Deskbike im Büro-Test Am Schreibtisch auf Radtour

Stundenlanges Sitzen schadet, stimmt ja. Aber was ist die Alternative? Soll man etwa beim Radfahren arbeiten? Ja, das soll man, zum Beispiel mit einem Schreibtisch-Ergometer. Ein Selbstversuch.

manager-magazin.de

Von manager-magazin.de-Autorin


Sie können sich abstrampeln, wie Sie wollen, Sie kommen nicht vom Fleck? Dann sind Sie entweder im falschen Job - oder Sie haben ein neues Bürogerät, das die schädlichen Auswirkungen des stundenlangen Sitzens am Schreibtisch kompensieren soll.

Nach den "walking desks", Laufbändern mit integriertem Schreibtisch, die in etlichen amerikanischen Büros mittlerweile zum Standard gehören, kommen nun die "desk bikes": Ergometer, die Büromenschen helfen sollen, die nötige Portion Bewegung in den Arbeitsalltag einzubauen.

Kann das funktionieren? Ein Test mit dem "Deskcise Pro" der chinesischen Firma Flexispot soll diese Frage klären.

Das Tischfahrrad kommt in einem erstaunlich kompakten Karton: Knapp 90 Zentimeter hoch, 85 Zentimeter breit, 35 Zentimeter tief. Beim Auspacken bin ich positiv überrascht: Die mitgelieferte Anleitung ist eigentlich überflüssig, denn die Montage ist in drei Minuten auch ohne sie erledigt. Berechtigt allerdings ist die Frage eines Kollegen: "Wozu brauchst du die Reflektoren an den Pedalen?"

In der Tat: Auch in der Dämmerung kommt es an Schreibtischen in unserem Großraumbüro eher selten zu Auffahrunfällen. Vermutlich stammen die Pedale von einem Fahrrad-Zulieferer. Aber die mitgelieferten Gummistulpen, die die Pedale barfußfreundlich machen, verdecken die Reflektoren ohnehin.

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Bürofahrrad im Test: Bewegung am Schreibtisch, ganz nebenbei

Sitzhöhe, Tischhöhe und Tischtiefe sind schnell einzustellen. Angenehm: Das Gerät ist kabellos, man kann es frei im Raum positionieren. Noch angenehmer: Es ist sehr, sehr leise. Keine genervten Blicke von den Kollegen; zwei Tische weiter bekommt akustisch keiner mit, ob ich gerade trete oder pausiere.

Zwei kleine Batterien betreiben das Display, das Geschwindigkeit, Trainingsdauer und Distanz anzeigt - angeblich auch den Kalorienverbrauch, aber da man keine personenbezogenen Daten eingeben kann, ist das kein aussagekräftiger Wert. Daten-Junkies werden die Möglichkeit vermissen, das Gerät mit dem eigenen Fitnesstracker zu verbinden (oder die aktuellen Daten auf einem kleinen Fenster am Rechner angezeigt zu bekommen). Es ist konsequent offline, was andererseits auch sehr entspannend ist.

Der Coolness-Faktor tendiert allerdings gegen Null. Das Gerät sieht eher nach Reha als nach Lifestyle aus.

Aber: Der Sitz ist sehr bequem, und die Bewegung fühlt sich gut an. Der magnetische Trittwiderstand lässt sich in acht Stufen dosieren. Für dieses niedrigschwellige Bewegungsangebot brauche ich viel weniger Aufraff-Kraft als etwa für eine Joggingrunde in der Mittagspause.

Und das bleibt auch so, nachdem der Neuigkeitswert abgeklungen ist; ich setze mich immer wieder gern mal zwischendurch aufs Deskbike. Außerdem kann man den Tisch so weit verschieben, dass man das Gerät auch als einfaches Stehpult nutzen kann - eine sinnvolle Zusatzfunktion für Büroarbeiter.

Ich finde das "desk bike" insgesamt gut, frage aber lieber noch mal eine Fachfrau - Caroline Werkmeister, ärztliche Leiterin des Athleticums am Universitätskrankenhaus Eppendorf (UKE) in Hamburg. Die Orthopädin und Sportmedizinerin meint: "Jede Art von Bewegung ist besser als keine Bewegung", hat aber auch Kritisches anzumerken: "Die Haltung auf einem solchen Gerät ist physiologisch nicht optimal."

