Spezialanwälte Die Welt der Winkel-Advokaten

3. Teil: Alex Grundmann: "Wie im Haifischbecken, wenn man eine Kuh reinschmeißt"


Eine Stelle als Anwalt zu suchen kam für Alex Grundmann (Name geändert), 28, nicht in Frage. "Ich wollte selbständig werden, alles andere war nichts für mich", sagt der Überzeugungstäter aus Hannover. Im Mai 2010, unmittelbar nach dem Examen, besorgte er sich die Anwaltszulassung - und einen Account bei 123recht.net. "Ich habe gleich damit angefangen", sagt Grundmann, "schon im ersten Monat habe ich dort 1000 Euro Umsatz erzielt".

Statt eines teuren Büros wie andere Gründer brauchte Grundmann nur einen PC - und schnelle Finger. Wenn ein Nutzer eine Frage stellt, die in einen der von ihm angegebenen fachlichen Schwerpunkte fällt, bekommt er eine Mail - und damit das Recht, darauf zu antworten, wenn er den Auftrag als erster akzeptiert. Manchmal kommt es auf Sekunden an. "Das ist wie im Haifischbecken, wenn man eine Kuh reinschmeißt", sagt Grundmann. "Erst muss man den Capture-Code eingeben", berichtet Grundmann, "dann einen weiteren Code" - und wenn man dann der schnellste war, "dann kann man sich wieder Zeit lassen".

Grundmann hat nur selten das Nachsehen - "weil ich so flink mit der Tastatur bin", sagt er und lacht. Zwei Stunden hat er jetzt Zeit, auf die gestellte Frage zu antworten, manchmal kommt noch eine Nachfrage, das war's. Der User kann den Anwalt bewerten, der bekommt den von Anfang an ausgelobten Arbeitslohn - im Schnitt etwa 35 Euro.

Die Netzantworten ziehen gute Aufträge nach sich

Im ersten Moment hört sich das nach furchtbar wenig an, wenn man bedenkt, dass eine Antwort selten unter einer Stunde zu schaffen ist. Doch auch Kleinvieh macht Mist: Zwar haben die Macher von 123recht.de die Zahl der möglichen Antworten für jeden Anwalt auf 30 pro Monat begrenzt, um einen gewisse Konkurrenz auf der Plattform zu sichern. Doch schon mit diesen 30 Antworten allein kann man durchaus auf 1000 Euro Umsatz kommen - die 17 Euro Teilnahmegebühr fallen dagegen kaum ins Gewicht.

Erste Hilfe für Junganwälte
Höhenflug oder Bruchlandung: Wenn Jura-Absolventen sich selbständig machen, kämpfen sie mit viel Gegenwind. Wer hilft bei der Kanzleigründung, wer warnt vor Fallen im Anwaltsalltag? KarriereSPIEGEL gibt einen Überblick. mehr...
Trotzdem sind die Antworten an sich "eigentlich nicht wirtschaftlich", gibt Grundmann zu - lukrativ wird das Ganze durch Folgemandate: Sei es, dass aus der Frage direkt ein richtiger Anwaltsauftrag entsteht, sei es, dass andere Nutzer die Antwort lesen und so auf den Experten aufmerksam werden. "80 Prozent meiner Mandate kommen daher", sagt Grundmann stolz, "das reißt es dann schon wieder raus."

Deshalb lohnt es sich meist, trotz zunächst vielleicht schlechter Honorierung ruhig etwas ausführlicher zu antworten: Die Beiträge werden direkt von Suchmaschinen erfasst. Mit geschickt gesetzten Begriffen kann man es also schaffen, bei Google relativ weit oben zu landen - bundesweit, und nicht nur in Hannover. "Einmal habe ich etwas zum Panzerfahren in Deutschland geschrieben, bald darauf hat mich jemand genau deswegen kontaktiert."

