Playback-Profi James Blunt duldet nur kleine Begleitmusiker

Treten Andrea Berg oder James Blunt im deutschen Fernsehen auf, steht Fabian Balgenorth am Bass. Sein Instrument ist nie zu hören. Dennoch liebt er seinen Job als Showmusiker.

Fabian Balgenorth

Von Hendrik Steinkuhl


Musikpuristen wird auch das nicht trösten. Aber immerhin: Die Fernsehzeiten, in denen Bands für Playback-Auftritte mit Dilettanten bestückt wurden, sind vorbei. "Wenn man sich da hinstellt und den totalen Wirsing spielt, geht das nicht", sagt Fabian Balgenorth, 25.

Der Berliner verdient sein Geld mit Musik. Er unterrichtet Bass und Gitarre, hat Auftritte mit eigenen Bands und spielt auf Tourneen für Sänger wie Chima ("Morgen", "Ausflug ins Blaue") oder Nik P. ("Ein Stern … der deinen Namen trägt"). Knapp 20 bis 30 Prozent seiner Einkünfte bezieht Balgenorth aus einer Tätigkeit, die viele seiner Kollegen nicht ernst nehmen: Er ist Showmusiker. Die werden zur Simulation einer echten Band gebraucht, wenn ein Künstler im Fernsehen, auf Galas oder bei anderen Veranstaltungen auftritt. Dass Showmusiker oft belächelt werden, liegt daran, dass ihr Instrument praktisch nie zu hören ist.

"Fast alle Auftritte, die ich mache, sind Halbplayback", sagt Balgenorth. Halbplayback bedeutet, dass die Stimme des Sängers live ist, die Musik aber vom Band kommt. Die Verantwortlichen der meisten Fernsehsendungen wollen das so. Halbplayback ist weniger aufwendig und nicht so störungsanfällig wie ein Live-Auftritt.

Dabeistehen ist alles

Wer sich auf YouTube alte Ausgaben der ZDF-Hitparade ansieht, wird Showmusiker entdecken, die ihr Instrument vor laufender Kamera ganz offensichtlich zum ersten Mal in der Hand halten. Auch sonst hat das Verhalten der Show-Hände oft nichts mit dem zu tun, was in der Aufnahme zu hören ist.

Zur Person
  • Fabian Balgenorth
    Fabian Balgenorth, 25, lebt in Berlin. Nach musikalischer Früherziehung und einem Jahr erfolglosem Violinen-Unterricht brachte er sich zunächst selbst das Spielen von Gitarre und Bass bei. Auf dem Karlsruher Helmholtz-Gymnasium wurde sein musikalisches Talent gefördert. Nach dem Abitur Studium der Musikproduktion in Berlin. Fabian Balgenorth ist Live-Musiker, Showmusiker und gibt Unterricht.
Das ist vorbei. Heute schicken Plattenfirmen den Showmusikern einige Wochen vor dem Auftritt den Titel, den sie auf der Bühne performen sollen. Wer seinen Part nicht ordentlich probt und dann ständig danebengreift, läuft Gefahr, beim nächsten Mal durch einen Kollegen ersetzt zu werden. "Es sind immer Leute von der Plattenfirma dabei, die darauf achten", sagt Fabian Balgenorth.

Der 25-Jährige versichert, auch beim Playback so exakt zu spielen, als wäre es ein Live-Auftritt. Obwohl sein E-Bass nicht eingestöpselt ist, obwohl niemand auch nur einen Ton von seinem Instrument hört. Seine Professionalität verbiete ihm jede Nachlässigkeit, sagt er.

All das ändere aber nichts daran, dass bei Showmusikern eines immer noch gilt: Das Aussehen ist wichtiger als die Virtuosität. "Es ist eben Popmusik, kein High-Jazz."

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Von Beruf Shoutcoach: Nachhilfe im Grunzen, Knurren, Schreien
Fabian Balgenorth ist in den Showmusiker-Karteien von zwei Agenturen vertreten, und die unterscheiden sich in ihrer Oberflächlichkeit offenbar nicht wesentlich von Model-Karteien. Grund dafür sind die Ansprüche der Kunden. Oder um es konkret zu machen: "James Blunt will nur dunkelhaarige Musiker."

Warum das so ist, weiß Fabian Balgenorth nicht. Vielleicht, weil James Blunt, neben dem er regelmäßig auf deutschen Fernsehbühnen steht, selbst dunkle Haare hat. Und nicht will, dass seine Bühnenmusiker zu sehr herausstechen. Dafür spricht, dass der englische Softpopper noch eine weitere Bedingung an seine Showmusiker stellt: Sie dürfen nicht zu groß sein. Blunt selbst misst gerade mal 1,73 Meter, Fabian Balgenorth 1,80 Meter. Fünf Zentimeter mehr, und er hätte den Job wohl nicht bekommen.

Die deutsche Schlagerkönigin Andrea Berg, bei deren Show-Auftritten Fabian Balgenorth ebenfalls am Bass steht, hat keine speziellen Ansprüche an das Aussehen ihrer Musiker. "Man sollte natürlich nicht im neongelben Trainingsanzug zur Show kommen."

