Staatlicher Zuschuss Arbeitslose sind gute Existenzgründer

Ist ja schön, wenn der Staat Arbeitslosen den Weg in die Selbständigkeit ebnet. Aber halten sie auch durch? Ja, sagen Forscher in einer neuen Studie. 80 Prozent sind anderthalb Jahre später noch im Geschäft - Ursula von der Leyen hätte den Gründungszuschuss besser nicht gekürzt.

Am falschen Ende gekürzt? Arbeitsministerin von der Leyen will eine Milliarde Euro sparen
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Am falschen Ende gekürzt? Arbeitsministerin von der Leyen will eine Milliarde Euro sparen


Zum Jahresbeginn hat die Bundesregierung den Gründungszuschuss für Arbeitslose deutlich reduziert. Eine neue Studie nährt Zweifel am Sinn dieser Maßnahme. Denn nach Einschätzung von Arbeitsmarktforschern ist das Instrument sehr erfolgreich.

Rund 80 Prozent der geförderten Arbeitslosen seien auch eineinhalb Jahre nach der Existenzgründung noch selbständig gewesen, heißt es in einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), das zur Bundesagentur für Arbeit gehört. Ein Drittel von ihnen schaffe neue Arbeitsplätze, was den Arbeitsmarkt weiter entlastet.

Außerdem verdient das Gros der unterstützten Gründer nach der Förderzeit so viel, dass sie sich aus eigener Kraft finanzieren können. Der Anteil der "Aufstocker", die so wenig verdienen, dass ihnen noch zusätzlich Hartz-IV-Leistungen zustehen, liegt bei zwei bis drei Prozent.

Forscher warnen vor den Folgen der Kürzungen

Das Institut warnt daher davor, die vom Bundestag beschlossenen Kürzungen zu strikt umzusetzen. Die Sachbearbeiter in den Arbeitsagenturen haben da neuerdings einen großen Ermessensspielraum. "Eine restriktive Fördervergabe könnte die bislang positive Zwischenbilanz deutlich verändern", schreiben die Forscher.

Allerdings schränken sie die Ergebnisse der Untersuchung auch ein: So lässt sich über den langfristigen Erfolg noch nichts Gesichertes sagen, weil zum Zeitpunkt der Untersuchung die meisten geförderten Gründungen nur 19 bis 22 Monate zurücklagen. Derzeit wird eine zweite Studie vorbereitet, die auch längerfristige Effekte berücksichtigt.

"Dem Gründungszuschuss den Garaus gemacht"

Die Erfahrungen mit Vorgängerprogrammen, der Ich-AG und dem Überbrückungsgeld, stützen aber die aktuellen Ergebnisse, sagt Co-Autor Marco Caliendo, Wirtschaftsprofessor an der Uni Potsdam. Hier waren nach gut viereinhalb Jahren noch immer zwischen 47 Prozent und 67 Prozent der vorher Geförderten selbständig tätig. Dabei war das Überbrückungsgeld etwas erfolgreicher als die Ich-AG. Wenn man außerdem als Erfolg wertet, dass viele der Betroffenen später wieder mit Festanstellung arbeiten, dann liegt die Erfolgsquote bei 76 bis 90 Prozent.

Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) hatte im vorigen Jahr Einsparungen beim Gründungszuschuss in Milliardenhöhe auf den Weg gebracht. 2011 wurde für rund 134.000 Arbeitslose der Gründungszuschuss bewilligt. Die BA gab dafür gut 1,7 Milliarden Euro aus. In diesem Jahr soll rund eine Milliarde Euro eingespart werden, die Ausgaben sollen auf 500 Millionen Euro sinken. Die Grünen warfen Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen am Dienstag erneut vor, am falschen Ende zu sparen. Mit der Kürzung der Mittel habe die CDU-Politikerin dem Gründungszuschuss "praktisch den Garaus gemacht", sagte die Arbeitsmarktexpertin Brigitte Pothmer.

Kaum Mitnahmeeffekte

Von der Leyen hatte die Reform unter anderem damit begründet, dass sich viele Arbeitslose auch ohne Förderung selbständig gemacht hätten. Die Forscher sehen nur wenige Anhaltspunkte dafür, dass die Förderung in vielen Fällen eigentlich überflüssig gewesen sei. "Die vieldiskutierten Mitnahmeeffekte spielen offenbar eine geringere Rolle als bisher angenommen", schreiben die IAB-Experten. Ähnlich hatten sich früher schon Kollegen am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung geäußert.

