Sexuelle Belästigung im Job Plötzlich war mein Chef nackt

Ein Geschäftsführer bittet zum "Ficktat", Kolleginnen diskutieren über die "Ausstattung" eines Kollegen, ein Chef wartet unbekleidet im Büro: Sexismus ist Alltag im Berufsleben. Hier berichten SPIEGEL-ONLINE-Leserinnen und -Leser.

Sexuelle Belästigung im Büro (Symbolbild): Erdrückende Zahl von Zuschriften
Corbis

Sexuelle Belästigung im Büro (Symbolbild): Erdrückende Zahl von Zuschriften


Immer wieder werden Menschen im Berufsleben sexuell belästigt. Die Hemmschwelle, darüber zu reden, ist groß. Wir hatten Sie, liebe Leserinnen und Leser, gebeten, uns anonym von Ihren Erfahrungen zu erzählen. Die Zahl der Zuschriften ist erdrückend.

Eine kleine Auswahl lesen Sie hier. Die Fälle wurden leicht gekürzt und beschränken sich auf die Sicht der Betroffenen. Wir geben sie unkommentiert wieder:

Außer ihm hat niemand gelacht:

"Mein ehemaliger Chef fand es immer lustig, mich als seine 'Sexretärin' zu betiteln und zu bedauern, dass es heutzutage keine Diktate mehr gibt, sonst hätte er mich ja zum 'Ficktat' rufen können. Er fand sich immer urkomisch und hat, glaube ich, nicht gemerkt, dass außer ihm niemand gelacht hat. Da er der Geschäftsführer und Inhaber der Firma war, hatte ich nur die Möglichkeit, das zu übergehen. Gewechselt habe ich den Arbeitsplatz dann aber aus anderen Gründen."

Als ich zurückkam, war er nackt:

"Ich habe als persönliche Assistentin für den Chef einer kleinen Firma gearbeitet. Wir haben uns gut verstanden, aber irgendwas war schräg. Ich würde es als subtile Grenzüberschreitungen bezeichnen. Er hat mir zu viel erzählt, auch Privates, und oft seine Hand auf meinen Arm oder Rücken gelegt.

Eines Abends habe ich ihn dann für einen Vortrag gebrieft, den er am nächsten Tag halten sollte. Ich bin kurz auf die Toilette gegangen, und als ich zurück in den Raum trat, waren die Lichter gedimmt und mein Chef nackt - kein Witz! Ich habe mich entschuldigt und bin knallrot aus dem Raum gestolpert, aber natürlich war klar, dass das kein Versehen von ihm war. Ich habe lange darüber nachgedacht, wie ich mich verhalten soll, aber keinen Weg gefunden. Am Ende kündigte ich. Schade. Es war eine Traumstelle."

Tägliches Zusammentreffen:

"Vor elf Monaten kam eine neue Kollegin in unsere Abteilung. Anfangs hatten wir ein freundschaftlich-kollegiales Verhältnis. Doch bald fing sie an, anzügliche Bemerkungen zu machen: 'Scheinst ja gut bestückt zu sein.' Auch den einen oder anderen Klaps auf den Po musste ich widerwillig über mich ergehen lassen. Dann, an einem Freitagnachmittag, kam sie zu mir an den Schreibtisch, setzte sich auf meine Schreibtischkante und schob lasziv ihren Rock hoch, um ihr blankes Geschlecht zu entblößen. Ich stand auf, rannte aus dem Büro und verließ das Gebäude so schnell ich konnte.

Ich meldete mich erst mal eine Woche krank, da ich nicht mit der Situation umzugehen wusste. Ich sehe meine Peinigerin fast täglich und versuche sie zu meiden. Außer ein paar weniger drastischen Annäherungsversuchen ist nichts mehr passiert. Leider konnte ich mit niemanden darüber sprechen - die Scham ist zu groß, und als Mann befürchte ich, selbst in die Täterrolle gedrängt zu werden."

Lächerlich vor allen Kollegen:

"Ich arbeite bei einem bekannten bayerischen Automobilhersteller. Bei einem Treffen mit einem Zulieferer präsentierte die scheidende Projektleiterin die Ergebnisse eines Projekts. Bei den Häppchen in der Pause kam ihr Gruppenleiter an den Tisch und sagte: 'Du würdest dich aber auch super als Bedienung hier machen, gell?' Die Projektleiterin lachte gequält mit.