Bei der Arbeit am Schreibtisch sei oft eine gekrümmte Haltung das Problem. "Man hält die Schultern etwas nach vorn gerollt und den Nacken gebeugt; hier wäre ein Ausgleich besser, der die Körperhaltung mehr öffnet", sagt sie. "Wenn man auch zum Sport noch am Schreibtisch verharrt, ist das nicht gegeben."

Außerdem vermutet sie: "Die Produktivität ist wahrscheinlich bei den meisten Menschen niedriger, wenn man nebenbei noch radelt oder geht." Eine These, die sich in meinem Versuch bestätigt hat: Zwar fällt die Konzentration beim Radeln leichter als beim Gehen an einem "walking desk", ich habe aber dennoch das Gefühl, dass die Bewegungsabläufe ein paar Synapsen belegen, die ich bei sehr konzentrierten Tätigkeiten anderweitig brauche. Das mag allerdings Gewöhnungssache sein.

Das "Deskcise Pro" kostet beim Hersteller 560 Euro (die tischlose Version, die man unter den eigenen, höhenverstellbaren Schreibtisch schieben kann, ist für 430 Euro erhältlich).

Das Testgerät wurde der Redaktion leihweise kostenlos zur Verfügung gestellt.

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insgesamt 9 Beiträge
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noalk 23.07.2018
1. Persönliche Daten
Wozu soll man die eingeben können? Und welche sollten das sein? Der Energieverbrauch dürfte da nur vom Tretwiderstand und der Tretfrequenz im Zusammenhang mit der Masse der Beine des Benutzers abhängen. Denn nur letztere werden bewegt. Kaum jemand dürfte aber diese Masse kennen. Endlich mal ein Gerät, das keine solchen Daten sammeln will, um sie irgend jemandem in Echtzeit oder sonstwie mitzuteilen.
Das Pferd 23.07.2018
2.
Habe ich mir aus einem alten Hometrainer einem Flatscreen mit Wandhalterung und allerlei Fahradteilen selbst gebaut. Dadurch bleibt der Lenker wenigstens einigermaßen benutzbar, man sitzt eher wie auf einem Fahrrad. Dadurch muß man zuweilen einhändig arbeiten. Dafür habe ich mir eine alte Gamertastatur mit programmierbaren Tasten zweckentfremdet, auf den Extratasten liegen jetzt alle möglichen Shortcuts, besonder die, für die man 2 Hände braucht. Seit 2 Jahren regelmässig in Benutzung.
Onkel Drops 23.07.2018
3. mehr Bewegung ist nie verkehrt...
aber dann kabellos? man verbraucht Kalorien und erzeugt daraus null Energie? da kann man das Laptop/Handy locker gleichzeitig mit laden ganz ohne nachzudenken entwickelt. im Sommer dreht man damit den Ventilator Flügel oder im Winter hält die USB thermoplatte den Kaffee warm. wenn das ganze Büro strampelt kann man vielleicht ein E-Auto mit laden. die Sitzposition sollte man dann eventuell vom Liegefahrrad abkupfern. eine gute Idee aber halt noch nicht gut durchdacht... noch mal ans Reißbrett und dann neu vermarkten...
Hamberliner 23.07.2018
4. dysfunktionales Gadget
Beim Anblick des Fotos bekomme ich einen Heiterkeitsanfall und Gedanken, die hier nicht freigeschaltet würden. Abgesehen davon wurde das Gerät offenbar nicht bei anspruchsvoller geistige Wertschöpfung getestet und ist in der Form und Umgebung auch gar nicht dafür geeignet: - Die Tischplatte bietet keinen Platz mit Ablage für unerledigtes, Platz für manuelles Arbeiten auf Schmierzetteln (Nebenrechnungen, Skizzen, Notizen), Telefon, Maus (ohne ablenkendes Generve eines Mousepad), Kaffeetasse, Fachliteratur, sonstige Unterlagen. - Sitzhaltung und Abstand zum Monitor