Soziale Netzwerke Hilfe, mein Boss klaut mir meine Freunde

Posten, twittern, chatten - eine gute Online-Vernetzung ist in vielen Branchen Teil des Jobs. Kontakte sind wichtig und wertvoll. Aber was passiert, wenn ein Mitarbeiter geht? Seine Facebook-Freunde gehören oft der Firma.

Von Elke Spanner

Netzwerken ist in vielen Jobs erwünscht - bis der Chef den Stecker zieht
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Netzwerken ist in vielen Jobs erwünscht - bis der Chef den Stecker zieht


Als der renommierte Journalist Jim Roberts von der "New York Times" zum Tech-Blog "Mashable" wechselte, brachte er viele Leser gleich mit: 75.000 Follower folgten ihm auf Twitter.

Für die "NYT" war das ein großer Verlust, es kam die Frage auf: Wem gehört die Fangemeinde - dem Privatmann Roberts, der sie durch seine Tweets gewonnen hatte, oder der Zeitung, über die Fans zu ihm gelangt waren? Juristisch hätte man sich darüber streiten können. Die "NYT" gab sich kampflos geschlagen. "The followers are his", verkündete eine Sprecherin. Man akzeptiere, wen die Fans verehrten.

Ein Angestellter geht und nimmt all seine Kontakte aus sozialen Netzwerken mit - so einfach ist das meist nicht. In Deutschland beanspruchen immer häufiger Chefs die Freunde bei Facebook, Twitter oder Google+ für sich. Vor allem wenn ein Angestellter dienstlich in sozialen Netzwerken unterwegs war, etwa um Kunden zu kontaktieren. Selbst User, die nur nach Feierabend bei Facebook surfen, könnten trotzdem beruflich unterwegs sein: wenn der Firmenname im Profil steht.

Im Web wachsen Privat- und Berufsphäre oft zusammen. Das führt zu neuen Fragen im Arbeitsrecht: Darf der Arbeitgeber Einfluss auf eine E-Mail nehmen, die ein Mitarbeiter über seinen privaten Facebook-Account an Kunden verschickt? Kann man vom Angestellten verlangen, auf seinem LinkedIn-Profil neben den Namen auch das Logo des Unternehmens zu stellen? Wem gehören die Kontakte, die ein Vertriebler im Job sammelt, aber auf dem eigenen Xing-Account verwaltet?

Her mit dem Passwort

"Juristisch ist das noch ziemliches Neuland", sagt der Stuttgarter Arbeitsrechtler Carsten Ulbricht, spezialisiert auf IT-Recht. "Die Gerichte tasten sich erst langsam auf dieses Gebiet vor."

Solche Fragen sind für Unternehmen von großer Bedeutung: Es kann zu Geschäftseinbrüchen kommen, wenn etwa ein Vertriebsmitarbeiter alle Kundenkontakte mitnimmt. Meine Daten, deine Daten - eindeutig ist der Fall nur, wenn ein Angestellter ein privates Profil ohne jeden Bezug zum Job unterhält.

Komplizierter wird es, wenn ein Social-Media-Manager im Auftrag seines Arbeitgebers eine Unternehmensseite auf Facebook einrichtet. Das ist zwar eindeutig geschäftlich, aber gleichzeitig auch privat. Schließlich stehen dann Firmen-Infos auf einer persönlichen Site des Managers.

Was empfehlen Anwälte? "Das Fachwissen der Social-Media-Manager ist oft viel größer als das des Arbeitgebers", sagt Ulbricht. "Unternehmen sollten von vornherein sicherstellen, dass nach einer Kündigung nicht auch der Zugang zu Social-Media-Aktivitäten verschwindet." Deshalb sollte schon im Arbeitsvertrag stehen, was in diesem Fall mit den Daten passiert.

Das Arbeitsgericht Hamburg entschied jüngst im Fall einer IT-Beraterin, die beim Jobwechsel Xing-Kontakte von Kunden und Geschäftspartnern mitgenommen hatte. Die Softwarefirma verlangte: Die Daten müssten gelöscht werden, weil sie mit einer Kundenliste vergleichbar seien und damit ein Geschäftsgeheimnis. Das Gericht wies die Forderung ab - aber nur, weil die Firma nicht beweisen konnte, dass die IT-Beraterin die Kontakte durch ihre geschäftliche Tätigkeit bekommen hatte. Grundsätzlich, so die Richter, könnten Kundenkontakte durchaus ein Geschäftsgeheimnis sein (Aktenzeichen 29 Ga 2/13).

