Strafgefangene als Unternehmer Gründen hinter Gittern

Einige wissen schon, wie man Ware verkauft. Drogen zum Beispiel. Nun sollen Häftlinge eine zweite Chance erhalten. Der Münchner IT-Experte Bernward Jopen und seine Tochter Maren Frowein machen sie fit für die Firmengründung. Der Argwohn ist groß: Können aus Gefangenen redliche Unternehmer werden?

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Robert Brembeck

Wenn Fabian, 27, davon spricht, was einmal sein Arbeitsalltag sein könnte, neigt sich sein breiter Oberkörper ein Stück nach vorn. Mit der linken Hand malt er Zahlen in die Luft, unter dem Ärmel seiner blauen Kluft ragt ein Tattoo hervor. Fabian ist ausgebildeter Koch, er hat eine Fortbildung zum Ernährungsberater und draußen eine Freundin, die Physiotherapeutin ist. Zusammen mit ihr will er ein Rundum-Sorglospaket für Senioren anbieten. Kochkurse, Fitnesstraining, Massage - alles unter einem Dach, für Kunden aus München. Einen Privattrainer, so denkt er, können sie sich dort noch leisten. Fabian strahlt, er spricht von "Edelsenioren", von "Kundenkontakt" und einer "Win-win-Situation".

Seit zwei Jahren sitzt er in der JVA Landsberg am Lech im Erstvollzug. Sein Delikt: schwere Körperverletzung im Rausch. Wenn er rauskommt, soll alles anders werden. Fabian ist einer von sieben Teilnehmern eines deutschen Pilotprojekts, das Strafgefangene zu erfolgreichen Unternehmern machen will.

Seit Anfang Januar haben die bayerischen Häftlinge zweimal pro Woche wirtschaftliche Grundlagen gepaukt, haben von Experten gelernt, wie eine Marktuntersuchung funktioniert, was eine Abschreibung ist und wie man unternehmerisches Potential aus sich heraus holt. Sie haben Tagebuch geschrieben, ihr Wertesystem überprüft, eine Traumgeschichte verfasst und gelernt, wie man bei einem Vorstellungsgespräch mit einer Haftstrafe umgeht. Und schließlich haben sie mit Hilfe von Studenten Münchner Universitäten Business-Pläne entwickelt.

50.000 Euro, damit Sträflinge das Wirtschafts-Einmaleins lernen

Bei der Abschlussveranstaltung des Programms "Leonhard - Unternehmertum für Gefangene" hat Fabian nun sieben Minuten Zeit, um eine Expertenrunde davon zu überzeugen, dass die Münchner auf seine Geschäftsidee gewartet haben. Innovationsberater Rolf Happel hat in seinem Leben schon viele Business-Pläne gesehen. Fabians Idee findet er hervorragend, die Überlegungen zur Kundenakquise noch unausgegoren. Der Sträfling notiert sich die Kritikpunkte auf einen Block. Zu gewinnen gibt es nichts, außer einem Lob vom Chef - und dem Gefühl, dass es aufwärtsgeht.

Fabian ist Bernward Jopens bester Mann. Damit Häftlinge wie er eine zweite Chance bekommen, hat der 67-Jährige zusammen mit seiner Tochter knapp 50.000 Euro aus eigener Tasche investiert. Der IT- und Telekommunikationsexperte hat stahlblaue Augen und die Gelassenheit eines Menschen, der tut, was er für richtig hält. Jahrelang hat Jopen Firmen aufgebaut und beraten, am Gründerzentrum "UnternehmerTUM" der Technischen Universität München hat er Studenten fit für den Arbeitsmarkt gemacht.

Warum also im Gefängnis neu anfangen? "Ich mag Herausforderungen", sagt Jopen. Vor zwei Jahren las er einen Artikel über das "Prison Entrepreneurship Program" (PEP) in Texas, verbrachte einige Wochen dort im Knast - und war vom Erfolg des Programms begeistert. Von 600 Häftlingen, die Business-Kurse besucht haben, haben viele ein Unternehmen gegründet, fast alle fanden innerhalb von drei Monaten eine Stelle. Die Rückfallquote sank auf zehn Prozent - üblich sind in den USA 50 bis 70 Prozent.

