Schweiger im Büro-Alltag Weckrufe für Scheintote

Meetings sind toll - wären da nicht die Teilnehmer. Den Erfolg einer Besprechung bedrohen nicht nur Quasselstrippen. Schweiger können eine lähmende Gruppendynamik auslösen oder taktische Hakenschläge vorbereiten. Rüdiger Klepsch gibt Tipps, wie man die Scheintoten weckt.

Schreibt noch mit, sagt aber nichts mehr: Jetzt schnell einen Impuls setzen, bevor alle Teilnehmer so reagieren
Corbis

Schreibt noch mit, sagt aber nichts mehr: Jetzt schnell einen Impuls setzen, bevor alle Teilnehmer so reagieren


Meetings sind zum wichtigsten Arbeitsinstrument in einer immer komplexeren Arbeitswelt geworden. Das ist Fluch und Segen zugleich. Im Idealfall führt ein Meeting zu Ergebnissen, die besser sind als alles, was man im Vorfeld erwarten konnte. Oder aber ein Meeting führt zu nichts außer Frustration bei allen Beteiligten. Die Wirksamkeit von Meetings steht und fällt mit ihren Teilnehmern.

Oft hapert es daran, dass jemand im Treffen zu viel spricht. Ebenso problematisch kann es sein, wenn jemand zu wenig oder gar nicht redet. Wo genau liegt dann das Problem? Wenn einige schweigen, haben die anderen mehr Zeit zum Reden!

Das Dumme ist: Auch ein Schweiger "spricht" durch Nicht-Sprechen, allein durch seine Anwesenheit. Man kann nicht Nicht-Kommunizieren, wie der berühmte Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick feststellte. Die Stillen lösen etwas bei den anderen aus: "Warum sagt der jetzt nichts, der weiß doch worum es geht?" oder "Hält der sich für was Besseres und meint der, nichts sagen zu müssen?"

Crash mit der "Wattewand"

Aber es ist auch inhaltlich ein Verlust, da Stillsein ja nicht heißt, keine Ahnung zu haben. Zudem irritieren und demotivieren die "Stummen" die Motivierten. Null-Feedback zu den Ideen von Kollegen und Vorgesetzten frustriert die Kreativen. Die Motivierten laufen mit ihren Verbesserungsvorschlägen vor eine "Wattewand". Und: Alle gemeinsam führen sich so in eine stimmungseintrübende Gruppendynamik.

Grundsätzlich unterscheiden wir vier Schweigertypen:

  • den ängstlichen Schweiger,
  • den gelangweilten Schweiger,
  • den taktischen Schweiger
  • sowie den ahnungslosen Schweiger.

Der ängstliche Schweiger wird von einer Gruppendiskussion gestresst: Er hat Angst zu versagen, Unsinn zu erzählen, rot zu werden, irgendwie peinlich aufzufallen. Gleichgültig, ob diese Person sich unsicher fühlt, weil sie zu wenig Erfahrung hat, oder ob sie nicht reden möchte, um nicht in Verlegenheit zu kommen, sollte der Besprechungsleiter diesem Teilnehmer frühzeitig eine Frage auf einem Gebiet stellen, auf dem er sich sicher fühlt. Wenn das Eis erst einmal gebrochen und die Angst überwunden ist, entwickeln sich solche Menschen meist zu Teilnehmern, die wichtige Beiträge liefern.

Die gelangweilten Schweiger sind häufig durch lähmende Meeting-Erfahrungen demoralisiert. Oder aber die aktuelle Sitzung läuft zäh. Der Teilnehmer schaltet ab. Das hat zuallererst etwas mit der Leitung des Meetings zu tun. Schon in den Eröffnungsworten muss die Aufmerksamkeit der Teilnehmer geweckt werden. Im Verlauf der Diskussion sollten Sie visuelle Hilfsmittel einsetzen. Auch praktische Beispiele, die der Gruppe zur Analyse vorgelegt werden, sind in dieser Hinsicht hilfreich.

Wenn es langweilig wird, ist der Besprechungsleiter schuld

Wenn die Mitarbeit der Teilnehmer abzunehmen scheint, dann versuchen Sie es mit einem Methodenwechsel. Die Besprechung darf nicht stagnieren; halten Sie die Dinge in Bewegung. Stellen Sie Fragen, die ein Betrachten des Problems aus einem eher ungewöhnlichen Blickwinkel erfordern. Bringen Sie Beispiele, egal, ob sie wahr oder erfunden sind. Sprechen Sie die Teilnehmer auf ihre besonderen Erfahrungen, Vorschläge oder Meinungen hin an.

Vernachlässigen Sie dabei nicht Ihre Körpersprache. Suchen Sie den direkten Blickkontakt, hören Sie Ihrem Gegenüber gut zu, indem Sie sich ihm zuwenden. Versuchen Sie, aus längeren Stellungnahmen das Wesentliche herauszufiltern. Arbeiten Sie mit direkten Fragen auf das Ziel hin, das Ihnen wichtig erscheint. Erlauben Sie es nicht, die Dinge allzu sehr zu vereinfachen.

Auch Ihre Stimme ist ein effektives Mittel, um das Interesse wachzuhalten. Wenn Sie das Gefühl haben, dass das allgemeine Interesse abnimmt, sprechen Sie lauter, rascher und gefühlsbetonter.

