CEO of the Future So bauen wir ein deutsches Silicon Valley

Digitale Innovation, made in Germany? Doch, das geht, sagen viele Teilnehmer des Managerwettbewerbs "CEO of the Future". Hier verraten sie, wie sie das anstellen wollen.

Draufsicht: Das Silicon Valley in Kalifornien, Heimat von Apple, Facebook und Co.
Getty Images

Draufsicht: Das Silicon Valley in Kalifornien, Heimat von Apple, Facebook und Co.


Ein deutsches Silicon Valley - geht das? Mit dieser Frage mussten sich junge Management-Talente im Wettbewerb "CEO of the Future" unter anderem befassen. Am kommenden Wochenende finden das Finale und die Ehrung der besten Teilnehmer in Kitzbühel statt - als Medienpartner des Wettbewerbs wird SPIEGEL ONLINE berichten.

Hier dokumentieren wir Auszüge aus den Essays, die die Teilnehmer über ein wichtiges Wirtschaftsthema der Zukunft geschrieben haben. Das Thema: "Ist ein Innovationspool nach Vorbild des Silicon Valley in Deutschland möglich? Was müsste dafür geschehen?"

  • "Deutsche Gründer sind zu bodenständig"

"Ein Silicon Valley in Berlin? Nicht notwendig, denn nicht alles muss kopiert werden. Jedoch glaube ich daran, dass Deutschland 'Innovationszentrum' Europas werden kann. Warum ist es noch nicht geschehen? Vermutlich ist es eine Kombination zwischen psychologischen Faktoren und staatlicher Regelung. Risikokapital ist immer noch ein Fremdbegriff, die Kultur von 'Business Angels' existiert nicht. Für Arbeitskräfte ist Gründung - oder gar Mitarbeit bei einem Start-up - wenig attraktiv und unsicher.

Die meisten Neugründungen sind eher 'bodenständig' als 'digital-innovativ'. Wie könnten wir das ändern? Wir sollten die bekannten Stärken der deutschen Wirtschaft nutzen. Risikokapital sollte von Deutschlands starker Wirtschaft kommen - gleich, ob von börsennotierten Konzernen oder aus dem Mittelstand.

Auch die Innovationsthemen sollten von ihnen mitgetrieben werden: So haben Produktionsunternehmen Bedarf an frischen Ideen, die in Innovationshubs entwickelt werden können. Diese enge Zusammenarbeit zwischen deutscher Wirtschaft und Gründerszene ist nur mit staatlicher Förderung und Incentivierung möglich.

Was wird dieses Wachstum antreiben? Ein großer Hebel, der diese Entwicklung ermöglichen kann, wird oft übersehen. Deutschland ist ein extrem attraktiver Wohnort für höchst qualifizierte Arbeitskräfte auf der Suche nach gesellschaftlicher Stabilität. Die aktuelle strenge Einwanderungspolitik sollte daher selektiv gelockert werden, um dieses Innovationspotenzial zu nutzen. Die Voraussetzungen für Innnovationsführung in Europa liegen in starker Wirtschaft und ideenreichen Arbeitskräften - der erste Impuls sollte aber vom Staat kommen."

  • Englisch muss Amtssprache werden

"Dass Start-ups an ausschließlich Deutsch sprechenden Ausländerbehörden verzweifeln, erlebe ich, wenn ich hochqualifizierte ausländische Freunde zum Ausländeramt begleite. Da ist es nicht verwunderlich, dass Holland und Schweden, in denen nicht nur Mitarbeiter der Ämter fließend Englisch sprechen, fünf- bis zehnmal so viele Zuwanderer wie Deutschland verzeichnen.

Englischsprachige Länder wie Israel, die USA, die Niederlande oder Singapur sind unter innovationsgetriebenen Ländern führend, was frühe Gründertum-Aktivitäten betrifft. Länder wie Deutschland, Italien oder Frankreich, die schlechte bis mittelmäßige Englischkenntnisse aufweisen, weisen die geringsten frühen Gründeraktivitäten auf.

59 Prozent der Deutschen würden die Einführung von Englisch als zweiter Amtssprache in allen EU-Ländern begrüßen. Englisch muss zweite Amtssprache werden, damit Deutschland weltoffen, attraktiv und wettbewerbsfähig bleibt."