Das überzeugte auch Maren Frowein, Jopens Tochter. Um das texanische Modell auf Bayern zu übertragen, hat sie ihre Karriere im Marketing einer großen Telekommunikationsfirma abgebrochen. Sozial engagiert hatte Frowein, 32, sich bis dahin noch nicht. "Es ist ein wärmendes Gefühl, etwas zu geben", sagt sie jetzt.

Die Gefängnisleiterin ist skeptisch

Vom unternehmerischen Talent der Verurteilten ist sie überzeugt. "Häftlinge sind problemlösungskreativer als andere Menschen", so Frowein. Sie hätten kaum Angst davor, auf die Nase zu fallen. Seien dankbar für eine Chance, eifrig bei der Sache. Einige habe man regelrecht wachgeküsst. Gute Laune habe es im Kurs fast immer gegeben. "Zwei Stunden Gefängnis heilen dich, wenn du schlecht drauf bist", sagt Maren Frowein.

Ob Zahnschienen oder Tapeziergerät - manche Ideen der Häftlinge treffen eine Marktlücke. Dass aus Straftätern redliche Unternehmer werden können, glauben aber vor allem jene nicht, die seit Jahren in der Landsberger Anstalt arbeiten. JVA-Leiterin Monika Groß trägt Leopardenrock und in der Hand einen schweren Schlüsselbund. Davon, dass das bayerische Justizministerium ihr Gefängnis als Experimentierfeld ausgewählt hat, war sie zunächst wenig begeistert. Es bedeutete personellen und finanziellen Mehraufwand. Außerdem, so prophezeite sie, würden die Männer den Unterricht ohnehin nicht durchziehen.

Wenig später sprach Juristin Groß von Naivität, Unternehmer Jopen von einem kulturellen Problem: "Die Mentalität, dass man Gefangenen etwas zuwendet, gibt es in Deutschland nicht", sagt er. Mittlerweile, sagt Groß, sei sie "neutral". Die Gefangenen kenne sie eigentlich überhaupt nicht. Ihr Büro liegt einige Schließtüren von den Zellen entfernt.

In sechs Wochen sprangen sieben Häftlinge ab

Tatsächlich ist Jopens Gründer-Gruppe sehr klein: Nur 48 von 570 Gefangenen kamen durch die Vorauswahl der Gefängnisleitung. Sie mussten Deutsch sprechen, eine Resthaftdauer von unter 30 Monaten haben - und durften weder Sexualstraftäter noch Serienbetrüger sein.

20 Häftlinge erschienen bei der Infoveranstaltung, elf wählten Jopen und Frowein aus, nach sechs Wochen blieben vier übrig. Drei weitere mussten rekrutiert werden. Doch die überschaubare Truppe ist mit Begeisterung dabei. Ob sie den beruflichen Wiedereinstieg schaffen? Es ist Jopens oberstes Ziel.

"Ich bin der Gründer von Day & Night. Zwei Gastrokonzepte in einem Lokal: tagsüber Kunst, abends Salsa", so stellt Jörg sein Konzept vor. Der gelernte Kaufmann hat schon einige Kneipen geführt. Ahnung davon habe er nie gehabt. Nach dem Kurs fühlt er sich sicherer.

Warum er einsitzt? "Versuchter Totschlag wegen Unterlassung", sagt Jörg. Er habe sich mit einem Betrunkenen geschlagen, den Mann am Boden liegengelassen. Draußen war es eiskalt. "Ich schau doch nicht mehr, wie's dem geht", sagt er. 2014 kommt er raus. Dann will er Lkw fahren, um Geld zu verdienen für die Kneipe.

Sein Kollege Markus spart schon in Haft. Er will einen Essens- und Einkaufsservice für Rentner aufbauen. Als Altenpfleger kann er nicht mehr arbeiten, er hat Drogen im Marktwert von 70.000 Euro verkauft - und nun einen Eintrag im Bundeszentralregister.

Die Gefängnislehrer glauben nicht an die Insassen

"Wer kriminelle Energie hat, wird sie nicht mehr los", sagt Mario Lattermann. Der Gefängnislehrer glaubt nicht an das positive Unternehmer-Potential der Häftlinge. Damit der Kurs stattfinden konnte, musste er als Aufpasser Zusatzdienste schieben. Nach dem, was er dabei gehört hat, befürchtet er, dass die Häftlinge nun "noch gewiefter" sind: "Man gibt ihnen gefährliches Rüstzeug an die Hand." Auch sein Kollege Peter Fuchs glaubt nicht an die Insassen: "Wer weiß, wie er schnell 10.000 Euro verdienen kann, der geht doch nicht malochen."

