Alltag eines Sonderpädagogen "Von meinen Idealen ist nichts mehr übrig"

Ins Referendariat startete er voller Tatendrang. Fünf Jahre später macht er nur noch Dienst nach Vorschrift. Ein Sonderpädagoge erzählt, warum er seinen einstigen Traumjob nicht noch einmal ergreifen würde.

Lehrer mit Schülern (Symbolbild)
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Lehrer mit Schülern (Symbolbild)

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Zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist in vielen Berufen jede Menge Platz. In der Serie "Das anonyme Job-Protokoll" erzählen Menschen ganz subjektiv, was ihren Job prägt - ob Tierärztin, Staatsanwalt oder Betreuer im Jobcenter.

"Was haben mich im Referendariat die Kollegen angeödet, die nur Dienst nach Vorschrift gemacht haben. Heute verstehe ich sie.

Nach fünf Jahren als Sonderpädagoge an einer Förderschule ist von meinen Idealen nichts mehr übrig. Ich mache Durchschnittsunterricht, mein Pflichtprogramm, das war's.

Dabei schien der Beruf doch meine Berufung. Ich habe mich nach einem Freiwilligen Sozialen Jahr bewusst dafür entschieden, Wartesemester gesammelt und mit sehr viel Eigenmotivation mein Studium und Referendariat abgeschlossen. In welcher Besoldungsgruppe ich mal sein würde und ob ich verbeamtet werden würde, war mir egal. Ich wollte nah an den Bedürfnissen der Schüler sein, sie verstehen, ihnen beim Start ins Leben helfen.

Aber schon seit der Probezeit werde ich vom Schulleiter mit allem überfrachtet, was idealerweise auf junge und unverbrauchte Kollegen abzuwälzen ist. Ständig heißt es: 'Das muss in zwei Wochen fertig sein, kannst du mal schnell?' Und dann soll ich zum Beispiel 'mal schnell' ein sonderpädagogisches Gutachten für mir völlig fremde Schüler erstellen.

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Das anonyme Job-Protokoll: So sieht der Alltag wirklich aus

Dafür muss ich dann in die jeweilige Schule, mir dort das Kind im Unterricht ansehen, mit den zuständigen Kollegen reden, mit Ärzten, dem Jugendamt und den Eltern des Schülers - die im Zweifelsfall mir die Schuld daran geben, dass ihr Kind in einer Regelschule nicht mitkommt. Und dann muss das Gutachten auch noch geschrieben werden. Rechnet man das alles zusammen, kommt man locker auf 20 Arbeitsstunden - die ich neben meiner regulären Lehrtätigkeit zu stemmen habe. Einen Ausgleich dafür bekomme ich nicht.

Als ich mit dem Referendariat angefangen habe, waren zehn, elf Schüler pro Klasse die Regel. Jetzt sitzen in meiner Klasse zwölf, und zwei Drittel davon sind massiv verhaltensauffällig. Es kommt vor, dass ich von ihnen beschimpft, getreten, bespuckt oder geschlagen werde. Wenn ein Schüler austickt, stehe ich immer vor dem gleichen Dilemma: Wenn ich ihn zur Schulleitung schleppe, verletze ich meine Aufsichtspflicht den anderen gegenüber. Denn die müsste ich in der Zeit allein lassen.

Theoretisch soll außer dem Klassen- auch noch ein Fachlehrer im Unterricht sein. Aber das ist bei mir pro Woche in etwa sechs von 27 Stunden der Fall. Der Fachlehrer ist bei uns vor allem ein Krankheitspuffer: Er springt für andere ein.

Allein auf sich gestellt eine Klasse mit verhaltensauffälligen Kindern zu unterrichten, ist psychisch extrem fordernd. Und dann kommen noch die Eltern dazu. Mit diesen haben wir sehr viel mehr Kontakt als Lehrer an Regelschulen. Aber regelmäßige Gespräche helfen auch nicht, wenn die Eltern einfach nicht bereit sind, das Kind nachmittags an die Hausaufgaben zu erinnern.

Viele haben die Einstellung: Wenn mein Kind 30 Stunden pro Woche in die Schule geht, muss es da doch was lernen. Wenn nicht, macht die Schule was falsch. Ich sei halt ein schlechter Lehrer, kriege ich dann zu hören. Eltern missbrauchen einen da gern als Fußabtreter des eigenen Frusts. Und die Kinder fallen durchs Raster. Ich habe schon mit Drittklässlern das Lesen der Uhr und das Binden von Schnürsenkeln geübt - und sie hatten keine kognitiven Einschränkungen, ihnen hatte es einfach nur niemand gezeigt.

Vor zwei Jahren musste ich auf einmal meinen persönlichen Reset-Knopf drücken: Eine Depression wurde diagnostiziert. Ich war völlig fassungslos, dass mir das passiert, mit Anfang 30. Ein halbes Jahr lang war ich krankgeschrieben, habe eine Therapie gemacht. Als ich zurückkam, wollte ich das im Kollegium ganz offen berichten, aber der Schulleiter war entsetzt: Ich solle lieber sagen, ich hätte Probleme mit dem Kreislauf gehabt.

Hilfe bekam ich von meiner Familie und meinen Freunden. Ansonsten keinerlei Fürsorge, keinerlei Komm-wir-stehen-hinter-dir-Programm vom Dienstherrn, bis auf eine zynische Vorladung zur Untersuchung beim Amtsarzt, der mal gucken wollte, wie stark meine Bezüge wegen der Depression zu kürzen seien.

