Deutscher Auktionator in New York James Bond mit Hämmerchen

Der Deutsche Tobias Meyer ist der erfolgreichste Auktionator der Welt. Seine Auftritte bei Sotheby's sind legendär. Die Preise, bei denen sein Hammer niedersaust, auch. Innerhalb von drei Minuten werden schon mal 40 Millionen Dollar geboten.

Von Klaus Boldt

Corbis

An diesem Freitag verlässt Tobias Meyer, der berühmte Auktionator, wie an jedem Morgen seine 5,3-Millionen-Dollar-Spezialwohnung im Time Warner Center auf der Insel Manhattan, um sich seiner gunstreichen und gut bezahlten Erwerbstätigkeit hinzugeben. Mark, sein Mann, ruft ihm nach: "Ich freue mich auf nachher!" Und er, Meyer, der berühmte Auktionator, ruft zurück: "Ich mich auch!"

Seit 15 Jahren sind sie ein Paar: Tobias Meyer und Mark Fletcher, ein namhafter Kunstberater, -händler und -aussteller. Als der Bundesstaat New York die Schwulenehe im Sommer 2011 endlich für rechtmäßig erklärte, haben sie geheiratet. 50 Dollar hat die Trauung gekostet. Die beiden sind das Glamour-Paar der ganzen US-Ostküsten-Kunstschickeria, einmal rauf und wieder runter.

Ihren Adlerhorst im 66. Geschoss hat der Maler John Currin, ein Freund der Familie, als "moderne Rokoko-Fantasie" bezeichnet, und er lag damit gar nicht einmal so falsch. Fletcher sammelt moderne Kunst, Meyer eher unmoderne, wodurch ihre Wohnung eine Möblierung und Ausstaffierung erfuhr, die Inneneinrichter und Redakteure von Architekturblättern vor Entzücken wimmern oder weinen lässt:

Es finden sich Stühle französischer Grafen von Siebzehnhundertsowieso, Porzellan mit Drachenmotiven aus Meißen, Tische des Neoklassizismus und vergoldete, gehörnte, lüsterne Waldgeister, ein sperrholzverkleideter Eingangskorridor und ein rechnererzeugter Wandschmuck des Meisters Assume Vivid Astro Focus aus Brasilien, ein schwarz-weiß-gestreifter Teppichboden, ein Ritterhelm auf der Chiffonniere im Schlafzimmer, ein Himmelbett mit Winterkuhfell-Tagesdecke in der Bibliothek.

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Deutsche auf Glückssuche: New York? New York!
Gäste erzählen, sie hätten einen Currin mit Barockrahmen gesehen, Andy Warhols "Gun" als Revolver-Seidentapete, ein Dollarzeichen aus 204 Glühbirnen von Sue Webster und Tim Noble, ein Dan-Colen-Abstraktum und so weiter. Die Wohnung bietet einen Rund-um-Blick von Europa bis in den Wilden Westen und sieht aus, als sei sie mit dem Schnitzmesser aus der Wirklichkeit geschält und geschnipselt worden, so ähnlich wie es der Bayern-Ludwig in seinen Schlössern versucht hat, nur besser.

"Nachher" ist übrigens um viertel nach drei. Dann wollen sich die beiden in ihrem Landhaus in New Milford treffen und dort das Wochenende verbringen, 130 Kilometer nördlich der Stadt in den Iron Mountains von Connecticut. Ihr Bauwerk steht auf einer 220.000 Quadratmeter großen Mähwiese am friedvollen Waldrand und ist angefertigt aus einer Art bronziertem Spiegelstahl. Es verfügt über Decken, Wände und Möbel aus örtlicher Eiche und Fußböden aus Beton, jedoch nicht über das, was man Zimmer und rechte Winkel nennt.

Der Entwurf ("18.36.54") geht auf die Künstlerhand ihres Bekannten Daniel Libeskind zurück, des Architekten mit der Brille, und sieht aus wie ein Tarnkappenbomber, aber wie ein abgestürzter.

Bis zur Versteigerung stehen die Werke in seinem Büro

Doch jetzt klickt hinter Meyer erst einmal die Wohnungstür zu, er betritt den Fahrstuhl, fährt in die Empfangshalle hinab, tritt hinaus auf den Columbus Circle an der Südwestecke des Central Parks, winkt ein Taxi heran und sagt: "York und Zweiundsiebzigste". Vielleicht sagt er auch nur: "Sotheby's". Der Laden ist ja ein Begriff in Stadt und Land.

Das Hauptquartier der Firma unweit des East Rivers hat einen schnittigen Granitsockel und darüber jede Menge Glas, wirkt innen aber weder alt noch neu, vielleicht aus Pietät gegenüber den Schätzen der Jahrhunderte, die man hier versteigert. Das Atrium ist neun Etagen hoch, die Ausstellungsfläche beträchtlich.

Meyers Amtszimmer, weiß gestrichen und ausgelegt mit braunem Teppichboden, liegt im sechsten Stock, es geht nach Westen zur York Avenue und ist voller Licht. Quer vor der Fensterfront steht sein Weißglas-Arbeitstisch, darauf Monitor und Tastatur, vorn ein Holzkästchen für Stift, Feder und Tinte aus dem späten Rokoko, eine henkellose, weißblaue Tasse aus hauchdünnem Porzellan mit Kräuterbonbons und links eine Flasche Pellegrino.

Auf dem flachen Schrank hinter ihm: die schwarze Statuette eines Muskelmannes, der ein Gewicht schultert, das aussieht wie ein Fernseher, aber wahrscheinlich nur eine Portion Schutt ist. Drei Fotos lehnen am Fensterrahmen.

Meyer hat es gern, wenn die Werke, die er versteigern will oder schon versteigert hat, bis zu ihrer Abholung in seinem Büro bleiben: An der Wand in seinem Rücken ist ein unkonkretes Querformat ("Shenandoah") von Franz Kline befestigt, und dann stehen da auf zwei Sockeln noch ein Sechmet-Löwenkopf aus Ägypten und eine Skulptur von de la Peña.

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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
Fusselkopf 05.05.2013
1.
Wenn ich mir die Profite der Auktionshäuser angucke, und dann wieder auf die % der Menschen unter dem Existenzminimum schaue, möchte ich erbrechen.
FrankDr 05.05.2013
2.
Toll geschriebener, interessanter Artikel über eine Welt, die mir fremd ist
pablocremer 06.05.2013
3. Schade
Dass diese tollen Macher nicht in DE leben, dann koennte sich wieder der Neidkomplex austoben und die Steuerfahndung haette wieder ein neues Opfer.
Altesocke 06.05.2013
4. Waere es nicht beeindruckender,
"Von den zehn teuersten Bildern der Welt hat er drei versteigert" wenn er 3 der teuersten Gemaelde ersteigert haette?
webman 07.05.2013
5. Provisionen
...vielleicht sollte man hinzufügen --- Auktionshäuser erhalten ca 25 % des Erlöses für ein Kunstwerk vom Einlieferer (Verkäufer) und 25 % vom Käufer --erst ab 500000 oder einer Million greifen niedrigere Sätze ...
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