Sollte ich... ...meine Chefin um mehr Geld bitten?

Nach fünf Jahren Arbeit in der Firma mehr Gehalt - das muss drin sein, oder? Aber wie tritt man im Personalgespräch selbstsicher auf? Ein Experte hilft.

Nach mehr Geld fragen - aber wie?
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Nach mehr Geld fragen - aber wie?

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Stress mit der Chefin, Hänseleien im Team, das anstehende Gehaltsgespräch: In jedem Arbeitsleben gibt es Situationen, die für schlaflose Nächte sorgen können. In der Serie "Sollte ich...?" erklären Experten, wie sich mit konkreten Konflikten im Beruf umgehen lässt. Die Fälle sind konstruiert; sie stehen symbolisch für Schwierigkeiten, die am Arbeitsplatz auftauchen können.

Der Fall:

Ich bin seit fünf Jahren in derselben Position und ziemlich sicher, dass ich so langsam eine Gehaltserhöhung verdient hätte. Ich bin jedoch sehr unsicher und traue mich nicht, meine Chefin darum zu bitten. Wie fragt man nach mehr Geld, ohne total nervös zu wirken?

Es antwortet Rainer Müller, Diplom-Psychologe:

Zur Person
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    Als freiberuflicher Trainer und Berater beschäftigt sich der Hamburger Diplom-Psychologe Rainer Müller vorrangig mit Konflikt- und Stressmanagement. Zudem moderiert er ein Fachforum für Psychologie und schreibt für den Blog "Psyche und Arbeit".

Was Sie unsicher macht, ist wahrscheinlich die Tatsache, dass es schwer ist, sich vorzustellen, wie Chefinnen oder Chefs in einem solchen Gespräch reagieren. Und es macht auch nicht gerade selbstbewusster, dass sich kaum einschätzen lässt, wie gut die eigenen Argumente sind.

Deswegen drei Aufgaben:

  • Fragen Sie sich, woher die Unsicherheit kommen könnte. Hatten Sie in der Vergangenheit schon öfter Schwierigkeiten mit Autoritäten? Gab es einen übermächtigen Vater, eine sehr strenge Lehrerin? Erinnern Sie sich, wie Sie in damaligen Situationen reagiert und gefühlt haben. Was würden Sie Ihrem damaligen Ich raten? In vielen Fällen gilt: Verhalten Sie sich heute so, wie Sie es damals gern getan hätten.
  • Bereiten Sie sich auf das Gespräch vor. Sammeln Sie Argumente, die eine Gehaltserhöhung rechtfertigen. Leisten Sie einen wichtigen Beitrag am Fortkommen des Unternehmens, sind Sie Teil eines unabdingbaren Projekts? Haben Sie exklusive Kontakte in der Branche, die Sie nur schwer ersetzbar machen? Listen Sie Ihre Erfolge des vergangenen Jahres auf und präsentieren Sie diese Ihrer Chefin oder Ihrem Chef. Je konkreter Sie Ihre Leistung belegen können, desto besser. Fragen Sie sich auch, ob Sie mit durchschnittlichen Lohnentwicklungen argumentieren können, im Unternehmen oder sogar bundesweit. Wenn Sie gut darüber Bescheid wissen, können Sie auch mit dem Gewinn argumentieren: Verhelfen Sie dem Unternehmen zu mehr Geld, ist die Frage berechtigt, ob Sie was davon abhaben können.
  • Spielen Sie ein Rollenspiel. Und zwar so: Auf einem gegenüberliegenden Stuhl sitzt eine Person, der Sie vertrauen. Einer von Ihnen ist die Chefin oder der Chef, einer möchte mehr Geld. Wer könnte was sagen, wer könnte wie reagieren? Üben Sie solange, bis Sie viele Möglichkeiten durchgegangen sind.

Wer von sich weiß, dass er schnell unsicher wird, dem kann es helfen, im Gespräch mit der Chefin oder dem Chef über die eigenen Gefühle zu sprechen: "Ach Mensch, ich bin gerade wirklich nervös." Das löst Anspannung, wirkt entwaffnend: Sie sind ein offener Mensch, der keinen Hehl aus kleinen Schwächen macht.

Für das Gehaltsgespräch brauchen Sie zudem etwas zu trinken. Wer zwischendurch mal einen Schluck Wasser oder Kaffee nimmt, hat eine kurze Denkpause. Wichtig: Klammern Sie sich nicht an einen Zettel mit Notizen. Das könnte Unsicherheit steigern, anstatt sie zu lösen.