Meine Arbeitsbedingungen sind dieselben wie vor der Depression, genauso schlecht. Was ich verändern konnte, ist mein Umgang damit. Von meinen Idealen habe ich mich verabschiedet.

Um nah an den Schülern sein zu können, müssten die Aufgaben auf mehr Schultern verteilt werden. Wir brauchen Gutachter, die sich nur um die Diagnostik kümmern, und Lehrer, die zu zweit unterrichten. Aber dazu müsste mehr Geld in das System gesteckt werden.

Halte ich so lange durch? Ich weiß es nicht. Auf die Frage, ob ich noch mal Lehrer werden würde, antworte ich heute mit einem klaren Nein. Und das liegt nicht an den Schülern."

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Seite 1
sloven 05.01.2018
1. Bitte keine Diskussion über das "Jammerverhalten" von Lehrkräften
Selbst als Lehrer seit 11 Jahren, kann ich die Aussage des Kollegen verstehen. Zwar in einer anderen Alterstufe aktiv bekomme, ist es spürbar, dass die Erwartungshaltung der Eltern/ des Schulamtes/ des Direktors ständig zugenommen hat, der Verwaltungsaufwand immer größer wird und der eigentliche Sinn des Lehrers, das Vermitteln von Lerninhalten, immer weiter in der Hintergrund gerät. Das Eltern die Schule als Erziehungspartner wahrnehmen, ist ein Witz: Viele Eltern kümmern sich nicht um ihre Kinder, was von der Schule übernommen werden soll. An einer Schule mit 500 Schülern, welche zu 60-80 Prozent psychische Probleme haben, haben wir erst seit ein par Jahren eine Schulsozialarbeiterin mit einer halben Stelle. Selbstverständlich gibt es Kollegen, welche weniger Dienst als Vorschrift machen und damit einen Top-Stundenlohn haben, aber für alle Kritiker aus der freien Wirtschaft: Wo ist das anders? Es gibt immer Arbeitnehmer, welche einen faulen Lenz auf Kosten anderer machen. Warum sollte es bei "uns" nicht anders sein. Was tun: Zumindest nicht das, was Helmut Kohl mit der Glasfaserverkabelung gemacht hat. Jetzt, 30 Jahre später, sitzen wir auf dem Rückschritt. Übertragung auf die Schule: Je mehr Bildung, je geringer die Chance auf Kriminalität (KOSTEN) und H4 (KOSTEN), sondern besser bezahlte Jobs (STEUERN) und bessere Forschung (langfristig mehr Steuern). Alles, was jetzt an der Schule eingespart wird, werden wir alle an unserer Rente/Pension spüren, oder indirekt durch höhere Steuern.
h3li05exe 05.01.2018
2. Ich kann ihn so gut verstehen...
... denn mir ging es ähnlich. Bin auch Sonderpädagoge. Auch Anfang 30. Meine Ideale habe ich schnell über Bord geworfen. Ich versuche immer noch, das Beste für die Kinder zu erreichen, plage mich aber nicht mehr selbst mit den Gedanken daran, wie die Beschulung von Kindern mit Behinderungen eigentlich aussehen sollte.
not_knowing 05.01.2018
3. Die Geschichten ähneln sich
Sicher werden bald die ersten Kommentare über nicht belastbare Lehrer erscheinen oder Frau Merkels Flüchtlingspolitik wird als Ursache herangezogen, so wie es bei den Kommentaren immer abläuft. Hört man aber in den Artikel richtig hinein, so wird hier aber ein brennendes Problem offenbar: unsere Gesellschaft ist trotz allen Reichtums nicht bereit für die Berufe , die unsere Welt sichern und unsere Zukunft ausbilden genügend Ressourcen bereitzustellen: Polizisten, Feuerwehrleute , Erzieher, Lehrer usw. Es wird gekürzt bis viele bewährte Mechanismen unserer Gesellschaft nicht mehr funktionieren und alle die Konsequenzen am eigenen Leib erleben. Wirklich sehr schade und auch etwas beängstigend.
Lankoron 05.01.2018
4. Das Begutachtungsproblem
ist noch viel grösser als angegeben. Lehrer ohne Forbildung im Bereich des Begutachtens sorgen für ihre eigene Schülerzahl, um die Schule am Laufen zu halten. Das wäre so, als würde VW die Abgasaffäre im eigenen Haus aufklären sollen. Einspruchsmöglichkeiten der Eltern gibt es mangels neutraler, unparteiischer Begutachter nicht wirklich. Wie mit einem solchen System die eigenliche "Förderung" mit dem Ziel der eventuellen Wiedereingliederung in den normalen Schulalltag einer Regelschule gelingen soll, erschließt sich mir nicht.
spon-1203783564503 05.01.2018
5. Verständnis habe ich ja durchaus
und kann vieles vom dem nachvollziehen. Schade ist jedoch das auch die Eltern die durchaus bereit sind mit der Schule und den Lehrern zusammen zu arbeiten keine ausreichende Unterstützung bekommen. In meinem Fall habe ich einen 13 jährigen Sohn, der schlichtweg zu Faul ist etwas für dich Schule zu tun. Immer wieder habe ich um ein Gespräch gebeten, dieses dann nach 4 Monaten bekommen. Dort wurde mir dann mitgeteilt das mein Sohn fast nie die Hausaufgaben macht. Warum mir dies nicht früher mitgeteilt wurde konnte mir keiner beantworten. Als Elternteil kann ich nur etwas an der Situation ändern, wenn ich von dieser in Kenntnis gesetzt werde. Was leider so gut wie nie passiert.
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