dass sein schöner Partyspruch schon nicht mehr aktuell war. Auf den Schildern etwa in der Facebook-Zentrale stand vielmehr: "Fail forward!" Nicht mehr schneller, sondern vorwärts scheitern, das ist die Parole.

Achtenmeyer muss zugeben: Da ist was dran. Es gibt sogar ein Buch zur Idee ("Failing forward"). Darin heißt es, der Unterschied zwischen durchschnittlichen und erfolgreichen Menschen sei die Art, wie sie mit Rückschlägen umgehen.

So wird der Rückschlag zum Sieg

Achtenmeyer verschlingt das Buch und macht sich an die praktische Umsetzung. Etwa beim roll out von "Bluestar" in Südamerika. "Bluestar" ist ein Kaugummi mit Heidelbeergeschmack, das in Europa und den USA durch die Decke ging und in Südamerika gerade grandios abschmiert. Aus ganz handfesten, um nicht zu sagen handwerklichen Gründen: falsche Werbeagentur ausgesucht, schlampiges Briefing, öder Fernsehspot, zu wenig Präsenz am Point of Sale. Konkret: Die Marketing-Truppe hat versagt. Noch konkreter: Achtenmeyer ist gescheitert.

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"Ich bin sehr froh, dass wir in Südamerika gescheitert sind", eröffnet Achtenmeyer das Meeting, das Dr. Karl einberufen hat, um ihm kräftig den Kopf zu waschen. Dr. Karl schaut verdutzt. "Ja, denn entscheidend ist nicht der Misserfolg, sondern die Art und Weise, wie wir damit umgehen", fährt Achtenmeyer fort und schaut auftrumpfend in die Runde. "Fail forward, wie es im Valley heißt, wenn ihr versteht, was ich meine? Ich für meinen Teil habe gelernt, Scheitern als Freund zu betrachten."

Man diskutiert dann noch über organisatorischen Krempel wie eine andere Agentur, stärkeren Marketingdruck und andere learnings aus dem Südamerika-Debakel, aber Achtenmeyer weiß, dass er Dr. Karl mit dem Valley-Verweis sofort auf seine Seite gezogen hat. Die Begeisterung für die kalifornische Tech-Maschine zählt zu den wenigen Dingen, die ihn mit Dr. Karl verbinden.

Bedermann, geh du voran

Diesen kleinen Rückschlag hat Achtenmeyer also gleich in einen Sieg verwandelt. Zwar wird es noch ein Weilchen dauern, bis "Bluestar" und Südamerika Freunde werden, aber sein eigenes standing im Unternehmen findet Achtenmeyer wieder super.

Bester Laune kehrt er an seinen Schreibtisch zurück. Wo ihn bereits Bedermann erwartet, ebenfalls bester Laune. "Ihre Rede vorhin ist schon in aller Munde", sagt der junge Kollege. "Ich bin ja so froh, dass Sie das gesagt haben, 'Fail forward' und so." Wie sich herausstellt, hat Bedermann in den "Bluestar"-forecasts für Australien einige Fehler gemacht. Jetzt droht down under ein zweites Südamerika, und Bedermann hat sich zwei Tage lang nicht getraut, damit herauszurücken. "Aber jetzt, mit der neuen Fehlerkultur und allem, kann ich es ja sagen. Denn letzten Endes bringen uns Fehler weiter", schließt er erleichtert.

Achtenmeyer holt tief Luft. Dann faltet er Bedermann nach allen Regeln schwarzer Führungskunst zusammen: Genauigkeit sei die Mutter des Erfolgs, ob er wirklich so scharf darauf sei, seinen Job zu verlieren, und wie man eigentlich eine Abteilung führen solle, wenn man nur von debilen Schwachköpfen umgeben sei. Bedermann schluckt zweimal, dann trollt er sich.

Achtenmeyer schaut ihm hinterher. "Fail forward", das ist ja gut und schön. Aber wo dieses Vorwärts ist, das bestimmt immer noch der Chef.

Lessons learned

1) Schöner scheitern: Der Spruch, man könne ruhig hinfallen, solange man wieder aufstehe, ist natürlich richtig. Wer keine Fehler macht, lernt nichts dazu: "Learn to fail - or fail to learn." Aber die Betonung liegt auf "Lernen". Fehler um der Fehler willen bringen gar nichts.

2) Stärker dastehen: Der Erfolg hat viele Kinder, der Misserfolg ist Waise. Läuft ein Projekt schief, will's hinterher keiner gewesen sein. Doch der Blick nach vorn, auf die Lehren aus einem Scheitern, bringt deutlich mehr, als die Schuld immer nur hin- und herzuschieben.

3) Besser aufpassen: Was der Chef sagt, ist natürlich Gesetz. Nur gilt das Gesetz oft nicht für alle im gleichen Maße: Wenn Achtenmeyers Fehler in Wahrheit wichtige Erfahrungen sind, gilt das noch lange nicht für Bedermanns Missgeschicke. Wer erfolgreich im Firmenkosmos navigieren will, muss die Äußerungen der Vorgesetzten klug interpretieren.

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mrotz 12.05.2015
1.
Wer in einer solchen Firma arbeiten muß, sollte kündigen.
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