Der blanke Sexismus: Er hatte sie vor dem gesamten Kollegenkreis und den Mitarbeitern des Zulieferers lächerlich gemacht. Von Respekt keine Spur. Normalerweise trat der Mann übrigens sehr wohlerzogen, geradezu brav und korrekt auf."

Verblüffung, Hass, Ekel:

"Ich wurde als Mann, tätig in der Gastronomie, wiederholt Ziel sexueller Übergriffe eines homosexuellen Betriebsleiters. Nicht durch Worte, aber durch direktes Grabschen und Tätscheln. Auch männliche Lehrlinge waren betroffen. In der Firma gibt es keinen richtigen Ansprechpartner. Ich hätte die HR-Abteilung oder die Konzernleitung informieren können, dann hätte mein Wort gegen seins gestanden - schwierig ohne Zeugen.

Ich kann Frauen jetzt besser verstehen, insofern bin ich dem Betriebsleiter auf gewisse Weise sogar ein bisschen dankbar. Ich habe nun wenige Male das erlebt, was Kolleginnen permanent, häufig mehrmals am Tag, erfahren. Wer beim #aufschrei von Feministinnen von 'Tugendfuror' spricht wie Bundespräsident Gauck, zeigt nur, dass er noch nie diese Mischung erlebt hat aus Verblüffung, Zorn, Abscheu, Hass, Ekel und dem Gefühl, dass die innere Grenze verletzt wurde."

Tägliche Machtdemonstration:

Ich bin Lehrerin an einer Berufsschule in Thüringen, mit 1200 fast zu 90 Prozent männlichen Schülern zwischen 15 und 22 Jahren. So bin ich seit 25 Jahren fast jeden Tag sexueller Diskriminierung ausgesetzt, insbesondere in schwierigen Klassen, wo einzelne Schüler gezielt die Lehrer verunsichern oder ihre Macht vor der Gruppe demonstrieren wollen. Obwohl ich zweckmäßig gekleidet auftrete, werden Outfit, Figur oder Styling kommentiert: 'Heute sehen sie ja richtig sexy aus...' Ich bekomme Angebote wie: 'Wollen wir nicht mal zusammen baden gehen?' Die dreisteste Bemerkung, die ich mir anhören musste, war wohl: 'Darf ich mal zur Toilette, ich muss mir jetzt erst mal einen runterholen, weil ich Sie so scharf finde.'

Von den männlichen Kollegen und der Schulleitung kann man nach meinen persönlichen Erfahrungen kein großes Verständnis erwarten. Als Frau wird einem immer eine Mitschuld an den Vorfällen unterstellt. Und so halte ich besser den Mund, leider.

Vom Stammgast begrapscht:

"Ich habe im Studium als Kellnerin gejobbt. Dort kam es häufig zu anzüglichen Sprüchen. Einmal war ich aber wirklich getroffen. Ich nahm die Bestellung an einem Tisch auf. Ein Stammgast Mitte 50 schob mein Shirt hoch und streichelte meinen Bauch. Einfach so. Unglaublich! Als würde ich ihm gehören, weil ich ihn bediene. Ich habe seine Hand weggeschoben und bin zu meiner Chefin gegangen. Diese hat sich etwas aufgeregt - aber nicht vor dem Gast.

Ein anderes Mal ging ich bei einer Abendveranstaltung durch den Raum. Ein attraktiver Mann strahlte mich an - und fasste mir direkt an die Brust. Dabei schaute er mich an. Es war so voll, dass ich direkt weiter geschoben wurde."

Wohin wendet sich ein Mann?

"Ich treibe in der Freizeit intensiv Sport, habe eine sehr männliche Figur. Aber ich zwänge mich nicht in hautenge Kleidung und gebe niemandem den Eindruck, auf der Suche nach Flirts zu sein. Trotzdem erlebe ich regelmäßig, wie Kolleginnen anzügliche Bemerkungen machen, gelegentlich gibt es einen Klaps auf den Po. Dazu grundlose Umarmungen oder eine Hand, die mir beiläufig über die Schulter fährt, wenn eine Kollegin neben mir am Schreibtisch steht und etwas bespricht. Alles immer furchtbar herzlich und gar nicht böse gemeint, wenn man die Kollegin darauf anspricht.

