Diskriminierung im Job "Alles ist besser, als 'Zigeuner' zu sein"

Sie tragen deutsche Namen und sind bestens integriert. Trotzdem verleugnen viele Sinti gegenüber Kollegen, dass sie der Minderheit angehören. Denn ihr Ruf ist extrem schlecht. Wie lebt es sich damit?

Marcel Klovert

Von


Thomas Wagner, 35, arbeitet seit fünf Jahren für eine mittelgroße schwäbische Firma. Branche: Maschinen- und Anlagenbau. Wagner ist stellvertretender Chef, verantwortlich für die Finanzen. Sein Alltag: oft stressig. Sein Berufsweg: erfolgreich. Und weitgehend unauffällig.

Doch es gibt etwas, das Wagner im Betrieb verschweigt. Deswegen will er auch seinen richtigen Namen in diesem Artikel nicht lesen. "Wenn meine Mitarbeiter das wüssten...", sagt er übers Telefon, mit schwäbischem Einschlag. "Ich will mir gar nicht vorstellen, welche Kommentare dann fallen."

Fotostrecke

13  Bilder
Sido, Marianne Rosenberg und Charlie Chaplin: Prominente Roma und Sinti

Wagner gehört zu den

deutschen Sinti. Sie kamen vor rund 600 Jahren nach Westeuropa, ursprünglich aus Indien. Gemeinsam mit den deutschen Roma, die vor rund 150 Jahren aus Osteuropa einwanderten, leben hierzulande schätzungsweise 120.000 Angehörige der nationalen Minderheit.

Sinti und Roma
Definition
In Europa leben geschätzt bis zu zwölf Millionen Roma. In Frankreich tragen sie die Bezeichnung "Manouches", in Spanien heißen sie "Kalé". Die Untergruppe der deutschen Sinti und Roma ist in Deutschland eine von vier anerkannten Minderheiten.

In der öffentlichen Wahrnehmung werden sie jedoch oft mit Roma oder anderen Zuwanderern gleichgesetzt, die seit den Neunzigerjahren aus Osteuropa herkamen und häufig von Armut und Abschiebung bedroht sind.
Sprache
Die Roma haben sich eine gemeinsame Sprache bewahrt: Romanes stammt vom altindischen Sanskrit ab. Allerdings unterscheidet sich das von den Sinti gesprochene Romanes deutlich von dem, welches Roma zum Beispiel in Osteuropa sprechen. Viele Wörter sind auch aus den Sprachen der Heimatländer übernommen.

Romanes hat keine standardisierte Schreibweise oder Grammatik und wird bis heute meist mündlich in den Familien überliefert. Schriftliche Quellen gibt es kaum. Schätzungsweise sprechen noch etwa drei Viertel der Sinti Romanes als Muttersprache.
Lebensstil
Die jahrhundertelange Verfolgung hat die Kultur der Sinti geprägt. Weil ihnen andere Berufe verwehrt blieben, zogen sie früher häufig als Metall- oder Pferdehändler, Scherenschleifer oder Schausteller durchs Land. Auch als Musiker waren sie teils sehr erfolgreich.

Zwischen 1498 und 1774 wurden im Deutschen Reich rund 150 Edikte erlassen, die Sinti zum Beispiel untersagten, innerhalb der Stadtmauern zu siedeln oder einer Zunft beizutreten - oder die sie als vogelfrei erklärten. Beruflich sind heute nur noch wenige Sinti dauerhaft unterwegs.
NS-Verfolgung
Die Nazis verfolgten Roma und Sinti systematisch, betrieben Rassenforschung und Zwangssterilisationen an ihnen und zerstörten viel von ihrem kulturellen Erbe. Von damals amtlich erfassten 40.000 deutschen und österreichischen Sinti und Roma ermordeten sie weit mehr als die Hälfte.
Förderung
Inzwischen gibt es zahlreiche Verbände und Programme, die Sinti und Roma unterstützen. So fördert die Bundesregierung unter anderem die Arbeit des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma und das Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg.

Die Hildegard-Lagrenne-Stiftung bietet Beratung und Stipendien für Roma und Sinti an und betreibt bundesweit Aufklärungsarbeit, ebenso wie der Landesverband Deutscher Sinti und Roma Baden-Württemberg.

Dass 2012 - nach jahrzehntelangem Konflikt – in Berlin ein Denkmal für die im Dritten Reich ermordeten Sinti und Roma eingeweiht wurde, verlieh der Bürgerrechtsbewegung neuen Auftrieb.

Die meisten Sinti haben längst deutsche Pässe und Nachnamen wie Weiß, Reinhardt oder Franz. Oft fallen sie mit ihrem Aussehen nicht auf, mit Sprachproblemen sowieso nicht. Deshalb können sie selbst wählen, ob sie sich als Sinti outen.