Stark schwankende Umsätze

Dabei ist diese Art zu arbeiten selbst auf der Plattform offenbar nicht einmal jedermanns Sache: Viele der dort registrierten Anwälte geben nur zwei oder drei Antworten pro Monat, Grundmann hat sein Limit dagegen oft schon nach gerade mal zehn Tagen erreicht, und zählt damit zu den zumindest quantitativ erfolgreichsten Anbietern des Portals. "Für ältere Kollegen ist das sicher nicht das Optimale", sagt Grundmann, "man muss einfach auch die ganze Zeit am Rechner sitzen".

Noch schwanken seine Umsätze stark, zwischen 2000 und 4000 Euro - nach nicht einmal zehn Monaten im Beruf ist das aber mehr als zufriedenstellend. Und die Kosten sind gering, da der Internetanwalt prinzipiell auch von zu Hause arbeiten kann, ohne dass das irgend jemandem auffallen müsste.

Selbst wenn ein Mandant ihn einmal persönlich treffen will, hat Grundmann eine gute Lösung parat: In einer Kanzlei, in der er schon als Referendar arbeitete, hat er für den Bedarfsfall ein Zimmer angemietet - mit Rechner, Software, Fax und Kopierer. Und weil es sich mit der Internet-Tätigkeit so gut vereinbaren lässt, promoviert Grundmann nebenbei auch noch und absolviert ein Fernstudium "Anwaltsberuf und Anwaltspraxis". "Das hat mir schon jetzt was gebracht", sagt er. Und gibt auf Nachfrage zu: "Klar, mancher könnte wahrscheinlich auch von mir etwas lernen."

insgesamt 5 Beiträge
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dr.épernay-boiler 28.03.2011
1. Je wirrer die Welt
je schlimmer der Filz, je kontrastärmer der Knotenwald, je besser die eigene Lobby - und damit die eigene Honorarordnung - umso fester Sitzt der Juristler im Sattel und erfreut sich an den Folgen des Leides.
spon-tan100 28.03.2011
2. Regeln statt gestalten
Seitdem es so ist, dass Gesetze nicht mehr mit Sorgfalt und Zurückhaltung gemacht werden, bilden sich natürlich immer mehr Nischen für SpezialistInnen. Das ist indes nicht deren Problem, denn das Leben nach dem 2. Staatsexamen ist eines, das auf Existenzsicherung und nicht darauf ausgerichtet ist, Organ der Rechtspflege zu sein. Nicht jeder wird als von und zu geboren. Hnzu kommt, dass so wie jede andere Lobbygruppe auch die Juristinnen und Juristen es geschafft haben, Regelungen zu schaffen, die einen nur noch den Kopf schütteln lassen: Das gesamte Abmahnwesen, allenfalls gut gemeint, ist derart aus dem Ruder gelaufen, dass es einer dringenden Revision bedürfte. Letztlich hat die Erkenntnis, dass und in welch gewaltigem Umfang die EDV Arbeit spart, noch keinen Einzug ins RVG (rechtsanwaltsvergütungsgesetz) gefunden. Auch hierzu ist z.B. die Massenabmahnung eben zwar ökonomisch pfiffig, ansonsten aber in ihrem Wesen als Lizenz zum Gelddrucken unmoralisch.
io_gbg 28.03.2011
3. Vorname?
Wie heisst die Rechtsanwältin (ehemals) auf Rädern denn nun mit Vornamen: - Diana (laut Artikel) - Daniela (laut Bildunterschrift)
whitemouse 28.03.2011
4. ungeordnet und ungleich
Junge Anwälte haben es ohne Beziehungen sehr schwer, es sei denn, sie haben enorm viel Glück wie die junge Frau. Können erkennen Mandanten nicht unbedingt, aber so mancher Mandant möchte beim Junganwalt selbst gern Umsatz machen. Mit den entsprechenden Beziehungen kann man freilich gut leben. Es ist nun mal so, dass Anwälte meist nicht nach Umfang oder Qualität der Arbeit bezahlt werden, sondern nach dem Streitwert.
seneca77 11.04.2011
5. Vergleich
den Herr RA Hofmeyer habe ich auch auf devpro24.com gesehen. Empfehlen allen die solche Dienste gerne nutzen die Seite. Man muss sich dort nicht anmelden, der Sachverhalt wird nicht veröffentlicht. Zudem keine Vorkasse.
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