Sexuelle Belästigung im Job Muss ich mir das gefallen lassen?

Ein schmutziger Witz, ungewollte Körpernähe, ein zweideutiges Angebot: Das ist Alltag im Job. Wo fängt Belästigung an? Was können Betroffene tun? Ein Überblick.

Unangemessene Berührung: Der tägliche Sexismus belastet viele Menschen
Corbis

Unangemessene Berührung: Der tägliche Sexismus belastet viele Menschen

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Sexismus ist Alltag in Deutschland. Keine Missverständnisse, bitte: Die Vorfälle in der Silvesternacht in Köln und anderswo haben eine außergewöhnliche Dimension - so brutal, in so großer Masse, offenbar verabredet. Aber der tägliche Sexismus im Job belastet viele Menschen, das darf dabei nicht aus dem Blick geraten.

Außerdem ist er oft subtiler. Ein ungefragter Griff an den Po ist Belästigung, klar. Aber ist es ein frecher Spruch auch? Als vor knapp drei Jahren der FDP-Politiker Rainer Brüderle mit Anzüglichkeiten gegenüber einer Journalistin für einen medialen Aufschrei sorgte, fand er selbst, er habe sich nur einen Spaß erlaubt.

Laut einer Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes vom vergangenen Jahr sind rund die Hälfte der Arbeitnehmer in ihrem Berufsleben schon einmal sexuell belästigt worden - wenn man die Definition des Gesetzgebers anlegt. Nach eigenem Verständnis waren es 17 Prozent.

Manche Zote wird also gar nicht als schlimm empfunden. Andererseits kann es eine ungeheure Belastung sein, wenn Kollegen ständig die Schmerzgrenze testen. Oft wissen die Betroffenen dann nicht, wie sie damit am besten umgehen: Sollen sie es ansprechen? Und wenn ja: An wen wendet man sich? Ein Überblick.

Wann spricht man von sexueller Belästigung?

Nach dem Antidiskriminierungsgesetz fallen darunter alle unerwünschten Annäherungen, die sexueller Natur sind und sich an eine bestimmte Person richten. Konkret:

  • Ein Kollege lässt keine Gelegenheit aus, die neue Mitarbeiterin zu berühren. Scheinbar zufällig legt er seine Hand auf ihre, drängt sich in der Kantinenschlange an sie oder massiert ihr ungefragt den Nacken. Das ist sexuelle Belästigung.
  • Fast schon zu naheliegend, aber immer wieder ein Streitpunkt: Wer der Frau gegenüber auf den Ausschnitt starrt, belästigt sie.
  • Aufforderungen zum Sex gehen überhaupt nicht. Oft wird dann noch angeführt, die angesprochene habe das Angebot doch wahrscheinlich reizvoll gefunden. Doch das ist Quatsch: "Der Arbeitsplatz ist nicht der geeignete Ort dafür, im Zweifel muss man dort immer davon ausgehen, dass Sex unerwünscht ist", sagt Martina Perreng vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB).
  • Sexuelle Anspielungen und Herrenwitze finden nicht alle lustig. Das ist nicht nur unfreiwillig peinlich für den, der die Witze reißt, es kann auch eine echte Last für viele Anwesende werden. Allein schon die Frage, ob man sich direkt oder indirekt angesprochen fühlen soll, setzt Kollegen unter Druck. Das kann leicht in sexuelle Belästigung abrutschen, so eindeutig wie in den anderen Fällen ist die Lage hier aber nicht.
  • Ein Nacktkalender am Arbeitsplatz? Hier kommt es auf den Kontext an. DGB-Expertin Perreng erklärt es am Beispiel: "Ein Nacktkalender in einer Werkstatt, wo nur Männer arbeiten, ist eigentlich unproblematisch. Wird er aber so aufgehängt, dass die Sekretärin bei der Arbeit zwangsläufig darauf blickt, ist das eine Form der Belästigung."

Wie verbreitet ist sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz?