Ein geschickt gesetztes Statement aus der Tiefe des Raums

Taktische Schweiger haben oft die Erfahrung gemacht, dass es Führungskräfte gibt, die nicht wirklich die Vorschläge anderer hören, sondern ihre eigenen Ideen produzieren möchten. Nach solchen Erfahrungen halten sie sich zurück und schweigen.

Eine schwierige Teilmenge in der Gruppe der taktischen Schweiger sind die manipulativen Schweiger. Sie entwickeln eine ausgefeilte Hintergrunddominanz. So warten sie gern mit ihren Beiträgen bis zum Schluss.

Eine kontroverse Diskussion verrennt sich im Detail und dann kommt aus der Tiefe des Raums in die totale Verwirrung der heiß gelaufenen Debatte ein klares Statement gerade der Person, die bisher nichts gesagt hat. Welcher Position schließt sich die Gruppe dann wohl an?

Sowohl bei einfachen taktischen Schweigern als auch bei den manipulativen Schweigern helfen frühzeitige Fragen, die direkt an die Betreffenden gerichtet werden. In der ersten Teilgruppe setzt das natürlich voraus, dass der Leiter tatsächlich bereit ist zuzuhören, um die eigene Wahrnehmung durch die Wahrnehmungen anderer anzureichern. Bei der zweiten Teilgruppe löst sich die Hintergrunddominanz schnell auf, wenn der Betreffende durch frühes Befragen in den Vordergrund gebracht wird.

Selbstverständlich kann jemand einfach deshalb schweigen, weil er nicht vorbereitet ist und nichts beizutragen hat. Das sollte möglichst frühzeitig klar werden, damit die Stille des ahnungslosen Schweigers nicht falsch interpretiert wird. Wichtig ist es darauf zu achten, dass sich derjenige dabei nicht vorgeführt fühlt. Ihm sollte vermittelt werden: Es fällt niemandem ein Zacken aus der Krone, einmal zu einem Thema nichts Wesentliches beizutragen. Wenn die übrigen dies wissen, wird gruppendynamisch kein Hemmschuh daraus, im Gegenteil.



insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
PIrot 28.06.2011
1. Meetings
Meetings mit mehr als zwei Personen sind eh unnütz
salmasius 29.06.2011
2. Stundenlohn ausrechnen!
Ich habe mir meinen Nettostundenlohn ausgerechnet. Der Gedanke "Dafür, dass Du Dir jetzt eine Stunde lang diesen Mist angehört hast, erhältst Du xx Euro" hält mich über Wasser. Anders lässt sich das Gequackel eitler Selbstdarsteller und sonstiger Wichtigtuer nicht ertragen.
rondon 29.06.2011
3. noch einer
hier ein weiterer weckruf für scheintote: die demonstranten in griechenland rufen die deutschen zu unterstützungsdemos auf: http://le-bohemien.net/2011/06/28/protestaufruf-aus-griechenland/ ...sie wollen keine kredite mehr!
**Kiki** 29.06.2011
4. .
Zitat von sysopMeetings sind toll - wären da nicht die Teilnehmer. Den Erfolg einer Besprechung bedrohen nicht nur Quasselstrippen. Schweiger können eine lähmende Gruppendynamik auslösen oder taktische Hakenschläge vorbereiten. Rüdiger Klepsch gibt Tipps, wie man die Scheintoten weckt. http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/0,1518,770916,00.html
Ich bin gottseidank in der glücklichen Lage, den klassischen Meetings entronnen zu sein. Aber zu Zeiten, als das noch andes war, habe ich bei solchen Gelegenheiten nur dann etwas gesagt, wenn ich etwas zur Sache beizutragen hatte, das noch kein anderer gesagt hatte. Das war vergleichsweise selten der Fall, denn wir hatten ein paar Leute dabei, die sich selbst unheimlich gerne reden hörten, und man hätte schon brachiale Gewalt anwenden müssen, um vor denen zu Wort zu kommen. Weil diese Leute zwar lästig, aber trotzdem nicht (jedenfalls nicht alle und nicht in jeder Hinsicht) doof waren, war das meiste, was zu sagen war, nach ihren Einlassungen schon gesagt. In der Regel mindestens doppelt bis dreifach, denn von den "Vielschwätzern" hat sich natürlich keiner dadurch beeindrucken lassen, dass etwas bereits gesagt worden war. Die mussten immer an jedem Baum auch nochmal das Bein heben. Wegen genau dieser Leute habe ich zuweilen auch das, was ich eigentlich noch hätte ergänzen können, am Ende doch für mich behalten. Denn deren Wichtigtuerei konnte solche Meetings oft weit über den angesetzten Zeitraum hinaus in die Länge ziehen. Ab einem bestimmten Punkt wurde mein Bedürfnis nach einem Ende des Meetings immer viel zu groß, um es durch einen eigenen Beitrag noch weiter hinauszuzögern. Meetings überlasse ich gerne anderen. Heutige Besprechungen verlaufen für gewöhnlich entweder zu zweit oder im Maximalfall mal zu dritt oder zu viert, und wie ecua regle ich fast alles am liebsten per E-Mail.
gothatch 29.06.2011
5.
"Wir halten so lange Meetings ab, bis wir wissen warum wir so unproduktiv sind."
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