Alternative Jobmesse "Bloß nicht den ganzen Tag im Business-Kostüm"

"Du kannst schon homophob sein, aber dann biste halt kacke." So das diesjährige Motto der "Sticks & Stones", die als schwul-lesbische Karrieremesse gestartet ist. Dabei geht es dort oft gar nicht um Geschlechterfragen.

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Als das Gespräch zu Ende ist, hat Nora keinen neuen Job, aber ein Tattoo. Ein rotes Herz mit zwei Flügeln und einem W mittendrin. W steht für Wooga, es ist der Name der Firma, für die sie gern arbeiten würde. Wooga stellt Social Games her, Browserspiele, bei denen man Limonadenbüsche pflanzt und Stachelbälle erntet. Nora, 28, ist keine Programmiererin, sie hat Bildungswissenschaften studiert und sich als Lerncoach selbstständig gemacht. Aber bei Wooga arbeiten nicht nur Informatiker, sondern auch Feel-Good-Manager, und das ist ein Job, der Nora gefallen würde.

Eine der Feel-Good-Frauen hat Nora das Tattoo verpasst, ein Rubbelbild, das angefeuchtet auf die Haut gedrückt wird. Wenn man genau hinsieht, schmiegt sich an das Herz ein Unendlich-Zeichen in Regenbogenfarben, eine Acht mit einem Pfeil und einem Plus - den Zeichen für männlich und weiblich. Ein versteckter Hinweis darauf, dass dies keine gewöhnliche Karrieremesse ist. "Du kannst schon homophob sein, aber dann biste halt kacke", ist das diesjährige Motto.

Kaum Fragen nach dem Outing

Die "Sticks & Stones" wurde gegründet als Messe für LGBTI-Jobsucher, das Kürzel steht für Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender and Intersexual. Nora ist heterosexuell, sie sucht einen Job in Berlin, weil ihr Freund hier eine Stelle gefunden hat. Warum ist sie zur "Sticks & Stones" gekommen? "Es war die erste Karrieremesse, die zeitlich gepasst hat." Homo oder hetero? Das spielt für die meisten Messebesucher gar keine Rolle. An vielen Ständen stehen schwule oder lesbische Mitarbeiter, die auch Fragen zu ihrem Outing in der Firma beantworten würden - es fragen aber nur wenige danach.

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Homosexuelle im Job: Ausgrenzen lassen wir uns nicht
"Das ganze LGBTI-Ding ist ja nur ein Teil unserer Message", erklärt Messegründer Stuart Cameron. "Wir wollen, dass jeder oder jede so angenommen wird, wie er oder sie eben ist. Auch der kleine Nerd, der bei der Kaffeepause nicht so gesprächig ist oder die zutätowierte Beraterin, die eben nicht den ganzen Tag im Businesskostüm rumlaufen will."

Im Kostüm sieht man hier niemanden. Mehr als 2000 Leute sind gekommen, mit Rastazöpfen und Hunden, Turnschuhen und Jutebeuteln. Samar Kablawi, 36, und Sebastian Pollin, 28, würde man auf herkömmlichen Karrieremessen nicht treffen, viel zu steif seien die, sagt Pollin. Seine Rastazöpfe hat er mit einem Tuch zurückgebunden, er trägt einen Nasenring und geweitete Ohrlöcher. Die Visagistin und der Fotograf haben auf Facebook von der Messe erfahren, es gefällt ihnen gut: "Hier kann man einfach kommen, wie man ist." Mit einem Mitarbeiter einer Werbeagentur hat Pollin sich länger unterhalten, sie suchen einen Art Director, das wäre vielleicht was.

Die Vorkämpfer treten in den Hintergrund

Die Musik ist laut, der Matetee schwer koffeinhaltig, und jeder trägt ein Schildchen mit seinem Vornamen und der Frage "Wanna talk?", willst du reden? Vielleicht sehen so Karrieremessen der Zukunft aus.

Knapp 70 Unternehmen präsentieren sich auf der "Sticks & Stones", mehr als jemals zuvor. Doch wo viele sein wollen, wird es eng. Und so sind ausgerechnet die beiden wichtigsten schwul-lesbischen Lobbygruppen kaum zu finden. In der kleinsten und mit Abstand stickigsten Halle stehen hinter dem wuchtigen Stand von Coca-Cola an zwei schmalen Tischchen die Vertreter des Völklinger Kreises, des Bundesverbandes schwuler Führungskräfte, und der Wirtschaftsweiber, des lesbischen Pendants. Als die Messe noch "Milk" hieß, nach dem berühmten Schwulenaktivisten Harvey Milk, war der Stand für sie gratis, jetzt müssen auch die NGOs zahlen - und nehmen, was es für die günstigste Standmiete gibt.

Wenn man Messegründer Stuart Cameron fragt, warum Deutschland eine Messe wie die "Sticks & Stones" braucht, erzählt er gern die Anekdote, wie eine Personalerin am Telefon sagte: "Bei uns gibt es keine Schwuchteln." An vielen Messeständen bekommt man ähnliche Antworten. Thomas Weber, 30, Unternehmensberater bei McKinsey, erzählt von der Frau im Reisebüro, die extra noch mal nachfragte "Das Doppelzimmer ist für sie beide?" - und dann betreten schwieg. Und Lars Pütz, Anwalt bei Hogan Lovells, berichtet von einem Rechtsanwalt, der ihm einen Job anbot mit den Worten: "Wir mögen bunte Vögel."

Offenbar kann sich sogar auf einer LGBTI-Messe jemand beleidigt fühlen - dann nämlich, wenn sie für eine Lesbe gehalten wird. Karin Windt und Sina Maass ernten jedenfalls auch böse Blicke für ihre Wirtschaftsweiber-Flyer. "Ich glaube", sagt Windt, "es dauert noch 40 Jahre, bis wir keine 'Sticks & Stones' mehr brauchen."

  • Autorin Verena Töpper (Jahrgang 1982) ist KarriereSPIEGEL-Redakteurin.

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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
schlachtross 01.07.2014
1. Gratulation!
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINE"Du kannst schon homophob sein, aber dann biste halt kacke." So das diesjährige Motto der "Sticks & Stones", die als schwul-lesbische Karrieremesse gestartet ist. Dabei geht es dort kaum noch um Geschlechterfragen. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/sticks-stones-bericht-von-der-jobmesse-fuer-lgbt-a-978186.html
Die 'Wirtschaftsweiber' (so nennen sie sich ja wohl selber) auf dem letzten Photo haben ihr Ziel erreicht: man kann an ihnen nicht feminin-apartes mehr erkennen, stattdessen sind sie so hässlich wie der durchschnittliche Mann. Ein großer Fortschritt!
C3PO 02.07.2014
2.
Liebe "Wirtschaftsweiber", mal dran gedacht, dass es an Eurem Namen liegt, dass manche Frauen nicht mit Euch in Verbindung gebracht werden wollen? Falls Ihr damit "provozieren" wollt: das ist doch total 80er. Gebt Euch einen vernünftigen Namen, der Völklinger Kreis kann es doch auch! Bittedanke.
klausbaerbel 02.07.2014
3. halt Kacke
sag habt Ihr in Eurer Dekadenz so rein gar nichts zur Beseitigung des Elends auf dieser Welt beizutragen ? Browser-Spiele und Werte-Bashing passen ja ganz gut zusammen. Klingt mir irgendwie wie Arbeitslager...
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