Denn überlegen Sie sich einmal: Wie kommt es rüber, wenn jemand immer wieder auf ein Blatt Papier guckt? Es wirkt so, als könnten Sie Ihre Argumente nicht ohne Hilfe formulieren. Deswegen: lieber auswendig lernen und am Ende des Gesprächs noch einmal auf einen Zettel schauen, den Sie aus Ihrem Block oder der Tasche nehmen. Dazu könnten Sie sagen: "Ich prüfe mal kurz, ob ich nun auch alles gesagt habe, was ich mit Ihnen besprechen wollte." Kommentieren Sie Ihr Vorgehen ganz natürlich.

Ein No-Go: als einziges Argument anführen, dass die Kollegen in gleicher Position viel mehr verdienen als Sie. Dafür müssten Sie sich nämlich 100-prozentig sicher sein, dass diese Kollegen wirklich genau dasselbe leisten wie Sie.

Wer ganz sicher sein will, der sollte übrigens einen Notfallplan entwickeln. Was könnte passieren, wenn Sie ins Stottern geraten? Was passiert, wenn die Chefin wütend wird?

Üben Sie diese Situationen mithilfe des Rollenspiels. Und machen Sie sich bewusst: Sie haben nichts zu verlieren. Es hilft, wenn Sie an Momente in Ihrem Leben denken, in denen Sie erfolgreich waren. Die eine oder andere Herausforderung haben Sie sicher schon gemeistert, versuchen Sie es wieder.



insgesamt 32 Beiträge
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Seite 1
Hans-Dampf 12.03.2019
1.
Im Arbeitsvertrag, der von Arbeitgeber und Arbeitnehmer (jeweils w/m/d) unterzeichnet wird, steht ein Gehalt X drin bzw. bei Tarifbindung eben die jeweilige Tarifgruppe. Bei erstem Fall ist es tatsächlich schwer, mehr zu fordern bzw. zu wünschen, denn andere Vertragsbestandteile ändern sich ja auch nicht ad hoc, wie bspw. die Arbeitszeit. Und wenn man höherwertigere Tätigkeiten wahrnimmt, sollte man von vornherein vereinbaren, dass bei Erfolg eine Gehaltserhöhung drin ist. Und dabei kommt es ja noch drauf an, ob man dies aus Eigeninteresse tut oder ob es vom Arbeitgeber gewünscht ist. Wenn sich aber der Arbeitgeber nicht einmal bemüht, nach Y Jahren wenigstens eine Gehaltserhöhung in Höhe des Inflationsausgleichs zu zahlen, weiß man ja, was man von ihm zu halten hat.
f-rust 12.03.2019
2. hilfreich, klar erklärt.
gut, praktisch, danke.
Lagrange 12.03.2019
3.
Naja wenn man wirklich einen ordentlichen Gehaltssprung machen möchte, hilft es eh nur die Firma zu wechseln. Ich kann nur jedem empfehlen, der relativ leicht einen neuem Job findet, nach 2-3 Jahren und dan nach 8-10 Jahren den Arbeitgeber zu wechseln. So kann man in der Regel zwei wirklich große Gehaltssprünge erreichen und spätestens mit 40 hat man sein Ei gelegt und sitzt auf einer Stelle mit ordentichem Gehalt. Heisst aber auch, dass man bei der Wahl des 3. Arbeitgebers sehr sorgsam sein muss - wenn es geht möchte man da ja dann in Rente gehen. Bei mir hat es too geklappt :)
pizzerino 12.03.2019
4. Der Hauptquell der Unsicherheit..
..in so einer Situation ist doch eigentlich die Befürchtung zurückgewiesen zu werden und nach dem Gerspräch schwächer dazustehen als vorher. Mir war es deshalb immer wichtig meiner tatsächlichen Bereitschaft bewusst zu sein, notfalls die Stelle aufzugeben. Ohne Gegenstand keine Verhandlung.
5Minute 12.03.2019
5. in der heutigen Zeit
5 Jahre ohne Lohnerhöhung? Entweder ganz mieser Chef oder wirklich mieser Job/Arbeitsleistung. Inflationsausgleich wäre unteres Limit für „Lohnerhöhung“, ist ja nur Wahrung der Kaufkraft. Dafür also grob 10% ohne weitere Argumentation. Zusätzlich echte Erhöhung, dass muss unbesehen mindestens nochmal 10% sein, nach 5 Jahren Erfahrung. Plus x für die individuelle Produktivität. Wenn der Chef das nicht macht ist er entweder ganz schlecht oder hat verborgene Gründe, was beides dazu zwingt zu kündigen und wo anders hinzugehen.
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