Schuhe bis Größe 69 Spezialist für Riesenfüße

So viele Riesen wie Georg Wessels kennt kaum jemand. Überall auf der Welt versorgt der Schuhmacher die größten Menschen mit Tretern, bis zu einem halben Meter lang. Ob in Afrika oder China - manche XXL-Modelle liefert Wessels persönlich ab.

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Für den Sommer wünscht sich Sultan Kösen, 29, neue Schuhe. Nur wird der Mann aus der Türkei in keinem Geschäft seines Landes fündig. 2,51 Meter misst er vom Haupt bis zur Sohle, und dort von der Ferse bis zur Zehenspitze knapp 40 cm. Kösen trägt Schuhe der Größe 61. Die kann nur Georg Wessels aus Vreden im Münsterland liefern.

Der größte Mann der Welt ist Stammkunde des Schuhmachers: Wessels hat ihn bereits mit Wanderschuhen, Sportschuhen und eleganten Modellen für besondere Anlässe ausgestattet. Nun ist Kösen zum ersten Mal in Deutschland. Inmitten von Regalen kniet Wessels neben dem Hünen, bindet ihm neue braune Lederschuhe zu. Kösen erhebt sich langsam, setzt zaghaft einen Fuß vor den anderen, strahlt: "Sehr gut. Als ob ich keine Schuhe anhätte."

Wessels - 59 Jahre alt, 1,80 Meter groß, Schuhgröße 42 - ist der Spezialist für Füße, die nicht einfach nur groß, sondern riesig sind. Sein Laden in der Fußgängerzone bietet Damenschuhe ab Größe 42,5 und Modelle für den Herrn ab Größe 47 aufwärts. Die größten Maßanfertigungen, die je die Werkstatt verlassen haben, waren Schuhe für den inzwischen verstorbenen Matthew McGrory: fast einen halben Meter lang. Größe 69. Ein Exemplar eines Bergstiefels mit diesen gigantischen Maßen steht neben der Kasse. Wenige Zentimeter mehr, und die kleinste Frau der Welt könnte sich hineinlegen.

Arme Riesen müssen bei Wessels nichts zahlen

Im Wohnzimmer über dem Laden, mittelständisches westfälisches Bürgertum, blättert Georg Wessels durch ein Buch mit bordeauxrotem Ledereinband und dem goldenen Schnörkelschriftzug "Unsere Gäste". "Über 50 verschiedene Nationalitäten stehen hier drin", sagt er und tippt auf kyrillische oder chinesische Schriftzeichen, "ich weiß manchmal gar nicht, was sie mir reingeschrieben haben". Ein Dankeschön auf Deutsch, von einer Kundin aus Namibia: "Nach jahrelanger Suche endlich Licht am Ende des Tunnels."

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XXL-Füße: Schuhe für den größten Mann der Welt
Einen türkischen Eintrag hat Schuhmacher Wessels sich übersetzen lassen, den Zettel zwischen die Seiten gelegt: "Lieber Herr Wessels, ich finde es toll, wie Sie sich für die großen Menschen einsetzen." Er nickt. "Hemden oder Hosen kann notfalls noch die Großmutter nähen", sagt Wessels. "Aber seine Schuhe, die kann man nicht so einfach selber machen."

Richtige Fußbekleidung kann für Riesen überlebenswichtig sein. Der Amerikaner Robert Wadlow, mit 2,72 Metern der wohl bisher größte Mensch, starb 1940, nachdem sich eine Druckstelle an seinem Fußknöchel entzündet hatte. "Solche Füße müssen ja ein wahnsinniges Gewicht tragen", so Wessels. "Da hat man als Schuhmacher eine besondere Verantwortung." Den größten Menschen der Welt bringt Wessels die Maßanfertigungen daher persönlich vorbei - nach China, nach Amerika, nach Russland. Unter dem Couchtisch liegt ein Reiseführer für Afrika. Bezahlen müssen die Riesen nicht. Das Geld verdient Wessels mit den geläufigen Übergrößen in seinem Laden.

Dass Menschen überhaupt so groß werden, liegt an einem Tumor an der Hypophyse, die tief versteckt im Kopf unter dem Hirn liegt. Der Tumor sorgt dafür, dass die Hypophyse Wachstumshormone ausschüttet, ungewöhnlich viel und immer weiter. Die Betroffenen werden 2,30, 2,40, 2,50 Meter, sie passen in kein Bett, an keinen Tisch, auf keinen Stuhl, durch keine Tür, in kein Auto.

