Start-ups Goldgräber im Gründerparadies

Steffen Roth; Corbis

Von Eva Müller

2. Teil: Die neue Gründungs-Ära hat gerade erst begonnen


Derzeit drängt das Mentorennetzwerk Startupbootcamp, das bereits erfolgreich in Amsterdam, Dublin und Kopenhagen agiert, auf den deutschen Markt. Das Konzept: In zweitägigen Auswahlseminaren peitschen Experten, alle selbst Entrepreneure oder Topmanager, Bewerberteams durch inquisitorische Fragerunden. Diese Mentoren trainieren die Sieger drei Monate hart. Mit dem einen Ziel: aus vagen Vorstellungen marktgängige Geschäftsmodelle zu destillieren. Am Ende des Programms werden die Aspiranten einigen Hundert Investoren vorgestellt - in der Hoffnung, dass sie dann die hohen Anforderungen der Geldgeber erfüllen.

Ortstermin in Amsterdam, in der örtlichen Vodafone-Zentrale. Den sensationellen Ausblick aus dem achten Stock auf Hafen und Altstadt beachtet hier niemand. In den locker im Großraum verteilten Gesprächskuben herrschen schweißtreibende Temperaturen. Matthijs Rosman, Investor und Berater der lokalen Consultingfirma Boer@Croon, grillt gerade zwei Studenten: "Habt ihr schon Pilotkunden? Wem gehören die Urheberrechte? Woher kommt die Technologie? Was ist daran neu?" Schnell geraten die beiden, die ihre Geschäftsidee einer Video-Bewerbungs-App verteidigen sollen, in Bedrängnis.

Die Quälerei lohnt sich. Als die beiden nach gefühlt tausend Experten-Sessions am Nachmittag ihr Projekt in der Auswahlrunde vorstellen, wirkt ihre Präsentation deutlich ausgereifter und überzeugender als am Morgen. Dennoch zählen sie nicht zu den zehn Gewinnerteams, die zwölf Wochen bei Vodafone residieren und - ausgestattet mit 17.000 Euro Pizzageld - von den Bootcamp-Ausbildern geschliffen werden. Aber egal: Irgendwo findet bald das nächste Jahrhundert-Event statt.

Eine neue Blase, aufgebläht von übermäßigen Erwartungen?

Drei Tage später wieder in Berlin etwa. In der Mediadesign Hochschule an der Lindenstraße läuft das Start-up-Camp, veranstaltet vom Entrepreneurs Club Berlin. Der große Vortragssaal, genannt Shark Tank (Haifischbecken), quillt über, als Christian Weiß von Project A Ventures - finanziert von der Otto Group - die Leistungen seiner 60 Mitarbeiter anpreist. Da geht es im geschliffenen Managementenglisch um "focused execution" und den "complimentary fit" zwischen brillanter Idee und systematischer Umsetzung. Draußen um die Stehtische netzwerken nicht nur Berliner, sondern auch junge Menschen aus Russland, Litauen, Spanien oder der Türkei.

Alex Napetschnig etwa preist mit unverkennbarem Schmäh sein Start-up Klash an, das persönliche Herausforderungen wie die Teilnahme am Marathon oder fünf Kilo Gewichtsverlust unter Freunden via Facebook offerieren will: "Lifestyle-Firmen können als Werbung auf die Challenges Preise aussetzen. " Der Österreicher hat in Barcelona studiert und sich dort mit einem Italiener und einem Türken zum Jungunternehmertrio vereint, das nun in Berlin residiert. Von den Angeboten für Start-ups in Deutschland ist er hemmungslos begeistert: "Ich könnte jeden Tag zu einer anderen Gründerveranstaltung gehen." Schon gibt es Befürchtungen, des Guten werde zu viel getan.

Gibt es womöglich bald mehr Geburtshelfer als Innovatoren, die mit einer Geschäftsidee schwanger gehen? Entsteht gar eine neue Blase, aufgebläht von übermäßigen Erwartungen? Alex Farcet, der die Berliner Dependance von Startupbootcamp aufbaut, reagiert auf solche Fragen verärgert: "Hier haben so viele tolle Leute super Ideen. Die Gründerzeit in Deutschland hat doch gerade erst begonnen." Deshalb sieht er einen riesigen Bedarf an Inkubatoren und Acceleratoren - Spezialisten für einzelne Branchen etwa oder lokale Zweigstellen in anderen Städten.

In München zum Beispiel. Auf dem ehemaligen Siemens-Gelände in Obersendling geht es zwar bedeutend betulicher zu als in den lässigen Berliner Hinterhöfen. Einlass erhält nur, wer den Code für das Drehkreuz kennt. Ein Hausmeister im graublauen Arbeitsmantel weist den Weg.