Zu viel Eifer? Wettbewerbsverstoß!

Chattet ein Mitarbeiter bei Facebook, gilt das eher als privat. In beruflichen Netzwerken wie Xing oder LinkedIn dagegen ist er in der Regel im Dienst. Die Gerichte prüfen: Unter welchem Namen läuft der Account? Wer zahlt dafür, welche Mailadresse ist als Kontakt angegeben, welchen Charakter hat das Profil in der Gesamtbetrachtung?

Gelten Account oder Kontakte als geschäftlich, muss der Mitarbeiter seinem Arbeitgeber die Login-Passwörter nennen. Rechtlich ist es dann so, als stünden Namen und Adressen in einer Karteikartenbox auf dem Schreibtisch. Besonders in Werbeagenturen dürfen Chefs vorschreiben, was in E-Mails geschrieben oder auf Facebook gepostet werden soll. Grund: In der Branche werden Kundenmails meist über den privaten Account verschickt. "Die Agentur darf selbst dann eingreifen, wenn Mitarbeiter und Kunden nach Feierabend miteinander chatten, twittern oder posten", sagt Klaus Pawlak, Arbeitsrechtsexperte der Kanzlei Ruge Krömer in Hamburg.

Nicht immer profitieren Arbeitgeber von Mitarbeitern, die im Netz eifrig für die Firma trommeln. In Freiburg chattete ein Autoverkäufer abends mit Freunden, warb auf seiner Facebook-Seite für eine Rabattaktion des Autohauses, nannte dazu die Adresse sowie Preis und Modell eines Neuwagens. Das rügte die Zentrale zur Bekämpfung unlauteren Wettbewerbs als Wettbewerbsverstoß.

Das Landgericht Freiburg entschied, dass der Mitarbeiter "den Bereich privater Lebensgestaltung auf Facebook zugunsten geschäftlicher Tätigkeit verlassen" habe (Aktenzeichen 12 O 83/13). Er habe auf wettbewerbswidrige Weise Werbung fürs Autohaus gemacht. Der Inhaber wurde zur Verantwortung gezogen - obwohl er von der Aktion seines Mitarbeiters nicht einmal gewusst hatte.

  • Elke Spanner (Jahrgang 1967) hat Jura studiert. Statt sich durch juristische Akten zu quälen, schreibt sie aber lieber als Journalistin über Recht, Arbeitswelt und Karriere.

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insgesamt 47 Beiträge
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Seite 1
MrSnoot 04.02.2015
1.
Diese Entwicklung ist einfach nur traurig. Allein schon, wenn man solche Kontakte als Freunde betitelt.
moneysac123 04.02.2015
2.
Warum betrachten Firmen ihre mitarbeiter als leibeigene? Wird eine Seite im Namen der Firma angelegt, so gehört sie der Firma, alles andere ist privatsache.
_derhenne 04.02.2015
3.
Was ist das für ein konstruierter Käse? Alles was ich hier lese, entspricht nicht im Ansatz meiner Lebensrealität. Xing? Berufliche Kontakte auf Facebook? IT Berater? Social-Media-Manager? Wer das mit dem Begriff "Arbeit" verbindet hat ganz andere Probleme.
TheBear 04.02.2015
4. Tippfehler im Titel
Lieber SPON, da ist ein Tippfehler im Titel dieses Artikels. Richtig muss es heissen: Asoziale Netzwerke: Hilfe, ...
großwolke 04.02.2015
5.
Hm... ein Gebiet, mit ich mich nur begrenzt auskenne. Aber als ich das letzte Mal die Firma gewechselt habe, sind zwei der Vertreter (denen ich sozusagen zum Abschied gesagt hatte, wo es hingeht), MIR hinterhergelaufen, um zu sehen, ob sie mir nicht auch im neuen Job was verkaufen könnten. Ich vermute mal, in anderen Branchen läuft es ähnlich ab: die Kontakte, die etwas wert sind, sind in aller Regel persönlicher Natur. Soll doch der Arbeitgeber den ollen Facebook-Account haben oder die Kontakte löschen lassen. Der wechselnde Mitarbeiter kennt doch sein Netzwerk und hat sicher überhaupt keine Probleme, die relevanten Kontakte auch ohne Internetkrücke wiederherzustellen, Geschäftsgeheimnis hin oder her. Da kann man sicher viel regulieren. Unterbinden aber eher weniger.
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