Auch Sultan Kösen begann als Kind, unnatürlich zu wachsen, "mit zehn Jahren war ich so groß wie mein Vater". Jahrelang plagten ihn offene Wunden an den Füßen. Die Ärzte in Ostanatolien waren hilflos, erst nach einem Umzug nach Ankara zeigten Operationen Erfolge. Im März dieses Jahres brachten US-Mediziner sein Wachstum zum Stillstand. "Vorher lebte ich in ständiger Angst", sagt der Türke, der nichts dagegen hat, wenn man ihn Riese nennt - "solange die Leute mir mit Respekt begegnen".

Tausend Dank von "Big Charlie"

Nicht selten kollabiert der Körper von Riesenwüchsigen irgendwann unter den enormen Lasten. Viele sterben früh, Operationen sind teuer. "Diejenigen, die nicht das Glück haben im Westen zu leben und die keine gute Krankenversicherung haben, können gar nichts tun gegen das Wachstum", sagt Wessels.

Seine größten Kunden leben daher oft in den ärmsten Ländern. Und viele leiden unter ihrer Größe.

Für "Big Charlie", den größten Mann Simbabwes, fertigte Wessels Schuhe der Größe 57. Per E-Mail über die Mitarbeiterin einer Hilfsorganisation hat "Big Charlie" sich "tausendmal bedankt und geschrieben, dass sein ganzes Dorf für uns betet", erzählt Wessels. "Dass die Leute zwar immer noch lachen, wenn sie ihn in Harare durch die Straßen laufen sehen, aber jetzt immerhin nicht mehr mit Steinen nach ihm werfen." So können ein Paar Schuhe, die passen, einem Riesen die Würde zurückgeben.

Seit 1745 ist die Familie Wessels in Vreden als Schuhmacher tätig, Georg und sein Bruder Peter Wessels führen das Geschäft in der achten Generation. Ihr Großvater war der erste Orthopädieschuhmacher-Meister der Region. Nach dem Zweiten Weltkrieg fertigte er passende Schuhe für Kriegsversehrte aus dem ganzen Münsterland. Doch allmählich drohte das Geschäft wegzubrechen, Schuhe wurden in den sechziger und siebziger Jahren zur Massenware. "Wir waren ein Kraut-und-Rüben-Laden mit Rutschbahn für die Kinder im Geschäft", so Wessels. "Wir mussten uns also spezialisieren."

Spezialschuhe für ein Kamel mit Plattfüßen

Wie es dann zu den Übergrößen kam, kann Wessels gar nicht so genau sagen. Vielleicht, weil schon sein Vater gelegentlich die ziemlich großen Füße der Holländer hinter der Grenze einkleidete. Vielleicht lag es aber auch an dem Erlebnis, das Georg Wessels als ganz kleiner Junge bei einer Kur in Bayern hatte: Im Oberstdorfer Heimatmuseum stand er vor einem Skischuh, groß wie ein Kleinwagen, nie getragen, aber aus echtem Leder.

Vor zehn Jahren ist Wessels mit seiner Frau runtergefahren ins Allgäu, um sich zu vergewissern. "Ich habe mich all die Jahre gefragt: Habe ich das damals nur geträumt? Oder war das wirklich so?", sagt Wessels. "Das war wohl meine erste Konfrontation mit übergroßen Schuhen. Wenn ich nicht selbst Riesenschuhe machen würde, wäre ich heute sicher kein Schuhmacher mehr." Der Leisten musste wachsen, damit der Schuster bei ihm bleiben konnte.

Sein Expertentum bringt Wessels auch kuriose Aufträge ein. Vor einigen Jahren erklärte am Telefon ein Mann im feinsten Schweizerdeutsch, er brauche dringend orthopädisches Schuhwerk - nicht für sich, für sein Kamel. Das leide unter Plattfüßen. "Als er mir das erzählte, habe ich um mich geschaut, ob irgendwo in der Wohnung eine versteckte Kamera steht." Aber ein paar Tage später lagen tatsächlich Röntgenbilder vom Fuß des Tieres in der Post.

Tellergroße Treter fertigte Wessels und brachte sie persönlich in den Schwarzwald. Dort lag das Kamel in der Wiese, erschöpft vom Laufen. Mit einem Flaschenzug hoben sie es hoch, die Vorderbeine baumelten in der Luft und wehrten sich gegen das Schuhwerk. Doch beim Probelaufen beruhigte sich das Kamel. "Man hat ihm richtig angesehen, wie es Klick im Kopf gemacht hat", sagt Wessels. "Es hat mit einem Mal verstanden, dass es mit den Schuhen besser und vor allem schmerzfrei laufen konnte."

  • Bernd Kramer (Jahrgang 1984) ist Redakteur bei SPIEGEL ONLINE im Ressort Uni-/ SchulSPIEGEL.