Mich stört es ungemein. Wenn ich aber nicht gute Miene zum bösen Spiel mache, reagieren die Kolleginnen gereizt. Bei uns gibt es keine Sexismusbeauftragte, sondern dezidiert nur eine Frauenbeauftragte. Ich habe keine Ahnung, wohin ich mich wenden soll. Ich finde es ungerecht, dass ich das hinnehmen muss, nur weil ich ein Mann bin."

Minivan für die "schnelle Nummer":

"Wir haben in unserer Firma einen ranghohen Vorgesetzten, der alles anmacht und antatscht, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Obwohl er verheiratet ist und sogar Kinder hat, erzählt er wirklich allen Mitarbeiterinnen, dass er in einer offenen Ehe lebt und seine Frau überhaupt kein Problem mit Seitensprüngen hat. Ich bin mir sicher, dass die Arme nichts davon weiß. Es ist ekelhaft, dass dieser knapp 50-Jährige seine Position ausnutzt, um junge Praktikantinnen ins Bett zu kriegen.

Die Krönung des Ganzen war seine Aktion auf der Weihnachtsfeier: Vor der Disco, die die Firma angemietet hatte, ließ er einen Minivan parken, um darin Mitarbeiterinnen flachzulegen. Er hat noch nicht mal ein Geheimnis daraus gemacht, sondern Kollegen die Nutzung für eine schnelle Nummer angeboten. Wie gesagt, er ist in einer hohen Position, deshalb ist es schwer, ihn loszuwerden."

Gattin im Gerichtsflur:

"Meine Schwester hatte vor Jahren einen Vorgesetzten, der es selbstverständlich fand, Mitarbeiterinnen unsittlich zu berühren und zu bedrängen. Das Problem war lange bekannt. Sie aber hat ihn angezeigt - als einzige Betroffene.

Andere Opfer haben erst gar nicht ausgesagt: Bringt ja doch nichts, ist nicht so schlimm. Wieder andere zogen ihre zugesicherte Aussage zurück. Ich glaube, sie scheuten die Peinlichkeit, oder der Arbeitsfrieden war ihnen wichtiger. Lediglich meine Schwester, die bald Psychotherapie benötigte, und zwei weitere Frauen haben den Prozess durchgestanden. Unterstützung bekam sie von der Frau und dem erwachsenen Kind des Vorgesetzten. Die beiden steckten ihr auf dem Gerichtsflur, dass der Mann schon öfter wegen sexueller Nötigung angezeigt wurde und sich als Ehemann und Vater 'wie ein Schwein benommen' habe. Sie bedankten sich, dass jemand den Mut hat, das durchzustehen. Der Mann wurde verurteilt, arbeitete aber weiter in der Firma."

Muss ich mir das gefallen lassen?
  • Corbis
    Ein schmutziger Witz, ungewollte Körpernähe, ein zweideutiges Angebot: Das ist Alltag im Job. Wo fängt Belästigung an? Was können Betroffene tun?
  • Die häufigsten Fragen und Antworten.

