Karriere-Sprech Diese Stellenanzeigen sind wirklich Stuss

"Leidenschaft und Offenheit definieren unseren Qualitätsanspruch" - und da soll man sich bewerben? Viele Stellenanzeigen faseln an den Interessen von Fachkräften vorbei. Ein Worst-of.

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Wie locke ich mehr Fachkräfte in mein Unternehmen? Die Frage treibt viele Geschäftsführer und Personalchefs um: Inzwischen werden nicht nur studierte Spezialisten dringend gesucht, auch in vielen nicht akademischen Berufen werden die Leute knapp, zum Beispiel in der Kranken- und Altenpflege.

Aber: Viele Arbeitgeber stellen sich bei der Suche ungeschickt an. "Wir haben festgestellt, dass viele Stellenanzeigen an den Interessen von Jobsuchenden mit Ausbildung völlig vorbeigehen", sagt Georg Konjovic, Geschäftsführer der Jobbörse Meinestadt.de.

In seinem Auftrag wurden in einer Umfrage gut 2000 Fachkräfte in nicht akademischen Berufen gefragt, was ihnen bei der Wahl eines Arbeitgebers wichtig ist. Auf den ersten fünf Plätzen: Ein sicherer Arbeitsplatz (für 63,7 Prozent sehr wichtig), die pünktliche Gehaltszahlung (60,3 Prozent), ein Job in der Nähe vom Wohnort (45,2 Prozent), gute Beziehungen zu den Kollegen (45,2 Prozent) und geregelte Arbeitszeiten (39,9 Prozent). Weit abgeschlagen dagegen: Gute Aufstiegschancen (23,1 Prozent) und ein überdurchschnittliches Grundgehalt (20,2 Prozent).

Alles nur Karriere

Kurz gesagt: Vor allem sorgen sich die Arbeitnehmer dieser Berufe um die Sicherheit ihres Arbeitsplatzes und die Verlässlichkeit des Arbeitgebers - Aufstiegschancen stehen für die Mehrheit nicht im Mittelpunkt. Auf die Idee könnte man aber kommen, wenn man Stellenanzeigen liest.

"Die gesamte Arbeitgeberkommunikation ist auf den Karrierebegriff fixiert: Karrierewebsites, Karrieretage und Karrierechancen", sagt Konjovic. "Vermutlich ist das für die akademisch ausgebildeten Führungskräfte ganz zentral." Aber so spicken sie ihre Stellenanzeigen mit vermeintlichen Pluspunkten, für die sich ihre Zielgruppe tatsächlich kaum interessiert. "Die Lebens- und Gedankenwelt von Fachkräften scheint ihnen in der Regel fremd zu sein."

Da wird für einen Fernfahrerjob mit der "Dynamik" und den "flachen Hierarchien" des Arbeitgebers geworben, für eine Stelle als Pommesverkäufer mit der Start-up-Mentalität der Firma. Wer soll sich davon angesprochen fühlen? Klicken Sie sich hier durch weitere Beispiele:

Die Ergebnisse passen zu einer Studie vom vorigen Jahr, die den generellen Hang zum Schwafeln in Stellenanzeigen beleuchtete. Vieles ist nichtssagend formuliert, es dominieren abstrakte Begriffe wie Bereitstellung, Erbringung, Identifizierung oder Finanzsteuerung. In einer einzigen Anzeige des Pharmaunternehmens GlaxoSmithKline fanden sich 86 Wörter, die auf -ung enden.

Dass dagegen gerade bei kleinen und mittelgroßen Unternehmen die Pünktlichkeit der Gehaltszahlung ein Thema sein könnte, kommt vielen Textern von Stellenannoncen offenbar nicht in den Sinn. Dabei ließe sich leicht herausfinden, was an einem Jobangebot wirklich attraktiv ist: Man fragt einfach die Mitarbeiter, die schon da sind.



insgesamt 51 Beiträge
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Olaf 29.09.2017
1.
Dummsprech ist eben überall, nicht nur in der Politik. Irgendwo müssen all die empathischen und sozial kompetenten Führungskräfte ja hin mit ihrer überbordenen Kreativität.
supergrobi123 29.09.2017
2. Machen wir uns doch nichts vor!
Die zentralen Kriterien sind doch in Wirklichkeit: Gehalt, Arbeitszeiten, Urlaubsanspruch.
Stäffelesrutscher 29.09.2017
3.
Lustig finde ich auch Anzeigen, in denen die Tarifgruppe des zu besetzenden Jobs genannt wird und dann die Floskel anschließt: »Bewerbungen unter Angabe Ihrer Gehaltsvorstellung ...«.
mikn1000 29.09.2017
4. Ich sehe das sehr prakmatisch
Als Arbeitnehmer tausche ich Zeit gegen Geld. Alles was auf unbezahlten Überstunden hindeutet, ein dickes Minus. Teamwork lässt mich auch immer böses fürchten. Sind die Abläufe wirklich so schlecht organisiert? Auch das fehlen eines Betriebsrates deuten auf erhebliche Mißtrauen gegenüber den Beschäftigten hin. Diesen Punkt hatte ich aber erst so ab Mitte 30 auf der Agenda. Sehr begrüßen würde ich es, wenn falsche Versprechungen in Stellenanzeigen und den Vorstellungsgesprächen als Grundlage für eine fristlose Kündigung durch den Arbeitnehmer reichen; verbunden mit mindestens einen Jahresgehalt als Entschädigungszahlung. Schließlich hat ja der Arbeitgeber ähnliche Möglichkeiten, wenn Unwahrheiten in der Bewerbung standen. Ich tippe viele Stellenanzeigen, werden dann automatisch ehrlicher.
taste-of-ink 29.09.2017
5.
Der Klassiker schlechthin ist die "leistungsgerechte Vergütung". Übersetzt: viel Arbeit für wenig Geld. Gerne verlangt auch: "hohe Flexibilität und überdurchschnittliches Engagement". Übersetzt: Überstunden und Wochenendarbeit sind bei uns die Regel, nicht die Ausnahme. Und die größte sprachliche Unverschämtheit in Stellenanzeigen (oder von Headhuntern bei Xing/LinkedIn) ist die "spannende Herausforderung". Auch wenn man noch so oft die Begriffe für eintönige Tätigkeiten missbraucht, macht das aus einem Tag als Sachbearbeiter im Büro noch lange keine Jungleexpedition.
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