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Seite 1
fort-perfect 05.07.2012
1. Der Herr Wessels
Zitat von sysopDPASo viele Riesen wie Georg Wessels kennt kaum jemand. Überall auf der Welt versorgt der Schuhmacher die größten Menschen mit Tretern, bis zu einem halben Meter lang. Ob in Afrika oder China - manche XXL-Modelle liefert Wessels persönlich ab. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,842207,00.html
scheint einer derjenigen zu sein, die tatsächlich etwas für die Menschheit leisten, ohne gross drüber zu reden..... und das Ganze tatsächlich ohne "Fördergelder", ohne staatliche Subvebtionen und vor allem ohne grosses Bohei.... Der Mann hat meinen Respekt.
HaioForler 05.07.2012
2.
Zitat von sysopDPASo viele Riesen wie Georg Wessels kennt kaum jemand. Überall auf der Welt versorgt der Schuhmacher die größten Menschen mit Tretern, bis zu einem halben Meter lang. Ob in Afrika oder China - manche XXL-Modelle liefert Wessels persönlich ab. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,842207,00.html
Kein Wunder, immerhin wuerden Massschuhe von John Lobb oder Grenson bei einem halben Meter Laenge wohl 5000 Euro kosten.
HaioForler 05.07.2012
3.
Zitat von fort-perfectscheint einer derjenigen zu sein, die tatsächlich etwas für die Menschheit leisten, ohne gross drüber zu reden..... und das Ganze tatsächlich ohne "Fördergelder", ohne staatliche Subvebtionen und vor allem ohne grosses Bohei.... Der Mann hat meinen Respekt.
Unglaublich, oder? Gleich heilig sprechen.
|nepumuck| 05.07.2012
4. leider wird der Markt von der Masse dominiert...
deswegen haben selbst einfach "nur" große Menschen wie ich mit Schuhgröße 51 gehörige Probleme passende Schuhe zu bekommen, die nicht Laufschuhe sind. Ich konnte noch nie in meinem Leben Sneakers tragen und bei Lederschuhen gibt es für mich selbst bei Wessels maximal drei Paare, die dann überhaupt an meinen Fuß passen und mit Glück trifft eins davon dann auch noch meinen Geschmack. Es gibt außer der "Kette" Schuhkaufmann mit mal gerade 7 Geschäften in ganz Deutschland, wo ich aber auch öfter nichts finde, keine Läden, in denen ich zu "normalen" Preisen (75-120€) einen Schuh bekomme. Ich bin der Familie Wessels SEHR dankbar für ihren Laden und den Dienst den sie mir damit leisten. Ich hoffe sehr, dass sie vllt doch noch expandieren und 1-2 Läden im restlichen Deutschland eröffnen, denn die Fahrt an die holländische Grenze für ein Paar Schuhe geht ins Geld und man muss auch erstmal die Zeit haben.
chramb 05.07.2012
5.
Zitat von |nepumuck|deswegen haben selbst einfach "nur" große Menschen wie ich mit Schuhgröße 51 gehörige Probleme passende Schuhe zu bekommen, die nicht Laufschuhe sind. Ich konnte noch nie in meinem Leben Sneakers tragen und bei Lederschuhen gibt es für mich selbst bei Wessels maximal drei Paare, die dann überhaupt an meinen Fuß passen und mit Glück trifft eins davon dann auch noch meinen Geschmack. Es gibt außer der "Kette" Schuhkaufmann mit mal gerade 7 Geschäften in ganz Deutschland, wo ich aber auch öfter nichts finde, keine Läden, in denen ich zu "normalen" Preisen (75-120€) einen Schuh bekomme. Ich bin der Familie Wessels SEHR dankbar für ihren Laden und den Dienst den sie mir damit leisten. Ich hoffe sehr, dass sie vllt doch noch expandieren und 1-2 Läden im restlichen Deutschland eröffnen, denn die Fahrt an die holländische Grenze für ein Paar Schuhe geht ins Geld und man muss auch erstmal die Zeit haben.
Ich habe selber Schuhgröße 51, und bin wirklich dankbar das es dank Internet und spezialisierten Händlern wie Schuhkaufmann auch schöne Schuhe (liegt im Auge des Betrachters) inzwischen über das Internet beziehen kann, dazu kommt noch das Große Hersteller über ihre Shops auch oft große Größen vertreiben z.B. Nike. Bzw. überhaupt in dieser Größe Herstellen, das machen ja auch nicht alle (Puma, Converse). Früher musste ich immer abgrundtief Hässliche schwarze Leder Schuhe Tragen, da diese oft die einzigen waren die es im Handel gab.
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