  • Aldi und Lidl sind keine Vorbilder

"Die Kernherausforderung ist, dass den meisten Innovationen und Unternehmensgründungen in Deutschland der Zugang zu Kapital in Form von Finanzmitteln, aber insbesondere auch in Form von Know-how bereits erfolgreicher Innovatoren und Gründer fehlt. Wurden 2012 in den USA 19,5 Milliarden Euro Risikokapital investiert, waren es in Deutschland mickrige 360 Millionen Euro - eine erschreckende Bilanz.

In den USA ist es üblich, dass bereits erfolgreiche Innovatoren Kapital an junge Innovatoren weitergeben. Zum Beispiel wird der bekannteste und erfolgreichste Risikokapitalinvestor Andreessen Horowitz durch zwei erfolgreiche ehemalige Unternehmer geleitet. Der LinkedIn-Gründer arbeitet nun als Partner beim Fonds Greylock Partners. Greylock ist bekannt dafür, nicht nur Geld zu geben, sondern auch erfahrene Manager in die Gremien der geförderten Unternehmen zu entsenden.

In Deutschland dagegen gibt es von den erfolgreichsten Innovatoren und Gründern, nämlich denen von Aldi und Lidl, noch nicht einmal Fotos. Wie sollen die dann gesellschaftliche Verantwortung übernehmen und junge Innovatoren unterstützen?"



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insgesamt 60 Beiträge
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Sixpack, Joe 21.06.2015
1. English als Amtssprache?
Fangen Sie bitte an bei den Dinosauriern in den Kultusministerien. Die jungen Leute die in Deutschland auf der Uni kommen sprechen noch nicht mal English.
Markus Landgraf 21.06.2015
2. Das echte Valley
Das echte Valley wurde durch den Enthusiasmus einer Ingenieurgeneration geschaffen, die von den Mondlandungen inspiriert wurden. Ein Silicon Valley in Deutschland ist also ganz einfach zu schaffen: Setzen wir endlich ein substantielles Raumfahrtprogramm auf die Schiene und inspirieren damit die nächste Generation von Ingenieuren! Ihr werdet überrascht sein, was die alles erreichen.
LJA 21.06.2015
3. Vieles richtig
in diesem Beitrag. Wobei ich ein deutsches S.V. eher im Südwesten des Landes verorten würde und nicht unbedingt in Berlin. Ob die Zukunft unserer Volkswirtschaft in immer neuen Web-Shops liegt, wage ich zu bezweifeln. Was die Firmengründer/-inhaber betrifft, so muß man natürlich sagen, dass diese in den USA auch in einer ganz eigenen abgeschotteten Welt leben. Mit Personenschutz rund um die Uhr und abgeriegelten Wohngebieten, Restaurants und Clubs zu denen die Habenichtse grundsätzlich keinen Zugang haben. Wollen wir das ? Und Englisch als zweite Amtssprache, seriously ? Für mich wär das ja O.K., aber hui... Fenster zu, der Shitstorm zieht auf.
americanangel 21.06.2015
4. Wo lassen sich denn in
Deutschland effektiv Risikokapitalgeber finden außer durch Crowdfunding oder persönliche Kontakte?
Newspeak 21.06.2015
5. ...
Das ist wie in der DDR. "Lasst uns den größten Mikrochip der Welt bauen". Man kann ein Silicon Valley nicht planen. Man kann Exzellenz nicht kaufen. Man kann allenfalls die Rahmenbedingungen schaffen, aber selbst da ist ungewiß, ob sich Erfolge wiederholen lassen. Vielleicht kennt man ja gar nicht alle Voraussetzungen. Die Geburt des Silicon Valley hat jahrzehntelange Vorläufer, in der Art, wie die Amerikaner wirtschaften, was sie von Bildung, speziell naturwissenschaftlicher Bildung hielten, was sie für Ziele als Nation hatten, die Mentalität der Gründer, die Gesetzgebung, die weniger stark reguliert, wer wann was machen darf. Das Spontane, Zufällige, das nicht gleich wieder runtergedrückt wird. Das alles (und noch viel mehr) hat zu diesem Erfolg beigetragen. Wer als Jung-Manager glaubt, er können sowas planen, zeigt vor allem seine Ignoranz und Dummheit. Zugegeben, damit ist nichts darüber gesagt, ob er nicht als Manager "Erfolg" haben kann, leider.
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