Straßenkoch in Bangkok Ich koche Nudeln, weil es mich glücklich macht

Als seine Frau ihn verließ, ertränkte er seinen Frust im Suff. Dann wurde Samuel Montassier Koch in Bangkok. Heute verkauft er Nudeln an einer stinkenden Straßenkreuzung. Das macht ihn nicht reich, aber glücklich - selbst im dicksten Smog.

Von

Marcel Klovert

Samuel Montassier ist Franzose. Er ist Koch. Er ist berühmt. Wenn er an einer Straßenkreuzung mitten in Bangkok, umhüllt von Abgaswolken, thailändischen Nudelsalat zubereitet, bleiben Passanten stehen und staunen. Montassier ist vielleicht der einzige farang, der einzige Weiße, unter den unzähligen Straßenköchen, die in Thailands Hauptstadt Nudelsuppe, Bratreis oder Fleischspieße verkaufen. Seine Spezialität: yum woonsen, Glasnudelsalat. "Aloy, aloy!" - "Lecker, lecker!"

Der 43-Jährige steht hinter einem Karren auf Rädern und preist in thailändischem Singsang seine Ware an. Er trägt eine bunte Schürze, ein feines Leinenhemd, blaue Jeans. Er ist groß und hager, sein Haar ist grau, seine Nase so lang und spitz wie sein Kinn. Montassier fällt auf hier in Chinatown, wo er seit zwei Jahren fast jeden Tag Passanten verköstigt. Und er weiß es. "Ich bin sehr beliebt", sagt er, grinst verschmitzt und posiert schon wieder für die Kamera eines Touristen.

Seine Tage waren nicht immer so kurzweilig. Montassier und seine Frau handelten einst mit Kinderkleidung, kauften sie billig in Thailand ein und erzielten in Frankreich einen vielfachen Preis. Dann zerbrach die Ehe, die Frau verließ das Land, aber Montassier blieb in Chinatown und gab sich mit Reisschnaps die Kante - eben an jener Straßenecke, an der er heute Nudeln kocht. Das war vor neun Jahren.

Delikatessen an der stinkenden Kreuzung

Drei Schulmädchen laufen an Montassiers Stand vorbei, zögern. Das ist sein Einsatz. "Yum woonsen? Aloy, aloy!" Flink wirft er drei Wurststücke, einen halben Hühnerfuß, zwei Garnelen und drei Pilze zu den Nudeln ins kochende Wasser. Dann mischt er Fischsoße, Chili, Honig, Zitronensaft mit zwei Löffeln seiner geheimen Vinaigrette, verrührt alles zusammen in einer silbernen Schüssel. Zuletzt schlägt er einen Kochlöffel schwungvoll gegen drei Schüsseln, kläng, kläng, kläng, tunkt ihn in die Nudelsoße und reicht diese einem der Mädchen zum Kosten. Er verbeugt sich: "Gut so?" Das Mädchen nickt. Montassier probiert auch, wie immer. Er schaut zufrieden. "Vielen Dank!" Zum Abschied legt er die Handflächen vor der Brust aneinander und senkt den Kopf. Hinter ihm schieben sich Taxis, Busse, Tuktuks und Mopeds über die stinkende Kreuzung.

Als er kein Geld mehr für Reisschnaps hatte, jobbte Montassier als Tellerwäscher, dann heuerte der gelernte Fleischer bei einem Metzger in Chinatown an. Danach kochte er in einem Nobelrestaurant Haifischflossen, lotste Touristen ins Lokal. Er verdiente gut, wohnte bequem, bis es Ärger mit anderen Angestellten gab. Warum? Darüber möchte Montassier nicht sprechen.

In Europa sind die Menschen reich, aber nicht zufrieden

Der Franzose weiß, dass es manchmal besser ist zu schweigen. Wie viel verdient er an den Nudelsalaten, die umgerechnet ca. 1,50 Euro pro Portion kosten? "Genug, um glücklich zu sein." Warum hat er eine Stand-Lizenz, obwohl Ausländer in Bangkok eigentlich kein thailändisches Essen verkaufen dürfen? Weshalb müssen andere regelmäßig ausreisen, damit ihre Aufenthaltserlaubnis verlängert wird, er aber nicht? Montassier antwortet nur: "Es ist mein größter Traum, immer in Thailand leben zu können." Es hilft, dass er bekannt ist.

