Arbeit ohne Stress Aussteiger mitten in der Großstadt

Clemens Meyer hätte eine steile Karriere und das große Geld haben können, so wie seine BWL-Mitstudenten. Doch lieber verkauft er Dinge, die er mag, zu Zeiten, die ihm passen. Meyer bietet in seiner Hamburger Wohnung Stereoanlagen an. Und wünscht seiner Kundschaft mehr Muße.

Von Anja Tiedge

SPIEGEL ONLINE

Wenn Clemens Meyer morgens im Badezimmer steht, hat er einen guten Teil seines Arbeitswegs hinter sich. Der 48-Jährige verkauft hochwertige Musikanlagen, nicht in einem herkömmlichen Laden, sondern in seiner Wohnung im schicken Hamburger Stadtteil Eppendorf. Schaufenster und Laufkundschaft gibt es hier nicht. Wer zu Meyer will, braucht einen Termin, ein Faible für Klangqualität - und Geld: Die meisten Anlagen kosten zwischen 5000 und 20.000 Euro, vereinzelt verlassen Soundsysteme für einen sechsstelligen Betrag die Altbauwohnung. "Das kommt aber ganz selten vor."

Prahlen liegt Meyer nicht. Seine wohlhabenden Kunden empfängt der schlaksige Mann mit dem fluffigen grauen Haar in Jeans und Strickjacke, seine Outdoor-Schuhe wirken wuchtig auf dem empfindlichen Parkett. "Ich mag mich nicht in Anzug, Schlips und Kragen zwängen. Da komme ich mir verkleidet vor." Je natürlicher die Atmosphäre und er selbst, desto entspannter sei auch der Kunde.

Die Dielen quietschen, als Meyer durch den langen Flur geht. An dessen Ende liegen seine Privaträume. Alle anderen Zimmer sind Verkaufsfläche, überall stehen Verstärker, Plattenspieler und Boxen. Sie stammen von britischen Highend-Marken wie Linn und Naim, aber auch von kleinen Manufakturen, von denen noch kaum jemand gehört hat. Bis auf ein paar Sofas gibt es kaum Möbel. Auf einem platziert Meyer seine Kunden - mittlerweile nennt er sie Gäste -, drückt ihnen eine Fernbedienung in die Hand, dreht die Musik auf und lässt sie probehören.

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Top 5 und Flop 5: Work-Life-Balance im Ländervergleich
Reiche Käufer mögen die Wohnzimmeratmosphäre, sagt Meyer. "Aber Superreiche würden sich hier vermutlich nicht wohlfühlen." Er unterscheidet zwei Arten von Wohlhabenden: die Reichen, die das Hamburger Understatement pflegen und für die es sich nicht schickt, mit ihrem Vermögen zu prahlen. Und die Superreichen, zu Geld Gekommene, die mit ihrem Reichtum protzen. Zu Meyer kommen Erstere. "Viele Superreiche wollen einen schicken Laden, in dem ihnen die Verkäufer nach dem Mund reden. Sie interessieren sich oft nicht wirklich für Musik, sondern für Statussymbole."

Mit der Sackkarre ins Luxushotel

Um Unterschiede zwischen Anlagen herauszuhören, brauche man aber keine schicke Ladeneinrichtung, sondern Zeit und Ruhe. "Die hat man in großen Geschäften oft nicht." Zeit ist überhaupt ein großes Thema für Meyer, denn seine Kunden haben kaum welche. "Viele plagen dieselbe Probleme: zu viel Stress, zu wenig Zeit für sich." Die meisten leiten Unternehmen oder arbeiten im gehobenen Management, sie führen Hunderte Mitarbeiter und verantworten siebenstellige Budgets.

So wie der englische Manager eines Zigarettenkonzerns, der von seinem Arbeitgeber eingeflogen wurde, um ein paar Monate in Hamburg zu arbeiten. Übergangsweise wohnte er in einem Luxushotel, wo ihm sein Zimmer zu anonym war und die Musikanlage zu schlecht. Also wandte er sich an Meyer, kaufte ihm für einen fünfstelligen Betrag eine Anlage ab und ließ sie sich direkt aufs Zimmer liefern. "Die Leute in der Lobby haben schon komisch geguckt. Aber wenn der Kunde es wünscht, liefere ich die Anlage an ungewöhnliche Orte - auch mit der Sackkarre ins Hotel."

Gemeinsam mit dem Manager schloss er Geräte an und richtete Boxen aus. Es wurde spät, Meyer wollte noch ans Meer, um am nächsten Morgen surfen zu gehen. Der Geschäftsmann entließ ihn mit den Worten: "Ich beneide Sie, ich muss noch eine Vorstandsvorlage schreiben." Für Meyer war das einer dieser Momente, in denen er wusste: alles richtig gemacht.

Die meisten Kunden duzt er

Um ein Haar hätte er selbst die Manager-Laufbahn eingeschlagen, wäre selbst zu einem jener Gejagten geworden, für die der Tag 34 Stunden haben müsste. Meyer studierte International Management, viele seiner Kommilitonen fingen nach dem Studium bei Unternehmensberatungen oder Wirtschaftsprüfungen an. "Ich hatte mir mit dem Studium Zeit gelassen und war ein Jahr später als die meisten meiner Freunde fertig." Er sah, wie sie sich für ihren Arbeitgeber aufrieben und keine freie Zeit mehr hatten. "Da war mir schnell klar, dass ich das nicht will."

Musik war schon immer seine Leidenschaft. Neben dem Studium hatte er als Verkäufer für Musikanlagen gejobbt. Vor 17 Jahren fragte ihn ein englischer Markenhersteller, ob er seine Produkte in Deutschland vertreiben wolle. Meyer wollte, doch die Hamburger Mieten waren hoch - zu hoch für einen eigenen Laden. Als ein Kumpel ihn und seine damalige Freundin fragte, ob sie nicht seine große Wohnung in Eppendorf übernehmen wollten, kam ihm die Idee: Warum nicht Wohnung und Geschäft kombinieren?

