Die Inspizientin Taktgeberin im Irgendwo

Die im Dunkeln sieht man nicht. Aber man hört sie: Inspizientin Ulrike Schaper ruft vor und bei der Vorstellung die Schauspieler aus der Kantine, gibt Einsätze für Lichtwechsel, hält mit ihren Durchsagen das Haus auf Trab. Gerät sie aus dem Takt, droht das Chaos.

Von

Fritz Habekuß

Ulrike Schaper hat einen undankbaren Arbeitsplatz: direkt an der Bühne, aber immer mit dem Rücken zu den Schauspielern. Das Geschehen vor Augen, aber nur über zwei Bildschirme. Das ist das Los einer Inspizientin. Ulrike Schaper, die alle nur Ulli nennen, trägt es mit Stolz.

An ihrem großen schwarzen Inspizienten-Pult ist sie die Taktgeberin der Vorstellung: Ihre Durchrufe sorgen dafür, dass jeder zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist. In fast jedem Raum im Schauspielhaus ist ein kleiner Lautsprecher installiert, abschalten lässt er sich nicht.

Bei Shakespeares "König Richard der Dritte", mit dem das Schauspielhaus seine Spielzeit eröffnet hat, meldet sich Ulli Schaper, 40, eine gute halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn zum ersten Mal: "Erstes Zeitzeichen für das Große Haus. Es ist 18.30 Uhr. In einer halben Stunde beginnt Richard III.". Nach zwei weiteren Zeitzeichen, wenn sich Schaper davon überzeugt hat, dass alle an ihren Plätzen sind, gibt sie das Zeichen zum Anfangen.

Das Heiligtum der Inspizientin ist ihr Buch. Hier notiert sich Ulli Schaper alle Änderungen, Auftritte, Maskenzeiten, Umzüge, Lichtwechsel - was auch immer hinter der Kulissen glatt laufen muss, damit am Ende alles den Ideen des Regisseurs entspricht. Kleine Symbole und kurze Stichpunkte erinnern sie daran, wann sie die Schauspieler aus ihren Garderoben holen muss: "Das klappt fast immer. Nur dann nicht, wenn gerade Fußballweltmeisterschaft ist und vorn beim Pförtner ein Spiel übertragen wird", erzählt sie.

Viel Stress während der Hauptproben

Bei ihrer Arbeit hat Schaper mit den Abteilungen zu tun, die an einer Vorstellung mitarbeiten, vom Regisseur bis zum Bühnenhandwerker. Immer den richtigen Ton zu treffen, ist da enorm wichtig: "Es gibt eine künstlerische Sprache, die ich beherrschen muss, genauso wie ich mit Technikern zu tun habe, die eine klare Ansage brauchen, was sie zu tun haben."

Die Arbeit für die Inspizientin beginnt mit der ersten Bühnenprobe. So findet sich Ulli Schaper langsam in das Stück ein und kann eigene Ideen einbringen; schließlich hat sie den Überblick über alle Abläufe und weiß, was funktioniert und was nicht.

Wie anstrengend und stressreich ihr Beruf ist, sieht man Schaper an, wenn man sie während der Hauptproben hinter der Bühne beobachtet. Mit Headset steht sie vor dem riesigen Pult mit Bildschirmen, leuchtenden Tasten und Mikrofonen. Um sie herum Maskenbildner, die wissen müssen, wo der nächste Umzug stattfindet, auf Infos wartende sowie Schauspieler, die ihren nächsten Auftritt nicht verpassen dürfen.

In dieses Durcheinander muss die Inspizientin eine Struktur bringen, damit jeder rechtzeitig Bescheid weiß. So stressig die großen Proben vor der Premiere sind, so entspannt wird die Arbeit, sobald das Team richtig eingespielt ist.

Direkt nach der Vorstellung schlafen würde nicht funktionieren, Ulli Schaper muss erst mal runterkommen. Da trifft es sich gut, dass sie sich oft nach der Vorstellung noch mit Freunden auf einen Drink verabredet. Vorher beendet sie den Abend mit einem letzten Durchruf: "Die Vorstellung im Großen Haus ist hiermit beendet. Danke den Abteilungen. Schönen Abend noch. Die Bühne ist freigegeben, der Reinigungsdienst bitte zur Bühne."

  • KarriereSPIEGEL-Autor Fritz Habekuß (Jahrgang 1990) studiert Wissenschaftsjournalismus, Biowissenschaften und Medizin in Dortmund und arbeitet als freier Journalist.



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scarlotta 30.10.2012
1. Schöner Beruf, miserables Gehalt....
Das Traurige ist aber, dass dieser wunderbare Beruf miserabel bezahlt wird (wie nahezu alle Bühnen-Berufe - vom Intendanten mal abgesehen ;-) Man hat viel Freude an dem Job - aber nicht wirklich familien-kompatible Arbeitszeiten, viel Stress und Verantwortung....für sehr, sehr wenig Geld. Das kann es einem machmal fast verderben.
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