Bis Ende vorigen Jahres hatten Bezieher von Arbeitslosengeld I Anspruch auf den Zuschuss, wenn sie eine tragfähige Geschäftsidee vorweisen konnten. Seit Jahresanfang ist der Zuschuss nur noch eine Ermessensleistung. Zudem wurden die Anspruchsvoraussetzungen verschärft.

rtr/mamk



insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
paix 14.02.2012
1. Wie üblich
Wie üblich Aktionismus der CDU ohne Sinn und Sachverstand.
johnnyinvisible 14.02.2012
2. Aus der Praxis
Lieber 75% der anderen Trainings-Maßnahmen der Agenturen streichen. Der Gründungszuschuss wurde ja nicht verschenkt. Ein Businessplan musste her, viele Behördengänge, organisatorische Aufgaben und eine Tragfähigkeitsbescheinigung der Kammern. Die Leute wurden so animiert ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. Vielen kleineren Gewerben, die sonst diese erste Hürde aus finanziellen Gründen gar nicht genommen hätten, wurde Starthilfe geleistet. Aus meiner Arbeitsvermittler-Sicht kann ich sagen, dass ich nichts lieber tat, als jemand mit GZ in die Selbständigkeit zu begleiten. Da ging was voran, man konnte die Leute Schritt für Schritt heranführen und positive Ergebnisse hatten eine unglaublich motivierende Wirkung auf die 'Kunden'. Gegen Mitnahme-Effekte hätte es gereicht den Kreis derer, die eine Tragfähigkeitsbescheinigung ausstellen dürfen, mehr einzuschränken. Schade, aber man spart hier tatsächlich am falschen Ende.
Vermalia 14.02.2012
3. Äußerst sinnvolle Instrumente
Zitat von sysopDPAIst ja schön, wenn man Arbeitslosen den Weg in die Selbständigkeit ebnet. Aber halten sie auch durch? Ja, sagen Arbeitsmarktforscher in einer neuen Studie. 80 Prozent sind anderthalb Jahre später noch im Geschäft - Ursula von der Leyen hätte den Gründungszuschuss besser nicht gekürzt. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,815281,00.html
Ich selbst bin jetzt das sechste Jahr erfolgreich selbständig und bin damals mit der Ich-AG gestartet. Gleichzeitig kenne ich einige weitere geförderte Gründer aus derselben Zeit, die alle sehr erfolgreich sind. Hätte es diese Förderung nicht gegeben, hätte kaum einer von uns den Schritt in die Selbständigkeit gewagt. An dieser Stelle zu sparen ist wirklich der Gipfel der Sinnlosigkeit! Man darf auch nicht vergessen, jeder, der die Selbständigkeit durchhält, schafft schon einmal einen eigenen Arbeitsplatz, unabhängig davon, ob er noch Angestellte hat! Ich verstehe es nicht. Kann mir irgendjemand erklären, was sich diese Frau von der Leyen dabei gedacht haben mag? Ich dachte immer, die CDU halte sich für wirtschafts- und damit auch gründerfreundlich???
Subco1979 14.02.2012
4.
Zitat von johnnyinvisibleLieber 75% der anderen Trainings-Maßnahmen der Agenturen streichen. Der Gründungszuschuss wurde ja nicht verschenkt. Ein Businessplan musste her, viele Behördengänge, organisatorische Aufgaben und eine Tragfähigkeitsbescheinigung der Kammern. Die Leute wurden so animiert ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. Vielen kleineren Gewerben, die sonst diese erste Hürde aus finanziellen Gründen gar nicht genommen hätten, wurde Starthilfe geleistet. Aus meiner Arbeitsvermittler-Sicht kann ich sagen, dass ich nichts lieber tat, als jemand mit GZ in die Selbständigkeit zu begleiten. Da ging was voran, man konnte die Leute Schritt für Schritt heranführen und positive Ergebnisse hatten eine unglaublich motivierende Wirkung auf die 'Kunden'. Gegen Mitnahme-Effekte hätte es gereicht den Kreis derer, die eine Tragfähigkeitsbescheinigung ausstellen dürfen, mehr einzuschränken. Schade, aber man spart hier tatsächlich am falschen Ende.