Fuchs und Lattermann entscheiden mit, ob das Leonhard-Programm weitergeht. Die JVA wird ein Gutachten schreiben, weitere Berichte kommen von Psychologen und dem Lehrstuhl für Entrepreneurship der TU München. Dort ist man optimistisch. Am Ende wird das Bayerische Justizministerium entscheiden, ob das Projekt weitergeht - und die Häftlinge auch eine Nachbetreuung bekommen.

Doch wann gibt es ein Ja? Die Nachhaltigkeit von Umdenkprozessen ist schwer einzuschätzen, das Misstrauen aus der Anstalt groß. "Nicht die Messbarkeit der Rückfallquote interessiert uns", sagt Kord Lemke vom Bayerischen Ministerium für Justiz und Verbraucherschutz. "Wichtig ist, dass wir den Eindruck bekommen, dass die Sträflinge substantielle Impulse für ihre berufliche Wiedereingliederung erhalten haben." Das heißt: Kennen sie mehr als den Weg zum Arbeitsamt? Wissen sie, an wen sie sich bei Problemen wenden können? Haben sie gelernt, im Bewerbungsgespräch richtig aufzutreten und neuen Mut gewonnen? "Entscheidend ist der Rückenwind", sagt Lemke.

Jopen und Frowein haben ihn in jedem Fall. Sollten sie in Bayern mit ihrem Projekt nicht expandieren können, wollen die Sozialunternehmer es eben in einem anderen Bundesland versuchen. "Gründermentalität", sagt Jopen.

Katrin Kuntz (Jahrgang 1982) ist freie Journalistin in München.




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Seite 1
calido46 29.06.2011
1. Ist
doch toll: was ein Betrüger vorher noch nicht wußte - jetzt wird es ihm beigebracht (lt. Aussage dürfen ja nur SERIENbetrüger nicht teilnehmen). Das impliziert aber, daß teilnehmen darf, wer wegen Steuerhinterziehung, Unterschlagung usw. einsitzt. Wann gibt es Karatekurse für Gefangene, die wegen Körperverletzung einsitzen?
Leser161 29.06.2011
2. Zweifel
Sorry, aber was soll denn das? Unternehmer sein ist nun mal nicht so die einfachste Sache, sonst würd das ja jeder machen. Aus dem Gefängnis kommen und nicht rückfällig zu werden, ist scheinbar auch nicht so einfach, siehe die Rückfallquoten. Und jetzt will man zwei schwere Sachen kombinieren und das soll funktionieren? Na da hat sich der werte Herr aber ein tolles Geschäftsmodell ausgedacht um an unsere Steuergelder zu kommen. Am interessantesten, welcher Beamte hat das genehmigt? Wer hat sich Gedanken über die Wirksamkeit gemacht? Oder sind wir schon in Griechenland?
Boesor 29.06.2011
3. -
mal schauen was das SPON Forum so vom resozialisierungsgedanken hält. Vermutlich nichts, wäre ja noch schöner, nicht wahr...
carsonlau 29.06.2011
4. na bravo
das nennt man gezielt Förderung einer verdienten Zielgruppe. Einem arbeitslosen Bekannten von mir (Betriebswirt) wurde ein SAP - Lehrgang abgelehnt, weil es sich bei ihm mit 50 Jahren die Kosten nicht mehr rechtfertigen liessen.
nemetico, 29.06.2011
5. Unternehmer als Strafgefangene: Zocken hinter Gittern
Die Frage ist doch eigebtlich umgekehrt viel sinnvoller: können aus Unternehmern, z.B. Bankern (die redlichen Kleinunternehmer sind nicht gemeint) auch Strafgefangene werden? Sie könnten - nach vorheriger gründlicher Enteignung - ihre Leidenschaften an PC-gestützten Computersimulationen dann zur Entwöhnung ausleben, bis sie dutzende virtueller Welten ruiniert haben, und der Gesellschaft wäre ein nützlicher Dienst erwiesen. Aus den Mittel gestrichener Staatsschulden bankrott gefahrender Staatsschulden liessen sich die kreativsten Resozialisierungsmaßnahmen finanzieren (wär gar nicht teuer).
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