Selbstbewusstsein im Job Arbeiter trauen sich mehr zu als Angestellte

Schreibtischarbeit schadet dem Selbstbewusstsein: Angestellte glauben weniger daran, Probleme lösen zu können, als Handwerker und Gewerbetreibende. Eine neue Studie erklärt die größere Zuversicht.

Handwerkerin bei der Arbeit
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Handwerkerin bei der Arbeit


Auf den ersten Blick ist das Studienergebnis paradox: Angestellte sind zwar emotional stabiler und offener für neue Erfahrungen als Handwerker und Gewerbetreibende. Aber wenn es um ihr Zutrauen geht, Hindernisse zu überwinden und Ziele zu erreichen, stehen sie hinter den Arbeitern zurück. Das geht aus einer aktuellen Datenauswertung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) hervor.

Die IW-Ökonomin Andrea Hammermann hat in ihrer Studie untersucht, wie Beschäftigte ihre sogenannte Selbstwirksamkeit einschätzen - und signifikante Unterschiede unter Arbeitern und Angestellten festgestellt.

Wer hat die Studie in Auftrag gegeben?
Die Studie wurde vom arbeitgebernahen Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln durchgeführt. Ökonomin Andrea Hammermann, beim Institut für die Themen Arbeitsbedingungen und Personalpolitik zuständig, hat die Ergebnisse im IW-Kurzbericht 1/2019 unter dem Titel "Ich schaffe das: Das Prinzip der Selbstwirksamkeit" publiziert.
Wie wurden die Daten erhoben?
Die Autorin hat für ihre Studie die Daten des Linked Personnel Panel (LPP) ausgewertet. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung befragt im LPP Betriebe und ausgewählte Beschäftigte aus Betrieben mit mindestens 50 sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten. Für die hier verwendete zweite Welle 2014/2015 wurden 7.109 Beschäftigte aus 777 Betrieben befragt.
Was war das Ziel der Untersuchung?
Mit der Studie sollte die Selbstwirksamkeit von Beschäftigten untersucht werden. Die Autorin bezieht sich auf eine Definition der Selbstwirksamkeit von Albert Bandura, die die Zuversicht beschreibt, Hindernisse überwinden und gesetzte Ziele erreichen zu können.

Demnach erreichen Angestellte bei der Frage nach der Selbstwirksamkeit und der Aussage, Probleme aus eigener Kraft gut meistern zu können, im Mittel zehn bis zwölf Prozent niedrigere Zustimmungswerte als Arbeiter.

Die Ursache für den Unterschied liegt im Wortsinne auf der Hand. Der Autorin zufolge speist sich das Gefühl der Selbstwirksamkeit in erster Linie aus konkreten Erfolgserlebnissen - und die haben vor allem Arbeiter.

Wasserleitung als Erfolgserlebnisse

Hammermann macht dies an der Art der Tätigkeit fest. Während Arbeiter eher körperlich schaffen, üben Angestellte im Büro eher geistige Tätigkeiten aus. Für den Handwerker ist das Ergebnis seiner Arbeit direkt sichtbar, in Form eines Tischs oder einer reparierten Wasserleitung etwa.

Bei komplexen geistigen Tätigkeiten lässt der Erfolg hingegen auf sich warten. Am Schreibtisch erdachte Lösungen müssen sich erst in der Praxis bewähren, der Angestellte fühlt sich dadurch weniger produktiv.

Einzig bei Führungskräften sei dieser Effekt nicht festzustellen, beschreibt Hammermann. Wer Führungsverantwortung übernehme, unabhängig von der Art der Tätigkeit, sei auch von seiner Wirksamkeit überzeugt.

Erfolge honorieren - Selbstbewusstsein steigern

Dem Führungspersonal in Unternehmen rät Hammermann, aus den Studienergebnissen Konsequenzen zu ziehen. Denn Menschen, die sich als selbstwirksam wahrnehmen, fühlen sich demnach wohler und sind mit ihrer Arbeit zufriedener.

Erfolge sollten deshalb honoriert werden, sagt Hammermann, gerade dann, wenn die Leistung nicht offensichtlich als greifbares Ergebnis vor einem liege. "Der antiquierte Spruch, 'Nicht geschimpft ist Lob genug', hat damit endgültig im Verständnis der Mitarbeiterführung ausgedient."

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