Das auf jeden Fall. Allerdings sagt die Studie nur, dass die meisten nicht Hartz 4 beantragen können / brauchen, weil sie ausreichend verdienen, um über die Runden zu kommen. Das heißt, das eigentliche Ziel - Menschen in (selbstständige) Arbeit zu bringen - wird erreicht. Damit hat sich die Sache für alle Behörden erledigt. Ob die Leute aber auch genug zurücklegen können, um später mal mit 65 oder 70 in Rente gehen zu können, davon habe ich hier zumindest explizit nichts gelesen. Von einigen Bekannten die Selbstständig sind, weiß ich, dass sie halt halbwegs davon leben können. Aber mehr als 50-100 Euro im Monat für die private Rentenversicherung können sie nicht zurücklegen. Da sehe ich ein großes Problem auf uns zukommen: Altersarmut so in ab ca. 15 Jahren. Und länger Krank werden ist übrigens auch nicht drin. Auch dann nicht, wenn eine entsprechende Versicherung abgeschlossen wurde. Denn die ist entweder sündhaft teuer (für diese Verhältnisse) oder zahlt eigentlich nicht genug. Kurze und evtl. mittlere Ausfälle können noch abgefangen werden. Trotzdem besser als die Alternative Arbeitslosikeit? - Ich fürchte, so pauschal kann man weder ja noch nein sagen. D.h. aber auch, so etliche haben damit langfristig ins Klo gegriffen.
tangoman 14.02.2012
5. Ohne Sinn und Verstand..
Zitat von johnnyinvisibleLieber 75% der anderen Trainings-Maßnahmen der Agenturen streichen. Der Gründungszuschuss wurde ja nicht verschenkt. Ein Businessplan musste her, viele Behördengänge, organisatorische Aufgaben und eine Tragfähigkeitsbescheinigung der Kammern. Die Leute wurden so animiert ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. Vielen kleineren Gewerben, die sonst diese erste Hürde aus finanziellen Gründen gar nicht genommen hätten, wurde Starthilfe geleistet. Aus meiner Arbeitsvermittler-Sicht kann ich sagen, dass ich nichts lieber tat, als jemand mit GZ in die Selbständigkeit zu begleiten. Da ging was voran, man konnte die Leute Schritt für Schritt heranführen und positive Ergebnisse hatten eine unglaublich motivierende Wirkung auf die 'Kunden'. Gegen Mitnahme-Effekte hätte es gereicht den Kreis derer, die eine Tragfähigkeitsbescheinigung ausstellen dürfen, mehr einzuschränken. Schade, aber man spart hier tatsächlich am falschen Ende.
Ich bin in einer beruflichen Umorientierungsphase und wollte mich eigentlich selbstständig machen. Ich habe schon einige Angebote, z.T. mit Mehrjahresverträgen.... Dann habe ich die neue Bedingungen für die Förderung gesehen: Ich soll mich also selbstständig melden, verliere den Anspruch auf die Arbeitslosenversicherung (ich sage explizit Versicherung, da ich jahrelang den Höchstsatz eingezahlt habe) und dann ist: 1. die Förderung Ermessenssache 2. hat die Vermittlung Vorrang, d.h. in meinem Fall kann ich als gut ausgebildeter Akademiker ein positives Votum vergessen, da ich ja leicht vermittelbar bin. 3. Die Bezugsdauer ist ein Witz!! 4. Der Arbeitslosengeld I-Anspruch nicht mehr erhalten bleibt, sondern mit der Förderung verrechnet wird. 5. Wer zum Zeitpunkt der Gründung weniger als drei Monate Restanspruch auf Arbeitslosengeld I hat, wird künftig ohnehin keine Gründungsförderung mehr erhalten. Unter solchen Bedingungen nehme ich von einer Betriebsgründung dankend Abschied! Willkommen in der Gründerrepublik Deutschland. Wie kann man nur solch eine "kompetente" Frau wie unsere werte Frau von der Leyen solch weitreichende Gesetze machen lassen..... Soll sie doch weiter Luftblasen in Talkrunden verbreiten, aber BITTE die Finger von Gesetzgebungsverfahren lassen......gelbe Seiten, sag ich da nur.
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