Dazu liefert die Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes aktuelle Daten (die Umfrage lief von November 2014 bis Januar 2015):

  • 28 Prozent der Frauen sind schon mit sexuellem Bezug auf ihr Privatleben und ihr Aussehen angesprochen worden, 22 Prozent beklagen sich über Bemerkungen mit sexuellem Inhalt. Bei den Männern betragen diese Werte 19 und 30 Prozent Prozent.
  • Von unerwünschten Annäherungen und Berührungen sprechen 19 Prozent der Frauen und 12 Prozent der Männer, von ungewollten Umarmungen und Küssen 13 Prozent (Frauen) und 10 Prozent (Männer).
  • Exhibitionismus von Kollegen haben 3 Prozent der Befragten erlebt, unabhängig vom Geschlecht.

Weitere Anhaltspunkte liefert eine Dortmunder Studie, die allerdings schon Ende der Achtzigerjahre durchgeführt wurde. Daraus ging unter anderem hervor:

  • Jede zwanzigste befragte Frau wurde mit Nachteilen im Job bedroht, falls sie nicht gefügig ist.
  • Jede dreißigste berichtete von Exhibitionismus der Kollegen und von Vergewaltigung.

Sollte man einen Kollegen zur Rede stellen, wenn man sich von ihm sexuell diskriminiert fühlt?

Die Frage ist pauschal schwer zu beantworten. Zunächst einmal dürfte den Betroffenen der Schritt sehr schwer fallen. In großer Zahl gehen Belästigungen von Mitarbeitern aus, die in der Unternehmenshierarchie über den Betroffenen stehen. Da schwingt immer die Angst um den Job mit.

"Die meisten Täter dürften alles abstreiten. Es besteht auch die Gefahr, dass ihre Übergriffe danach schlimmer werden", sagt Perreng. Andererseits hat sie selbst schon Fälle erlebt, wo dem Täter tatsächlich nicht bewusst war, was er mit seinem Verhalten anrichtet. Das dürfte aber die Ausnahme sein. Bei der Einschätzung sollte man sich Hilfe holen.

Sollte man andere Kollegen ins Vertrauen ziehen?

Schon deshalb ist es gut, die Einschätzung eines unbeteiligten Kollegen zu bekommen. Der kann als Zeuge dienen und bei der Frage helfen, ob sich das direkte Gespräch mit dem Täter lohnt. Gerade, wenn Betroffene an den eigenen Gefühlen zweifeln, ist die Rückversicherung sinnvoll: War das überhaupt eine Belästigung? Oder nur ein dummer Witz, der nicht wieder vorkommt? "Viele machen da eine überraschende Erfahrung", sagt Perreng: "Oft haben Kollegen nämlich schon ähnliche Erlebnisse mit dem gleichen Täter gehabt."

Wie kann man sich wehren?

Wer sich nun entscheidet, sich zu wehren, sollte immer zum Vorgesetzten gehen und den Fall dort schildern. Der Arbeitgeber ist gesetzlich verpflichtet, seine Mitarbeiter vor sexueller Belästigung zu schützen. Er muss eingreifen, und ihm stehen wirksame Mittel zur Verfügung: Er kann einen Täter abmahnen oder in schweren Fällen auch kündigen. "In den allermeisten Unternehmen wird das konsequent verfolgt. Daher kommen auch in Deutschland so wenige Fälle vor Gericht", sagt Perreng.

"Wir ermutigen Frauen ausdrücklich, solche Fälle anzusprechen", sagt Christine Lüders, die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Es geht darum, gesellschaftliche Grenzen deutlich zu machen. Andererseits ist es für die Betroffenen sehr schwer, einen Vorfall zu melden, aus Scham, aus Unsicherheit, weil die Übergriffe oft von Kollegen ausgehen, die im Machtgefüge über ihnen stehen. "Die wenigen, die sich zu diesem Schritt trotz allem durchringen, leisten Pionierarbeit für viele andere Frauen", so Lüders.

Was, wenn man sich damit nicht zum Chef traut?

Wer nicht gleich zum Chef gehen möchte, sollte sich woanders Unterstützung suchen. Große Unternehmen haben eigene Beschwerdestellen für solche Probleme, der Betriebsrat kann auch oft weiterhelfen. Außerdem kann sich jeder unentgeltlich an die Antidiskriminierungsstelle des Bundes wenden. Sie berät juristisch und übernimmt, wenn nötig, auch unangenehme Anrufe bei der Personalabteilung eines Unternehmens.

Wie sieht es mit der Beweislage aus?