Nur marktnahe Unternehmen kommen durch

Doch im vierten Stock, hinter einer schweren Metalltür, vibriert der Gründergeist. Orcan Energy heißt die dort residierende Firma, die neuartige Minidampfkraftwerke für die Stromerzeugung aus Abwärme, etwa von Biogasanlagen, konstruiert. Die Seed-Phase hat das Unternehmen mit heute 15 Ingenieuren längst hinter sich gelassen. Statt um ein paar Zehntausend Euro für die Entwicklung einer neuen App ging es bei dem Greentech-Start-up im vergangenen Jahr um die ersten Millionen für die Entwicklung und den Bau von Pilotprodukten.

"Da hilft nur eines: hartnäckig dranbleiben", berichtet Geschäftsführer Andreas Sichert von seiner Erfahrung. Drei Jahre dauerte es, bis der Doktor der Physik sein Start-up "finanzierungsfähig" hatte. Dabei hätten er und seine Mitgründer sehr viel Unterstützung erfahren - vom Exist-Programm des Bundeswirtschaftsministeriums, der Wissensfabrik, von der Bayerischen Patentallianz, dem Inkubator UnternehmerTUM und den Gründerberatern anderer Universitäten: "Viele haben uns sehr pragmatisch und engagiert zur Seite gestanden."

Selbst Topmanager großer Konzerne und erfolgreiche Gründer hätten ihn bei der Suche nach dem richtigen Weg und einem Investor unterstützt. Bei den Führungskräften gebe es großes Interesse am Unternehmernachwuchs. Seine Erfahrung: "Mit der Bitte 'Können Sie mir helfen?' kommt man erstaunlich weit."

Im Mai 2011 gelang es Sichert mit Wellington Partners und der bekannten US-Venture-Firma Kleiner Perkins, die erste Finanzierungsrunde abzuschließen. Mittlerweile produzieren Pilotanlagen auf bayerischen Bauernhöfen Strom.

Damit hat Orcan Energy die größte Hürde beim Aufbau eines neuen Unternehmens überwunden. Denn während im Seed-Bereich mittlerweile ein großes Spektrum an Fördermöglichkeiten und Geldquellen existiert, tun sich Gründer beim Einwerben der ersten Million weiterhin schwer - besonders in kapitalintensiveren Bereichen wie Biotechnologie oder Cleantech.

Die erste Million ist die schwerste

"In dieser echten Start-up-Phase ist der Markt stark unterfinanziert. Deshalb engagieren sich die Finanziers sehr selektiv", sagt Bernhard Schirmers. Seit 20 Jahren baut er mit seiner SHS Gesellschaft für Beteiligungsmanagement junge Forschungsfirmen im Gesundheitsbereich auf und weiß: "Nur wirklich marktnahe Unternehmen kommen durch."

Solche wie die Regensburger Lipofit Analytic, in die SHS mit Partnern im vergangenen Jahr sieben Millionen Euro investierte. Die Diagnostikfirma kann anhand von Bluttests feststellen, ob ein Patient eine Spenderniere verträgt oder abstößt. Eine Methode, die den Betroffenen die bisher notwendige schmerzhafte Biopsie erspart, schnellere Therapien ermöglicht und zugleich viel Geld spart.

Sind die ersten Hürden genommen, dann geht es um echtes Wachstum - damit ein stattliches Unternehmen heranwachsen kann. Auch das funktioniert in Deutschland. Etwa bei Heliatek. Mitte März hat der Dresdner Hersteller von organischen Solarzellen seine Produktion eingeweiht. Stolz stehen Mitbegründer Martin Pfeiffer und der neue Geschäftsführer Thibaud Le Séguillon vor der grauen, 200 Tonnen schweren Vakuumanlage, Herzstück der Fertigung.

Weltweit einmalige Fabrik

Le Séguillon klopft gegen die grauen Container und sagt: "Da drin steckt eine völlig neue Technologie, die wir jetzt im industriellen Maßstab zum Laufen bringen müssen." Den französischen Manager haben die Heliatek-Gründer in China aufgespürt und für den Pionierjob ins Sächsische gelockt. Der Fertigungsexperte Le Séguillon hält den reibungslosen Betrieb der weltweit einmaligen Fabrik für seine größte Herausforderung.

Nun soll der CEO weitere 60 Millionen Euro an Risikokapital für den Ausbau der Fertigung auf 75 Megawatt Fotovoltaikkapazität pro Jahr beschaffen. Eine Menge Geld, doch der erfahrene Manager sieht ihr gelassen entgegen. Schließlich hätten die bisherigen Investoren, darunter Bosch und die Venture-Abteilungen von BASF und RWE, ihre Absicht erklärt, sich an der Expansion nach Kräften zu beteiligen: "Ich bin optimistisch, dass wir die Runde in diesem Jahr abschließen können."

    Eva Müller ist Redakteurin beim manager magazin. Dort erschien dieser Artikel zuerst.

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