lässt sich nicht ausreichend verändern. Wenn man nachdenkt sitzt man nicht wie eine alte Frau beim Autofahren vornüber gebeugt mit der Nase am Monitor. - Aufgestellt wurde es in einem Großraumbüro. Aua. Geistig anspruchsvolle komplizierte konzentrationsbedürftige Arbeit ist darin gar nicht möglich. Einfach mal aufhören sich zu einer einzigen Körperhaltung zu zwingen und stattdessen instinktiv immer mal wieder die Haltung extrem ändern, mal ran an den Monitor, mal weit weg, zum Nachdenken (beinahe) die Füße auf den Tisch, vorm Fenster wo man zum Nachdenken rausguckt (statt mit einem Brett vorm Kopf gegen die Wand zu arbeiten) ein Panorama mit Weitblick, Hände weg von der Tastatur wenn man sie gar nicht bedient - so hab ich mein Berufsleben ohne Rückenprobleme überlebt. Wenn einem die militanten Nichtraucher eingebrockt haben dass man für jede Zigarette 3 Stockwerke runter und wieder rauf turnen darf besteht an Sport sowieso kein Mangel.
The Independent 23.07.2018
5. .
Zitat von HamberlinerBeim Anblick des Fotos bekomme ich einen Heiterkeitsanfall und Gedanken, die hier nicht freigeschaltet würden. Abgesehen davon wurde das Gerät offenbar nicht bei anspruchsvoller geistige Wertschöpfung getestet und ist in der Form und Umgebung auch gar nicht dafür geeignet: - Die Tischplatte bietet keinen Platz mit Ablage für unerledigtes, Platz für manuelles Arbeiten auf Schmierzetteln (Nebenrechnungen, Skizzen, Notizen), Telefon, Maus (ohne ablenkendes Generve eines Mousepad), Kaffeetasse, Fachliteratur, sonstige Unterlagen. - Sitzhaltung und Abstand zum Monitor lässt sich nicht ausreichend verändern. Wenn man nachdenkt sitzt man nicht wie eine alte Frau beim Autofahren vornüber gebeugt mit der Nase am Monitor. - Aufgestellt wurde es in einem Großraumbüro. Aua. Geistig anspruchsvolle komplizierte konzentrationsbedürftige Arbeit ist darin gar nicht möglich. Einfach mal aufhören sich zu einer einzigen Körperhaltung zu zwingen und stattdessen instinktiv immer mal wieder die Haltung extrem ändern, mal ran an den Monitor, mal weit weg, zum Nachdenken (beinahe) die Füße auf den Tisch, vorm Fenster wo man zum Nachdenken rausguckt (statt mit einem Brett vorm Kopf gegen die Wand zu arbeiten) ein Panorama mit Weitblick, Hände weg von der Tastatur wenn man sie gar nicht bedient - so hab ich mein Berufsleben ohne Rückenprobleme überlebt. Wenn einem die militanten Nichtraucher eingebrockt haben dass man für jede Zigarette 3 Stockwerke runter und wieder rauf turnen darf besteht an Sport sowieso kein Mangel.
Neuere Studien belegen, dass Großraumbüros die Mitarbeiter zwar insgesamt unzufriedener machen (fehlende Privatsphäre, Geräusche der anderen Mitarbeiter, ständige z.B.durch Drucker und Telefone erzeugte Hintergrundgeräusche, evtl. visuelle Überwachung durch Vorgesetzte, etc.). aber auch, dass dort effektiver/produktiver gearbeitet wird als in Einzel-, oder Doppelbüros, in denen die Mitarbeiter wiederum unbeobachtet eher dazu neigen stundenlang "in der Nase zu popeln" (also nichts bis wenig zu tun), die Stunden bis zum Feierabend zu zählen, stundenlange private Whatsapp-Unterhaltungen zu betreiben, oder aber auch in wirklich jedem SPON-Forum - während der Arbeitszeit - den eigenen Senf abzugeben. :-P Vielleicht informieren Sie sich da noch einmal.
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