Damit der Arbeitgeber einschreitet, muss der Vorwurf plausibel und belegt sein - er kann nicht auf Verdacht Mitarbeiter abmahnen. Da wird es allerdings oft schwierig. Wenn es für die Belästigung keinen Zeugen gibt, steht Aussage gegen Aussage. Auch deshalb ist es wichtig, andere Kollegen ins Vertrauen zu ziehen. Wenn sie ähnliche Erlebnisse gemacht haben, ist der eigene Fall glaubwürdiger. Übrigens kann niemand verlangen, dass eine Betroffene vor einer Beschwerde den Täter zur Rede gestellt hat.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung des Artikels wurden zwei Zahlen verwechselt, sodass der Eindruck entstand, Männer seien insgesamt seltener von Diskriminierung betroffen. Wir haben die Passage korrigiert.

  • Matthias Kaufmann (Jahrgang 1974) ist KarriereSPIEGEL-Redakteur.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 34 Beiträge
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Seite 1
rodmay 12.01.2016
1. Sexismus
Werden nicht jedes Wochenende Frauen, junge Mädchen mittels KO- Tropfen vergewaltigt? Sexuelle Übergriffe verüben nicht nur Nordafrikaner, Migranten oder Flüchtlinge sondern ebenso deutsche Jungs. Nur das geht das nicht durch die Medien. Ist wohl nicht für Populismus interessant. Vor allem sind hier die Opfer völlig wehrlos und es kommt wohl kaum zu Anzeigen. Wer selbst im Glaskasten sitzt soll nicht immer auf die anderen -Ausländer- zeigen. Vielleicht sollte das den "Rechten" in dieser Republik aufgezeigt werden. Ein Spiegel sollte denen vor die Nase gehalten werden.
isthiernocheinNamefrei? 12.01.2016
2. Witzig...
Das im Text im wesentlichen von sex. Belästigung der Frau ausgegangen wird, wo doch die genannte Statistik eher eine Gleichverteilung nahelegt... Auch ein Problem dieser Gesellschaft...
Criticz 12.01.2016
3. Warum ermuntert Frau Lüders eigentlich nur Frauen
Übergriffe anzuzeigen. Die Anzahl der betroffenen Männer ist alles andere als irrelevant. Diese Einseitigkeit der Betrachtung ist nur noch befremdlich....und letztlich sexistisch. Und das von der LeiterIn der ADS, unglaublich.
swamp_thing 12.01.2016
4.
Das Hauptproblem ist das Missverständnis. Die Belästigerin ist sich ihres Fehlverhaltens zunächst nicht klar, sondern sie denkt es sei eine Ehre von ihr belästigt zu werden. Macht man dann darauf aufmerksam, das es einen nicht interessiert wie nett die Dame es fände einen Partner zu finden und schwanger zu werden, handelt es sich um eine Zurückweisung. Und das führt zu Frust. Ein solches Klima belastet das Arbeitsverhältnis ganz enorm. Und das ist das Problem. Man hat die Wahl mit solchen eigenwilligen "Flirts" oder in einem belasteten Arbeitsklima zu leben. Sich an Vorgesetzte zu wenden, wenn man nicht allein klar kommt, ist auf alle Fälle eine gute Idee. Das weiß eigentlich jeder. SPON weiß es jetzt also auch. Das ist schön.
kascnik 12.01.2016
5. Sexuelle Belästigung!?
Dieses Thema ist wohl der neue Trend. Gerade der Tipp, Kollegen ins Vertrauen zu ziehen, halte ich für brandgefährlich. Nicht jeder Witz oder Kalender ist gewollte sexuelle Belästigung. Wenn im Zeichen der gesellschaftlichen Hysterie heraus Existenzen zerstört werden, weil vorschnell "vermutet", "verdächtigt" und schlußendlich "verleumdet" wird, wird im Prinzip eine Straftat (üble Nachrede, Mobbing) durch die Vermutung einer anderen legalisiert. Natürlich, jede Form eines Übergriffs muss strafrechtlich und auch disziplinarisch geahndet werden, nur befürchte ich schon jetzt eine Übersensenbilisierung unserer Gesellschaft. Wie immer natürlich ist da unser Vorbild USA nicht weit weg.
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