Gerichtsurteil Soldaten dürfen vorerst keine langen Haare tragen

Die Bundeswehr verpflichtet Männer zum Kurzhaarschnitt - Frauen nicht. Dagegen zog ein Soldat vor Gericht. Das erteilte seinem Wunsch, langhaarig zu dienen, zwar eine Abfuhr - drängte jedoch auf eine Neuregelung.

Bundeswehr-Soldaten
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Bundeswehr-Soldaten


Weil er als Soldat keine langen Haare tragen darf, hat sich ein Stabsfeldwebel mit der Bundeswehr vor Gericht auseinandergesetzt. Seine Beschwerde gegen den sogenannten Haar- und Barterlass der Truppe wurde am Donnerstag vor dem 1. Wehrdienstsenat des Bundesverwaltungsgerichts in Leipzig zwar zurückgewiesen.

Doch die Richter stellten fest: Der entsprechenden Dienstvorschrift mit dem Titel "Das äußere Erscheinungsbild der Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr" fehle eine ausreichende gesetzliche Grundlage.

Bis zu einer entsprechenden Neuregelung sei sie dennoch weiter anzuwenden. Der Soldat, nach eigenen Angaben Anhänger der Gothic-Szene, hielt die Dienstvorschrift des Verteidigungsministeriums für diskriminierend, weil sie Frauen das Tragen langer Haare erlaube, Männern aber nicht.

Dem Erlass der Bundeswehr zufolge dürfen die Haare von Soldaten Ohren und Augen nicht bedecken. Bei aufrechter Kopfhaltung dürfe die Frisur Uniform- und Hemdkragen nicht berühren. Soldatinnen hingegen dürfen ihre Haare im gleichen Fall zum Zopf binden.

Zeichen besonderer Männlichkeit

Der Stabsfeldwebel, der nun vor Gericht zog, will ebenfalls lange Haare tragen dürfen. Früher sei Männern mit langen Haaren eine besondere Männlichkeit nachgesagt worden, argumentierte er. Er verstehe darum nicht, warum die Dienstvorschrift sie nur bei Frauen zulasse.

Das Gleichberechtigungsgebot schließe nicht aus, für Soldatinnen und Soldaten unterschiedliche Regelungen in Bezug auf die Dienstkleidung und Haartracht vorzusehen, stellte das Bundesverwaltungsgericht nun fest. Allerdings bedürften solche Regelungen einer hinreichend bestimmten gesetzlichen Grundlage.

Das Grundgesetz schütze einen Soldaten nämlich davor, "ohne gesetzliche Grundlage durch dienstliche Weisung Einschränkungen seines persönlichen Erscheinungsbildes hinnehmen zu müssen, die sich auch auf sein Aussehen außerhalb des Dienstes auswirken".

Der Gesetzgeber müsse nun eine gesetzliche Neuregelung finden - und gegebenenfalls darüber entscheiden, ob eine unterschiedliche Regelung der Haartracht von Männern und Frauen in der Bundeswehr künftig weiterhin geboten sei.

Ähnlicher Fall vor fünf Jahren

Im Dezember 2013 hatte sich das Bundesverwaltungsgericht mit einem ähnlichen Fall beschäftigt. Damals entschied der 1. Wehrdienstsenat, dass das Bundesverteidigungsministerium die Haar- und Barttracht von Soldaten regeln darf. Dass Soldatinnen längere Haare erlaubt sind, stelle "eine zulässige Maßnahme zur Förderung von Frauen in der Bundeswehr dar", lautete damals die Entscheidung.

In der Dienstvorschrift heißt es bisher, die Haartracht der Soldaten müsse sauber und gepflegt sein. "Modische Frisuren sind erlaubt, sofern sie nicht in Schnitt und Form besonders auffällig sind (z. B. Irokesenschnitte, Ornamentschnitte, Sidecuts)."

Soldaten seien Repräsentanten des Staates und bestimmten durch ihr Auftreten in Uniform und ihr korrektes Aussehen das Bild der Bundeswehr in der Öffentlichkeit und das Bild Deutschlands im Ausland. "Deshalb muss dort die Freiheit zur individuellen Gestaltung des äußeren Erscheinungsbildes gegenüber der sichtbaren Einbindung in die militärische Gemeinschaft zurücktreten."

lov/dpa



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Seite 1
shrufu 31.01.2019
1.
Ich verstehe nicht wieso nicht zumindest im Einsatz diese Regelung gelockert wird entsprechend den Gegebenheiten. Wenn der militärische Gegner oder Zivilisten Bärte und lange Haare tragen kann es durchaus minimale Vorteile bringen.. nur so ein Gedanke.
otto_lustig 31.01.2019
2. Die Bundeswehr hat ja schon einmal
740.000 Haarnetze bestellt. Heute käme man mit deutlich weniger aus. Bundeswehrsoldaten mit langen Haaren fand ich schon immer fürchterlich, aber im Rahmen der Gleichberechtigung, wird es wohl unvermeidlich sein, dass man das zulässt. Oder gilt die nicht für Männer?
vulcan 31.01.2019
3. Wenn schon, denn schon
Gleichberechtigung mal umgekehrt - da gerät aber Einiges in Aufruhr....das geht ja gar nicht! Im umgekehrten Fall wäre sofort gehandelt worden, nicht? Warum Frauen in der BW 'gefördert' werden müssen, erschließt sich mir auch nicht - sie unterliegen nicht der Wehrpflicht (die ja nur ausgesetzt ist), sie müssen im Auslandseinsatz nicht die wirklich gefährlichen Einsätze machen (daher die Verlustquote bei Frauen = 0), usw. Das sind doch wohl genug Privilegien, oder? Allerdings - im Zuge der Haar-Geschichte könnte man auch gleich die Wehrpflichtungerechtigkeit korrigieren; nur für den Fall, dass selbige mal wiederkommt. Dann hat man das gleich geregelt.
tipto 31.01.2019
4. Tja, wenn A dann B
Wenn es bei Frauen erlaubt ist, lange Haare "sicher zu verstauen" , so steht einem Mann das gleiche Recht zu. Ein frei zu haltender Hemdkragen, dürfte da schnell zum Problem werden, denn dann gibt es nur hinreichend lang zum Hochbinden oder nackenkurz. Vielleicht gibt es sogar Bereiche, wo es eine besondere Situation erfordert, auf den langen Haarschmuck zu verzichten. Da bleibt es jedem Geschlecht überlassen, sich zu fügen oder zu verzichten. Aber da wartet dann vielleicht der nächste Prozeß mit Gutachten und Gegengutachten. Schade, dass alles verkompliziert werden muss.
VormSpiegel 31.01.2019
5. Macht keinen Sinn
Die einzige sinnvolle Lösung, absolute gleiche Regelungen, egal ob Penis oder Vagina. Die Sportlichen Leistungen müssen identisch sein, die Regelungen müssen identisch sein, und dann, NUR dann, kann man über eine wirkliche FAIRE Gleichbehandlung sprechen. Alles andere ist schlichtweg Sexistisch.
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