Blunt kommt auch auf ein Bier vorbei

Auch über die gemeinsame Arbeit mit Andrea Berg kann Fabian Balgenorth nichts sagen. Denn die gibt es eigentlich nicht. Wo er während eines Auftritts stehen soll, wann die Kamera vielleicht mal länger auf ihn schwenkt, ist Sache von Aufnahmeleiter und Kameraleuten. Andrea Berg sieht er kurz und spricht er kurz, mehr als Smalltalk ist es nicht. "Das ist aber auch kein Problem, die Zusammenarbeit ist absolut professionell."

Mit James Blunt sei der Kontakt etwas intensiver. "Der kommt nach dem Auftritt häufig in die Künstlergarderobe, und dann trinkt man noch ein Bier und unterhält sich ein wenig." Freundschaften oder auch nur ein intensives Kennenlernen zwischen Künstler und Showmusikern gebe es aber praktisch nie.

Für einen gemeinsamen Fernsehauftritt mit James Blunt oder Andrea Berg bekommt Fabian Balgenorth einen mittleren dreistelligen Betrag. Das ist nicht übermäßig viel Geld, aber in Ordnung. Er ist gerne Showmusiker, auch wenn sein Bass stumm bleibt. "Ich tröste mich damit, dass ich meist die Backings singe, und die sind beim Halbplayback ja zu hören."

Dass er regelmäßig mit einem Softpopper und einer Schlagersängerin auf der Bühne steht, sieht er ebenfalls nicht als Problem. "Natürlich würde ich mir abends zu Hause nicht 'Die Gefühle haben Schweigepflicht' anhören." Für ihn ist die Show-Musik nur ein Teil seines abwechslungsreichen Jobs.

Im Moment probt er mit Hans-Werner Olm, im Hauptberuf Comedian, der im kommenden Jahr auf musikalische Tournee gehen will. Dann wird Fabian Balgenorths Bass auch zu hören sein, und schon jetzt freut er sich auf die gemeinsamen Konzerte: "Hans-Werner Olm ist ein richtig guter Sänger, das hätte ich nie gedacht."

  • Jette Golz
    KarriereSPIEGEL-Autor Hendrik Steinkuhl ist freier Journalist und lebt in der Nähe von Osnabrück.

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Seite 1
sucramotto 31.12.2015
1. Echte Musiker spielen live und ohne Playback!
Dass der Herr Balgenorth damit Geld verdient, ist völlig in Ordnung. Peinlich ist es aber für Künstler, die sich für solche Playback-Live -Auftritte hergeben. Echte Musiker spielen live! Punkt! Ich erinnere mich noch an eine Live-Show Mitte der 80er, bei der Bryan Adams auftreten und playback singen/spielen sollte und er sich demonstrativ auf die Bühne stellte und Faxen machte, während im Hintergrund die Musik lief als Ausdruck seiner Verweigerung. Herrlich!!! Schaut man sich heute im TV Auftritte von Musikern an, dürfte auch der Gesang seltenst live sein. Da wird immer mit Playback unterstützt. Da lobe ich mir doch noch "echte" Musiker, die sich weigern playback aufzutreten. Stattdessen spielen sie live und mit echter Band oder eben solo-akustisch, zu sehen in sämtlichen US-Late-Night-Shows. Aber auch bei uns gibt es ja einige wenige Sendungen, wo noch echte Live-Musik gespielt wird (früher bei der Harald-Schmidt-Show oder TV Total oder bei Ina Müller).
adubil 31.12.2015
2.
Musik-Sendungen, die so angelegt sind, dass Live-Musik zu "aufwendig" ist oder gar zu "störungsanfällig" (?) kann man sich eh schenken. Die "Störung" ist das Wesentliche eines Live-Auftritts, für alles andere gibt's Tonträger.
Madagon 31.12.2015
3.
Wieso sollte man sich darüber aufregen? Es geht ja nicht um Musiksendungen sondern um Shows bei denen ein Musiker drei Minuten auftritt. Viele internationale Stars sind ohne ihre eigene Band da und die Produktion hat logischerweise keine Lust Sound für eine ganze Truppe zu managen. Sänger live der Rest aus der Konserve. Klar ist live authentischer, aber wenn es den Konsumenten nicht stört?! Es gibt ja schließlich auch kaum noch ein Konzert wo Autotune nicht alles einregelt. Muss sich halt beim Konzert genauso anhören wie auf der CD!
sucramotto 31.12.2015
4. @Madagon
Ich weiß ja nicht, auf was für Konzerte Sie gehen. Aber die Konzerte, die ich besuche kommen komplett ohne Autotuning aus. Gute Live-Musik zeichnet sich gerade dadurch aus, dass sie nicht wie auf CD klingt. Sonst könnte man sich den Konzertbesuch ja gleich ganz sparen und zu Hause die CD einlegen.
frenchie3 01.01.2016
5. Die Weiterentwicklung
der Luftgitarre. Noch verständlich wenn man einen Sänger einlädt und nicht den ganzen Tross bezahlen will. Aber wie oft hampelt selbst der Sänger nur mit offenem Mund rum. Ein Arbeitskollege hatte mal Irene Sheer (also schon ewig her) für eine Party engagieren wollen. Mit echtem GESANG sollte es das Doppelte kosten. Da zog er dann doch die Schallplatte vor
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