"Es wäre schön, wenn die anderen sehen würden, dass an dem Klischee des 'Zigeuners', der klaut und Teppiche vertickt, nichts dran ist", sagt Wagner. "Aber ich wüsste genau, dass ich mit manchen Kollegen nicht mehr professionell zusammenarbeiten könnte, wenn sie einen Spruch loslassen."

Deshalb redet Wagner am Telefon Deutsch, wenn seine Frau in der Firma anruft - und nicht Romanes, die Sprache der Sinti und Roma. Und als ihn ein jüngerer Kollege auf der Weihnachtsfeier nach ein paar Bier auf seine Herkunft ansprach, bat er ihn, das Thema nicht an die große Glocke zu hängen.

"Ich bin ein lockerer, selbstbewusster Typ", sagt Wagner, "und ich bin eigentlich stolz darauf, ein Sinto zu sein. Doch im Beruf ist es ein Nachteil, weil so viele Menschen unbegründete Vorbehalte haben. Und ich habe auch so schon genug Stress."

Fotostrecke

15  Bilder
Kindheit einer Sinteza: "Mir kann keiner etwas sagen"

Probleme bei der Wohnungssuche, unfreundliche Kellner im Restaurant, Schulhofsprüche wie "zick, zack, Zigeunerpack" - Wagner kennt all das aus seiner Familie. "Nur weil ich hellere Haut und Haare habe, ist mir das nicht selbst passiert", sagt er.

2014 zeigte eine Umfrage im Auftrag der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, dass Sinti und Roma einen extrem schlechten Ruf haben. "Sie sind am wenigsten als Nachbarn erwünscht und ihr Lebensstil wird besonders häufig als abweichend eingeschätzt", heißt es darin. Osteuropäer, Muslime, Schwarze, Italiener, Juden und Asylbewerber schnitten besser ab.

Zwei Jahre später ergab eine andere Studie: Fast sechs von zehn Bürgern hätten ein Problem damit, wenn Sinti und Roma in ihrer Nähe wohnen würden. Rund die Hälfte fand, Sinti und Roma sollten aus den Innenstädten verbannt werden.

Lieber türkische oder italienische Wurzeln

Es gibt keine Zahlen darüber, wie viele Sinti beruflich erfolgreich sind. Das liegt auch daran, dass die meisten diesen Teil ihrer Identität in der Öffentlichkeit verleugnen.

Es hat einige Wochen gedauert, anonyme Gesprächspartner für diese Recherche zu gewinnen. Der SPIEGEL hat bei mehreren Verbänden und Netzwerken angefragt. Einige vermittelten zunächst Kontakte, die sich dann doch gegen ein Interview entschieden. Zu groß war die Angst, am Arbeitsplatz Probleme zu bekommen.

"Im Jahr kommen etwa 500 Menschen zu uns", sagt Rainer Burger, der für die Diakonie Hasenbergl in München Sinti und Roma bei der Jobsuche berät. Er erinnert sich an nur eine junge Frau, die sich in den vergangenen fünf Jahren vor ihrem Chef geoutet hat. "Alle anderen sagen, dass sie türkische, kroatische oder italienische Wurzeln haben." Das sei alles besser, als ein "Zigeuner" zu sein.

Rainer Burger
Diakonie Hasenbergl

Rainer Burger

Jùlie Georg ist eine Ausnahme. Die 29-Jährige aus Darmstadt arbeitet in einer Modeagentur und ist auch öffentlich stolz darauf, eine Sinteza zu sein.

Als sie ein Junge in der fünften Klasse eine "Zigeunerin" nannte, beschwerte sie sich beim Schulleiter. In der Oberstufe hielt sie Referate über die Verfolgung der Sinti im "Dritten Reich". Auf Facebook hat sie die Gruppe Sinti-Roma-Pride mitgegründet, die sich für ein positiveres Bild der Minderheit einsetzt.

"Ich weiß nicht, woher sie das Selbstbewusstsein hat", sagt ihre Mutter Mélanie Georg. Die beiden Frauen sitzen in Darmstadt an einem Küchentisch vor Kaffeetassen und Kuchen. "Warum wolltest du nicht, dass ich in der Schule sage, dass ich Sinteza bin?", fragt Jùlie Georg. "Vielleicht weil ich dich schützen wollte", antwortet die Mutter.

Die Grundschullehrerin habe ihr geraten, Jùlies langes, braunes Haar abzuschneiden. "An meine Haare durfte niemand ran!", sagt Jùlie entrüstet. Mélanie Georg sagt, sie sei vorsichtig gewesen, weil sie selbst früher auf dem Pausenhof oft gehänselt worden sei, trotz dunkelblonder Haare und blauer Augen.

Später, als Empfangsdame bei einer Chemiefirma, fühlte sich Mélanie Georg gemobbt. Vielleicht wollten Kolleginnen sie rausekeln, sie weiß es nicht genau. Sie bekam anonyme Mails. "Du Zigeunerin, pass' auf, wo du hingehst", habe dringestanden. "Eine Kollegin wusste von früher, dass ich Sinteza bin", sagt Georg.

