Mittagspause Warum die Spanier keine Siesta mehr wollen

Drei Stunden Mittagspause - das klingt erst einmal verlockend. Die Siesta geht aber immer mehr Spaniern auf die Nerven. Vor allem wenn sie ihnen vom Arbeitgeber verordnet wird.

Siesta in Chamberí, Stadtteil von Madrid
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Siesta in Chamberí, Stadtteil von Madrid


Die Siesta, der "Mittagsschlaf", gehört zu Spanien wie Paella, Flamenco oder Mallorca. Aber immer mehr Spanier ärgern sich darüber und würden die überlange Pause mitten in ihrem Arbeitstag gern abschaffen. Zum Beispiel die Angestellte Puri, 35, aus Getafe, südlich von Madrid.

"Die Siesta nimmt mir jeden Tag unnötigerweise ein Stück meines Lebens weg, ich habe kaum Zeit für meine Familie", sagt Puri, die in einem Küchenstudio arbeitet. Jeden Tag wird sie um 14 Uhr - wie sie sagt - "in die verdammte Zwangspause entlassen". Und zwar bis 17 Uhr.

In der Nähe des Ladens fallen zu dieser Zeit etliche Rollläden mit viel Getöse herunter. "Geschlossen". Das Problem: Die wenigsten Arbeiter und Angestellten können die lange Pause wirklich genießen, geschweige denn für ein Schläfchen nutzen.

Feierabend um 21.30 Uhr

Die meisten wohnen in den Vororten, so wie Puri. Deshalb schlägt sie am Nachmittag mangels Alternative die Zeit tot, muss dann wieder einige Stunden arbeiten - und ist erst gegen 21.30 Uhr zu Hause. "Meine jüngste Tochter wurde dann schon von der Oma ins Bett gebracht."

So wie Puri protestieren immer mehr Menschen in Spanien gegen die Siesta-Regel. "Was in Spanien passiert, ist nicht normal. Wir haben ein Anrecht darauf, unser Privatleben zu genießen", sagt Jurist José Luis Casero. Er ist Präsident der Vereinigung zur Rationalisierung der Zeiten (ARHOE).

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Mittagspause in Spanien: Erst essen, dann schlafen

ARHOE fordert eine zeitliche Anpassung des Tagesablaufs mit den noch sehr späten Büro- und Ladenschließungszeiten an die Gewohnheiten in anderen Ländern Westeuropas. Die Vereinigung wurde schon vor zehn Jahren gegründet und bekommt immer mehr Unterstützer.

Der Rundfunksender Cadena Ser beispielsweise bezeichnete den spanischen Tagesablauf als "kafkaesk". Weil die meisten Menschen spät nach Hause kommen, essen sie nicht vor 21 Uhr zu Abend. Die Prime Time im spanischen Fernsehen beginnt im Fernsehen erst ab 22. Der Tag ist lang.

Schlafmangel wegen Mittagsschlafregel

"Man muss nach dem Abendessen aufräumen, man will sich mit Ehemann und Kindern unterhalten, ein bisschen fernsehen. Im Bett bin ich nicht vor ein Uhr morgens", klagt Puri. Ihr fehlt Schlaf, und so geht es auch vielen anderen Spaniern, wenn man die Professorin Nuria Chinchilla von der Business-School IESE in Madrid fragt.

"Wir sind weltweit ein Sonderfall", sagt die Wissenschaftlerin. Die Spanier schlafen nach ihren Angaben deutlich weniger als andere Europäer, was sich negativ auf die Gesundheit der Menschen, aber auch auf die Produktivität der Arbeitnehmer und damit auf die Wettbewerbsfähigkeit des Landes auswirke.

Schlafmangel in einem Land, das seinen Bewohnern mit der Siesta-Regel doch eigentlich eine Gelegenheit zum Nickerchen verschaffen wollte: Die Tradition der langen Mittagspause hat mit der brütenden Hitze zu tun, die sich mittags in vielen Gegenden über Spanien legt. Früher, als es kaum Klimaanlagen gab, wurde dann gegessen und ein Schläfchen gemacht. Studien zufolge schlafen heute aber knapp 60 Prozent der Spanier mittags "nie".

Außerdem beförderte der frühere Diktator Francisco Franco die Siesta-Regel. Denn bis 1942 war Spanien noch in der Westeuropäischen Zeitzone. Um sich aber dem befreundeten Nazi-Deutschland anzupassen, ließ Franco die Uhren um eine Stunde vordrehen - und die Spanier machten seitdem alles eine Stunde später als sonst.

Nicht alle wollen früh ins Bett

In den vergangenen Jahren unternahm die Politik immer wieder Anläufe, die Siesta-Regel zu verändern. Ob dieses Mal etwas daraus wird? Der geschäftsführende Ministerpräsident Mariano Rajoy stellte mit Blick auf die Parlamentsneuwahl am 26. Juni bereits ein früheres Ende des Arbeitstages in Aussicht: 18 Uhr.

Rajoy will sich auch für eine Rückkehr von der Mitteleuropäischen in die Westeuropäische Zeitzone einsetzen. Andere Spitzenkandidaten für das Amt des Ministerpräsidenten äußerten sich ähnlich. Das heißt aber nicht, dass die Siesta-Regel nach wie vor nicht auch viele Anhänger hat.

Sie wollen den landestypischen Tagesrhythmus nicht aufgeben und die urspanische Siesta-Tradition vor dem Aussterben bewahren. Dazu gab es bereits Wettbewerbe für den besten Siesta-Schläfer.

Der Kolumnist Vicente Lozano schrieb in der Zeitung "El Mundo": "Es geht ganz einfach darum, unser Wesen zu verändern. Auch wenn das vielleicht schlecht ist: Ohne die Nacht ist Spanien heutzutage nicht zu verstehen."

Emilio Rappold/dpa/fok/



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