Am Anfang hatte er Öffnungszeiten, doch Meyer merkte schnell, dass ihm das zu stressig wurde. "Gute Beratung braucht Zeit und Aufmerksamkeit, deshalb kann ich nicht drei Leute gleichzeitig bedienen. Außerdem musste ich mich ja selbst erst in die Branche einfuchsen." Also schaffte er die festen Ladenzeiten wieder ab. Heute nimmt er keine Termine an, wenn ihm der Job über den Kopf wächst. "Die Kunst ist, seine Arbeit immer wieder mit Distanz zu betrachten und zu schauen, ob die Work-Life-Balance noch stimmt", sagt er. Die meisten seiner Kunden hätten schlichtweg keine Zeit, um diesen entscheidenden Schritt Abstand zu halten.

Meyer weiß das, weil er viele Käufer gut kennt. Da er die Anlagen selbst aufbaut, fährt er zu ihnen nach Hause. Anfangs reden sie nur über Musik, später werden die Gespräche persönlicher. Die meisten duzt er mittlerweile, manchmal entwickeln sich echte Freundschaften. Ab und an besucht er seine Kunden spontan und erkundigt sich, ob sie mit der Anlage zufrieden sind. "Und am Ende manchen Abends rocken wir im Wohnzimmer zu den Stones ab."

  • Anja Tiedge (Jahrgang 1980) arbeitet als freie Journalistin in Hamburg.

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Seite 1
spannendezeiten 04.03.2014
1. Aussteiger?
eher brillianter Geschaeftsplan, aber mal ehrlich, ein bisschen Geld der Eltern muss da auch schon hinterstehen, sonst kann man es nicht ganz so gemuetlich angehen lassen ...
kanzlermacher 04.03.2014
2. Aussteiger?
Wieso Aussteiger? Der Kerl verkauft High-End-Anlagen für mehrere tausend Euro, d.h. er ist mittendrin im Superkapitalismus. Den muss man ja nicht verteufeln - jeder, wie er will - aber was hat das mit einem Aussteiger zu tun? Nur weil er die Produkte in seiner Wohnung verkauft und mit Strickjäckchen rumläuft, ist er doch kein Aussteiger.
wdiwdi 04.03.2014
3. Nein, garantiert kein Aussteiger
Zitat von kanzlermacherWieso Aussteiger? Der Kerl verkauft High-End-Anlagen für mehrere tausend Euro, d.h. er ist mittendrin im Superkapitalismus. Den muss man ja nicht verteufeln - jeder, wie er will - aber was hat das mit einem Aussteiger zu tun? Nur weil er die Produkte in seiner Wohnung verkauft und mit Strickjäckchen rumläuft, ist er doch kein Aussteiger.
Und er arbeitet außerhalb der normalen Geschäftszeiten, geht auch noch spätabends zu Kunden. Würde man das von einem MediaMarkt-Verkäufer verlangen, würde Verdi Zeter und Mordio schreien.
fraumüller 04.03.2014
4. absolut kein Aussteiger
... nur jemand der es anders macht und schlauer als die Meisten. Er trägt das volle Risiko der Selbständigkeit anstatt sich in die sichere Wohlfühlatmosphäre eines Angestelltendaseins zu kuscheln. Dafür hat er eben die Gewissheit, dass er sich nur selber ausbeutet, statt ausgebeutet zu werden. Und seine Branche ist ja auch alles andere als sicher; heutzutage wo alles über Preis und Minimalismus und Apple Styling verkauft wird, versucht er superschwere und superteure Panzerschränke zu verkaufen. Qualität statt Geiz, sowas will doch niemand mehr haben. Hut ab.
topas 04.03.2014
5. optional
Wie kanzlermacher schon schrieb: Der Typ ist kein Aussteiger. Er lebt quasi vom irrsinnigen Superkapitalismus. Er verkauft eine HiFi-Anlage zu einem Preis, der locker einem Jahr Hartz-IV entspricht, damit ein Manager etwas komfortabler im Hotel Musik hören kann. Dem LKW-Fahrer, der die produzierten Zigaretten quer durch Europa kutschen darf, wird aus logistischen Gründen der Heimatstop am Wochenende gestrichen und die Klimaanlage aus Kostengründen nicht repariert. Hauptsache, der Manager kann ein paar belangslose und sinnfreie Dokumente zusammen stellen und sich dabei von einer 20.000EUR-Anlage berieseln lassen, die er in einem anders gestalteten Verkaufsraum erworben hat. Im Artikel steht "An dessen Ende liegen seine Privaträume. Alle anderen Zimmer sind Verkaufsfläche". Der Logik nach ist das gesamte Krankenhaus auch die Wohnung des Bereitschaftsarztes, weil er ein Privatzimmer im Dachgeschoss hat. Der Musikladen hier um die Ecke auch, weil er in einer ausgebauten Garage eingerichtet wurde - mit Durchgang zum Privathaus. Im Prinzip ist der Verkäufer jemand, der eine große Wohnung in zwei Bereiche aufteilte, einen zur heimisch gestalteten Ladenfläche umfunktionierte (Standard-Marketing-Konzept, oft genug gesehen) und dann als Selbständiger arbeitet. Jeder Selbständige kann sich - je nach wirtschaftlicher Lage - entscheiden wann & wie lange er leben möchte. Wenn er einige Zeit nix verkauft hat (und das Konto leer ist) wird er auch den Surf-Termin absagen oder früh um 7 einen Kunden empfangen, wenn dieser es sagt.
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