asc/mamk



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 103 Beiträge
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Seite 1
erichlehmann 16.01.2016
1. Generation Praktikum
Einer Freundin meiner Tochter wurde nach dem ABI angeboten, ein Praktikum in einer Anwaltskanzlei zu absolvieren.Verlangt wurde unverblümt sexuelle Freizügigkeit . Sie hat sich nach dieser Erfahrung zum Studium der Rechte entschlossen. Es war eine renommierte urdeutsche Kanzlei
xenoxx 16.01.2016
2. Kindergarten?
Nun, am Ende meines nunmehr 45-jährigen Berufslebens und vielerlei Erfahrungen kann ich zu den hier geschilderten «Vorfällen» nur eines sagen: einfach mal das (klärende) Gespräch suchen! Alle Menschen - nahezu ohne Ausnahme - sind sexuell aktive Wesen. Das zu ignorieren oder verschämt wegzuschweigen führt zu nichts. Sicher kann grenzwertiges Verhalten der lieben Kollegen und Kolleginnen zu Irritationen führen. Aber letztendlich ist das unserer Biologie und dem bösen, bösen Arterhaltungsauftrag geschuldet. Und der wohnt uns allen inne, niemand kann sich davon freisprechen!
bobbit 16.01.2016
3. irgendwie fällt die minivan Geschichte ein wenig aus der Rolle.
I'm Gegensatz zu den anderen Geschichten, kommt die mir doch eher wie Dorf klatsch vor. Ich meine in der Geschichte wird nichts über tatsächliches Fehlverhalten geschrieben, sondern Unterstellungen auf Grund einer sehr konservativen Moral Vorstellung gemacht. Nichts ist falsch an offener Beziehung, Sex zwischen erwachsenen Menschen, oder auch daran die Gelegenheit auf zu machen in dem der Minivan in der Nähe parkt.
AHF84 16.01.2016
4. Realität?
Zitat von xenoxxNun, am Ende meines nunmehr 45-jährigen Berufslebens und vielerlei Erfahrungen kann ich zu den hier geschilderten «Vorfällen» nur eines sagen: einfach mal das (klärende) Gespräch suchen! Alle Menschen - nahezu ohne Ausnahme - sind sexuell aktive Wesen. Das zu ignorieren oder verschämt wegzuschweigen führt zu nichts. Sicher kann grenzwertiges Verhalten der lieben Kollegen und Kolleginnen zu Irritationen führen. Aber letztendlich ist das unserer Biologie und dem bösen, bösen Arterhaltungsauftrag geschuldet. Und der wohnt uns allen inne, niemand kann sich davon freisprechen!
Das Problem bei solchen Fällen ist doch meistens, dass es über eine Hierarchie- oder Abhängigkeitsgrenze hinweg geschieht. Das klärende Gespräch mit dem lüsternden Professor kann dann ganz schnell eine schlechte Prüfungsleistung bedeuten. Das offene Gespräch mit dem Vorgesetzten vielleicht den Jobverlust. Aus den geschilderten "Stichproben" wird eine Sache ganz deutlich: Es ist wirklich ein Problem, dass solche Dinge entweder klein geredet oder zu groß aufgebauscht werden. Letzteres ist wohl eher seltener der Fall als Ersteres. Ein zweites Problem ist, dass gerade Männer, die sexuell belästigt werden, mit einem "du bist doch ein Mann, hab dich nicht so" abgespeist werden und dass es schlicht keine/n Gleichstellungsbeauftragten, sondern eine/n Frauenbeauftragte gibt. Letzteres mit unbeschreiblicher Mehrheit eine Frau...
Atheist_Crusader 16.01.2016
5.
Zitat von xenoxxNun, am Ende meines nunmehr 45-jährigen Berufslebens und vielerlei Erfahrungen kann ich zu den hier geschilderten «Vorfällen» nur eines sagen: einfach mal das (klärende) Gespräch suchen! Alle Menschen - nahezu ohne Ausnahme - sind sexuell aktive Wesen. Das zu ignorieren oder verschämt wegzuschweigen führt zu nichts. Sicher kann grenzwertiges Verhalten der lieben Kollegen und Kolleginnen zu Irritationen führen. Aber letztendlich ist das unserer Biologie und dem bösen, bösen Arterhaltungsauftrag geschuldet. Und der wohnt uns allen inne, niemand kann sich davon freisprechen!
Es hat auch jeder Mensch einen Harndrang, deswegen ist es trotzdem nicht akzeptabel, in den Blumentopf auf seinem Schriebtisch zu pinkeln. Nur weil beinahe jeder diese Triebe hat, heißt das nicht, dass man sich davon beherrschen lassen muss. Zu behaupten, dass das nicht ginge, heißt einer Person jegliche Selbstkontrolle absprechen und sie zu einem dummen, willenslosen Tier zu degradieren, das nicht mehr für die eigenen Taten verantwortlich ist, sobald ein paar Hormone ins Spiel kommen. Solches Verhalten muss früh bekämpft werden, um Eskalationen zu vermeiden wie sie hier beschrieben sind. Manche Personen haben schlicht ein verqueres Bild von sozial akzeptablem Verhalten oder glauben, dass ihr Gegenüber die Belästigung als Flirten bezeichnet. Einmal kurz die Sicht geradezurücken kann Wunder wirken. Und wenn das nicht hilft: einfach mal zur Personalabteilung gehen. Und auch wenn es inzwischen selbstverständlich sein sollte: ALLES dokumentieren. Hilft sehr, wenn Aussage gegen Aussage steht.
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