Inzwischen arbeitet sie als Waldorfpädagogin und geht offener mit ihrer Identität um. In der Familie ecken Mutter und Tochter damit jedoch an. "Eine meiner Schwestern wollte nicht, dass ich in ihren Ort ziehe", erinnert sich Mélanie Georg. "Eine Tante ist ausgerastet, weil ich sie bei Facebook markiert habe", sagt Jùlie.

Jùlie und Mélanie Georg
Marcel Klovert

Jùlie und Mélanie Georg

Dahinter steht mehr als die Sorge, einen flapsigen Zigeunerspruch zu kassieren. "Die Angst vor Verfolgung ist auch bei jungen Sinti noch voll da", sagt Jobberater Rainer Burger. Im "Dritten Reich" starben europaweit eine halbe Million Sinti und Roma. Als NS-Opfer, die Entschädigung verdienen, sind sie allerdings erst seit den Achtzigerjahren anerkannt.

Noch 1956 schrieb der Bundesgerichtshof in einem Grundsatzurteil über "Zigeuner": "Sie neigen, wie die Erfahrung zeigt, zur Kriminalität, besonders zu Diebstählen und Betrügereien, es fehlen ihnen vielfach die sittlichen Antriebe der Achtung vor fremdem Eigentum, weil ihnen wie primitiven Urmenschen ein ungehemmter Okkupationstrieb eigen ist."

Karteien, in denen Sinti und Roma zur "Kriminalitätsbekämpfung" erfasst wurden, waren bis in die Nachkriegszeit üblich. Bis heute ist das Misstrauen in der Minderheit gegenüber staatlichen - und wissenschaftlichen - Datenerhebungen groß.

Das erlebte auch Antiziganismusforscher Daniel Strauß, als er 2011 eine Studie über die Bildungssituation deutscher Sinti leitete. Sein Team schulte Sinti, um andere Sinti zu befragen. Anders sei die "notwendige Vertrauensbasis" nicht herzustellen gewesen. Und selbst dann wollten die meisten Teilnehmer anonym bleiben.

Eine Generation von Analphabeten

Die Studie, die allerdings nicht repräsentativ ist, kam zu folgender Einschätzung: "Während in der deutschen Gesamtbevölkerung im Durchschnitt circa 85 Prozent eine Berufsausbildung irgendeiner Art machen und lediglich circa 15 Prozent nicht, ist es bei den Sinti und Roma nahezu umgekehrt."

Das sei auch eine Nachwirkung der NS-Zeit, sagt Strauß, weil fast nur junge Sinti überlebten. Die durften im "Dritten Reich" aber nicht zur Schule gehen. "Die Nazis haben eine Generation von Analphabeten produziert", sagt Strauß. Die Minderheit habe das Bildungsdefizit bis heute nicht wieder ausgleichen können.

Die jahrhundertelange Verfolgung hat auch die Kultur der Sinti stark geprägt. So zogen sie früher häufig als Metall- oder Pferdehändler, Scherenschleifer oder Korbflechter durchs Land, weil ihnen andere Berufe verwehrt waren.

Heutzutage haben nur noch wenige Sinti einen Job, für den sie ständig auf Reisen sind. Doch das Image lebt fort. In der jüngsten Umfrage für die Antidiskriminierungsstelle des Bundes sagte jeder Dritte, die "Zigeuner" seien ein "fahrendes Volk". Nicht einmal jeder Zehnte machte dabei einen Unterschied zwischen Sinti und Roma.

"Wir müssen Gesicht zeigen"

Verarmte Roma, die in den vergangenen Jahrzehnten aus Osteuropa hergekommen und oft von Abschiebung bedroht und rassistischen Angriffen ausgesetzt sind, prägen dabei das Image derer, die seit Jahrhunderten zur deutschen Gesellschaft gehören.

Jùlie Georg kennt viele Sinti, die mit sozial schwachen Zuwanderern aus dem ehemaligen Jugoslawien nicht in Verbindung gebracht werden möchten - und sich auch deshalb nicht zur Minderheit bekennen. "Aber so wird sich an unserem Ruf nichts ändern", sagt sie. "Wir müssen Gesicht zeigen."

Thomas Wagner hat vor einigen Wochen immerhin seine Chefin eingeweiht, mit der er sich sehr gut versteht. "Ich habe mir vorgestellt, was passiert, wenn ich morgen sterbe", sagt der schwäbische Prokurist. "Dann kommt sie zu meiner Beerdigung und trifft plötzlich ganz viele Menschen, die Romanes sprechen."

Also beichtete er ihr auf einer Geschäftsreise, dass er "kein reindeutscher Junge" sei. Es stellte sich heraus: Auch seine Chefin hat eine Zuwanderungsgeschichte. Hatte man ihr gar nicht angesehen.

TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.