Die thailändische Presse hat schon über ihn berichtet, russische, amerikanische, japanische Fernsehteams waren da. Wenn er plötzlich verschwände, würden ihn zahlreiche Stammkunden vermissen. Eine thailändische Ex-Freundin hatte die Idee mit dem Nudelstand. Ursprünglich nur eine Notlösung. Zuvor hatten die beiden im Nordosten des Landes neun Monate lang Maniok angebaut. Das ist eine stärkehaltige Knollenpflanze. Sie lebten in einer Bambushütte ohne Strom und fließendes Wasser, schufteten täglich auf dem Feld. Am Ende hatten sie fünf Euro verdient. "Ich habe geweint", sagt Montassier. "Aber eines gelernt: zu überleben."

Am liebsten würde Montassier nie wieder nach Hause zurück. In Europa sei alles kompliziert, da könne man nicht einfach auf dem Bürgersteig kochen. Außerdem seien die Steuern so hoch. Und obwohl die Menschen einen Fernseher, ein Auto, ein Haus und vieles mehr besäßen, seien sie doch nicht zufrieden. "Hier braucht man nicht viel, das mag ich", sagt Montassier. Er raucht thailändischen Bauerntabak, der nur ein paar Cent kostet. Abends isst er für einen Euro auf dem Markt und zahlt jeden Monat nur 50 Euro Miete. "Es ist ein einfaches Leben, aber ich bin glücklich."

All seine Ersparnisse trägt Montassier am Körper: zwei Goldringe und eine goldene Kette. Und wenn er mal mehr braucht? Wenn er mal krank wird? Wenn er mal alt ist? "Darüber denke ich nicht nach." Es wird weitergehen, so wie es bisher immer weiterging. Außerdem hat er schon so viele Visitenkarten gesammelt, seit er Straßenkoch ist, von Leuten aus Mexiko, Monaco, Singapur... Er wird sich einfach wieder auf seinen größten Trumpf verlassen: "Die Menschen mögen mich."

Zu den Autoren
  • Marcel Klovert
    Indien, Guatemala, Indonesien: Heike und Marcel Klovert waren zunächst mehrere Monate mit dem Rucksack unterwegs, dann verbrachten sie ihre Elternzeit in Asien. Kurz nach Weihnachten 2013 waren sie mit ihrem kleinen Sohn Tom nach Thailand aufgebrochen, 20 Monate reisten sie. Ihre Abenteuer unterwegs lesen Sie in Toms Blog.
  • Travelling Tom
Kulturschock

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insgesamt 86 Beiträge
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Seite 1
mannilli 08.12.2014
1. Toll!
Alles Gute aus Hamburg nach Thailand :) Weiter so!
geando 08.12.2014
2.
Sehr symphatischer Mann. Schön, das er seinen Weg gefunden hat. Das Leben im "reichen Westen" macht tatsächlich viele nicht glücklich. Man zahlt doch die materiellen Vorzüge oft mit mangelnder menschlicher Wärme.
markus_wienken 08.12.2014
3.
Zitat von geandoSehr symphatischer Mann. Schön, das er seinen Weg gefunden hat. Das Leben im "reichen Westen" macht tatsächlich viele nicht glücklich. Man zahlt doch die materiellen Vorzüge oft mit mangelnder menschlicher Wärme.
Es liegt an jedem selbst sich die passenden Freunde zu suchen, die einem auch im reichen Westen menschliche Wärme geben können, ich selbst habe da kein Problem. Menschliche Wärme findet sich - so zumindest meine eigenen Erfahrungen mit der chinesischen Kultur - dort auch nur innerhalb der eigenen Famile, "außerhalb" sieht es dann doch schnell sehr kalt aus. Ich vermag diesen Stereotypen kalter reicher Westen, armes Asien aber dafür mit mehr menschlicher Wärme wenig abzugewinnen.
winki 08.12.2014
4. Gute Geschichte.
Ja es stimmt, man braucht in Thailand längst nicht so viel um zufrieden zu leben. Ob es unbedingt Bangkok sein muss ist Ansichtssache. Ich bin jedes Jahr für einige Monate dort und fühle mich abseits des Trubels recht wohl. An die kulturellen Unterschiede gewöhnt man sich mit gutem Willen recht schnell. Wenn man sich an die Eigenheiten des Landes hält und sich wie ein Gast benimmt, dann ist man als solcher auch gerne willkommen.
LH526 08.12.2014
5.
Spaß am Job, freigewählt, fremdes Land, und glücklich dabei :) Wunderbar, alles richtig gemacht! Glückwunsch und hochachtung :)
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