Alternative Jobmesse Sei, wie du bist - aber zieh das Piercing aus

Auf der "Sticks & Stones" in Berlin dürfen nur Unternehmer ausstellen, die sich für Schwule, Lesben und Transsexuelle engagieren. Das Motto: Sei, wie du bist. Doch damit tun sich viele Firmen noch schwer.

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"Einhörner sind einzigartig", sagt Stuart Cameron und schiebt seinen Arm in eine Einhorn-Gummimaske, die ihn mit aufgerissenen hellblauen Augen anstarrt. Deshalb sind Einhörner das Motto der Karrieremesse "Sticks & Stones" in Berlin: "Be Proud, Be Different, Be a Fucking Unicorn". Auf Deutsch: Verstell dich nicht, um zu deinem Arbeitgeber zu passen.

Cameron, 36, hat die Messe vor sieben Jahren gegründet. Sie richtet sich an LGBTI-Jobsucher, also an Schwule, Lesben, Bi- und Transsexuelle - und auch an Heteros. Hier will man niemanden ausschließen. Jeder soll sein dürfen, wie er ist.

Im ersten Jahr kamen nur acht Firmen. Damals seien die meisten Vertreter zwei Schritte zurückgewichen, als er sie für die Messe gewinnen wollte, erzählt Cameron. Mittlerweile zieht die "Sticks & Stones" auch Konzerne an, die als eher konservativ und etabliert gelten. Mehr als hundert Firmen sind diesmal dabei, darunter Allianz, PricewaterhouseCoopers, Axa, McKinsey, Bayer.

Sie dürfen hier ausstellen, weil sie sich für ihre homosexuellen Mitarbeiter einsetzen, weil sie das Schlagwort Diversity für sich entdeckt haben. Viele haben LGBTI-Netzwerke gegründet und machen bei Gay-Pride-Paraden mit. Sie wollen modern, tolerant und attraktiv sein für hoch qualifizierte Bewerber, egal ob schwul oder was auch immer.

Doch wie ernst nehmen die Unternehmen das Motto, dass am Arbeitsplatz wirklich nur die Fähigkeiten zählen? Dass jeder sich geben und damit auch kleiden darf, wie er will, ganz ohne Zwang?

Rosafarbener Anzug? Geht gar nicht!

"Als ich angefangen habe, gab es fast nur dunkle Anzüge", sagt Reiner Wolf, der seit 1998 bei der Allianz arbeitet. Jetzt lockere sich das. Der Vorstandschef der Allianz SE, Oliver Bäte, sei bei der Hauptversammlung im Mai in roten Turnschuhen aufgetreten, erzählt Wolf stolz. Und man sehe mehr Mitarbeiter ohne Krawatte.

Doch Grenzen und Tabus leben trotzdem weiter. Und sie sind meist dort besonders starr, wo es um den Kundenkontakt geht. Man müsse sich auf den Kunden einstellen, sagt Wolf. Banken und Versicherungen seien eben nicht vergleichbar mit Start-ups. Einen offiziellen Dresscode gebe es bei der Allianz aber nicht.

Auch bei der Unternehmensberatung McKinsey will man von einer Kleiderordnung nichts wissen. Doch wie sich die Mitarbeiter kleiden, dazu möchte sich keiner der Messevertreter und selbst die Pressestelle nicht offiziell äußern.

Claus Scharrenbroch vom Personalmarketing der Targobank sagt deutlicher, was nicht geht. Ein rosafarbener Anzug für Männer zum Beispiel. Die meisten Kunden bewerteten eben nicht nur die Persönlichkeit des Bankberaters, sondern auch sein Auftreten. Deshalb stelle die Bank keine Berater mit auffälligen Piercings und Tattoos ein. "So weit ist die Gesellschaft noch nicht", sagt Scharrenbroch.

Das Versicherungsunternehmen Axa sieht sich als Vorreiter. Wer durch seine Fähigkeiten überzeuge, kriege auch mit Tattoos und Rastas einen Arbeitsvertrag, sagt Personalchef Jörg Schmidt. "Es gibt nichts, was nicht geht." Kunden seien deshalb noch nicht abgesprungen. Wem das nicht gefalle, der könne ja zu einem anderen Berater wechseln. "Wir brauchen die Vielfalt im Unternehmen für die Vielfalt da draußen", sagt Schmidt.

Auch bei der Allianz sei das denkbar, aber "als fernere Version", sagt Mitarbeiter Björn Weißenborn. Und die Messe lässt den Unternehmen Zeit, ihre Grenzen langsam abzubauen. Die meisten Besucher tragen Jeans oder Shorts, ein paar Anzugshemden sind darunter. Kaum jemand fällt auf. Bei so braven Bewerbern ist es nicht schwer, sie zu akzeptieren, wie sie sind - mit eventuell kleineren Anpassungen.

insgesamt 30 Beiträge
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nasicherdoch 03.06.2016
1. Sollte ein Jobsucher...
ein so grosses Piercing tragen, dass er es aus- und anziehen kann, ist eine gewisse Skepsis der Personalchefs natürlich nachzuvollziehen. Zum Glück tragen wohl die meisten Piercingträger so kleine "Stechlinge", dass sie diese einfach abnehmen können. Daran sollte sich aber bitte kein Personalchef stören, der morgens seine Krawatte, Brille, Armbanduhr etc. anzieht.
flieder2 03.06.2016
2. Verstell dich nicht, um zu deinem
Arbeitgeber zu passen! Ja, ich suche mir meinen Arbeitgeber selbst aus und ich würde mich nicht bei jeder Firma bewerben. Klar! Ich muss mir aber auch immer darüber im Klaren sein, dass mein Arbeitgeber mich für eine Position ( Einkäufer, Consulting, Verkauf ect. sprich mein Know-how ) bezahlt und meine Persönlichkeit zweitrangig ist. Es gibt nun mal Kleiderordnungen, Jobs in denen offensichtliche Tattoos verpönt sind, das muss ich als Arbeitnehmer AKZEPTIEREN. Heute werden viele Menschen schlecht sozialisiert, jeder sieht sich als Selbstdarsteller und im Falle von Homosexualität will er das auch rüberbringen. FAlsch!!! Ich spiele eine Rolle, die Rolle des z.B. EInkäufers. Und ob ich Bi bin, muss ich keinem Geschäftspartner durch "Symbole" oder sonstige Äußerlichkeiten gleich vermitteln.
ödelgür 04.06.2016
3. ...
"Deshalb stelle die Bank keine Berater mit auffälligen Piercings und Tattoos ein. "So weit ist die Gesellschaft noch nicht", sagt Scharrenbroch. " Aha. Aber dabei mithelfen, dass sie bald soweit ist, wollen sie anscheinend auch nicht. Heuchler.
feurig 04.06.2016
4.
Wie relevant sind die sexuellen Präferenzen für die Jobsuche? Mit solchen Veranstaltungen tut man sich keinen Gefallen - außer diejenigen, die direkt davon finanziell profitieren.
Miere 04.06.2016
5. Ich hatte vor 20 Jahren schon in meiner Sparkasse
in einer Universitätsstadt eine Bankberaterin mit rosa Haaren. Leider habe ich seitdem nie irgendwas annähernd ähnliches gesehen. Ich schätze mal, beim Dresscode geht es weniger um die Kunden, sondern mehr darum, im Bewerbungsgspräch dem Personaler zu zeigen, dass man zu einer bestimmten Klasse gehört und deren Umgangsformen beherrscht, inclusive eben Dresscode. Wenn das anders wäre, würde der Dresscode im Innendienst ja wohl nicht gelten.
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