Die Kostümbildnerin Ganz nah dran an den Charakteren

Prächtiger Mantel um die Schultern, prunkvolle Krone auf dem Haupt - und ein schmal geschnittener schwarzer Anzug am Körper. Solche Brüche gehen auf das Konto von Kostümbildnerin Tina Kloempken. Ihre Ideen entstehen auf der Probe, nicht am Schreibtisch. Andersherum wäre es ihr lieber.

Fritz Habekuß


Diese Farbe! "Écruefarben", ruft Schauspieler Michael Schütz und lässt jede Silbe auf der Zunge zergehen. "Écruefarben", er schüttelt den Kopf. "Wusstest Du, dass unsere Krawatten écruefarben sind?", fragt er seinen Kollegen. Es dauert noch eine Weile, bis die Probe von Shakespeares "König Richard der Dritte" beginnt. So lange verharrt Michael Schütz noch ein bisschen in seinen Betrachtungen über die feinen Farbnuancen seiner Krawatte.

Dafür verantwortlich ist Tina Kloempken. Die Kostümbildnerin gestaltet das Äußere der Schauspieler, buchstäblich von Kopf bis Fuß, mit Kleidung, Make-Up, Schmuck, Schuhen. Bei einem großen Ensemble von 15 Rollen wie bei Richard III. ist das eine ziemlich große Aufgabe. Schließlich muss jedes Detail bedacht sein - auf der Bühne wird jede Kleinigkeit zum Symbol und ist dem kritischen Blick Hunderter von Augenpaaren ausgesetzt.

Das Konzept für eine Inszenierung erarbeitet die Kostümbildnerin in enger Abstimmung mit dem Regisseur - auch wenn es erst im Laufe der Proben entsteht. "Das ist ein Prozess der Annährung, ein Kennenlernen", sagt Tina Kloempken, "in erster Linie müssen sich die Schauspieler wohl fühlen." Bei Hauptdarsteller Paul Herwig, der den skrupellosen und mordlustigen König Richard spielt, hat sich die Kostümbildnerin für einen schmalen schwarzen Anzug entschieden. "Das Kostüm darf nicht stärker als der Schauspieler sein und sich nicht in den Vordergrund drängen", sagt sie.

So entsteht nach und nach das Konzept: Die Herren tragen dezente und konservative Anzüge, die Damen schicke Kleider im Stile der sechziger und siebziger Jahre. "Das ist ein try and error", so Kloempken. "Ich bin eher ein Bauchmensch und fummele mich so durch. Ich kann nur mit jemandem zusammenarbeiten, der mir das Feld überlässt."

Katalogausrisse für die Schneiderei

Sie gibt Perücken bei den Maskenbildnern in Auftrag, prüft, ob sie zu viele graue Haare haben oder ob genügend Gel für eine strähnige Frisur sorgt. Sie wirft einen Blick auf Schuhe, Hüte oder Ringe. Der Großteil der Kleidung, die die Schauspieler auf der Bühne tragen, wird eigens für die Inszenierung angefertigt.

Dazu entwirft Kloempken für jede Figur ein Konzept: So kommt die wilde und rachsüchtige Magaret mit blauer Uniformjacke zurück ins Stück, Richards adlige Schläger tragen eine schwarze Bomberjacke und Lederhandschuhe im Stil von Auftragsmördern.

Diese Konzepte gelangen als Figurinen in die Theaterschneiderei, entweder in Form von Zeichnungen, Ausdrucken aus dem Internet oder Ausrissen aus einem Katalog. Auf dieser Grundlage machen sich die Damen- oder Herrenschneider daran, den Schauspielern ihr Kostüm auf den Leib zu schneidern. "Ich versuche immer nah an den Charakteren zu bleiben, anstatt mit meinen Kostümen den großen Wurf zu landen", sagt Tina Kloempken.

"Realkostüme" inspirieren nicht

Als freie Kostümbildnerin ist Kloempken, die in ihrer Anfangszeit mit Christoph Schlingensief zusammengearbeitet hat, viel unterwegs. Sie reist von Produktion zu Produktion, von Berlin nach Wien, von Basel nach Bochum. Dort hat sie während der Vorbereitungen zu Richard III. ständig ein Auge auf das Display ihres Handys, parallel betreut sie eine Inszenierung am Wiener Burgtheater. Ist das nicht zu viel Stress? "Ich kann nicht wirklich irgendeine Produktion absagen. Das hätte Konsequenzen", sagt sie.

Für das große Richard-Ensemble hat sie deshalb versucht, möglichst weit vorzuarbeiten: "Aber Bilder entstehen erst, wenn ich die Schauspieler sehe. Leider"

Nein, als Kostümbildnerin laufe man nicht ständig mit Schablonen im Kopf herum und mustere Passanten, sagt Tina Kloempken. Das berufsbedingte Radar funktioniere ein weniger spezifischer: "Sobald ein bestimmtes Stück dran ist, ist man immer auf der Suche nach Inspiration", erzählt die gebürtige Mülheimerin. Da könne dann unter Umständen auch schon mal eine "blöde Anzeige" einer Klamottenmarke sein, das sei aber eher die Ausnahme.

Wenn Kloempken in Berlin unterwegs ist und sie in Szenevierteln auf Hipster treffe, inspiriere sie das allerdings eher wenig. "Realkostüm", sagt sie dazu und lacht.

  • KarriereSPIEGEL-Autor Fritz Habekuß (Jahrgang 1990) studiert Wissenschaftsjournalismus, Biowissenschaften und Medizin in Dortmund und arbeitet als freier Journalist.



© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.