Streit über Gebührenordnung Ist die Leichenschau zu billig?

Rund 100 Ärzte aus Baden-Württemberg sollen zu viel Geld kassiert haben, dafür dass sie Tote untersuchten und Totenscheine ausstellten. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Betrugs - auch gegen den Mediziner S. Der prangert das ganze System an.

Arzt bei Patient (Symbolbild)
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Arzt bei Patient (Symbolbild)


Wenn ein Mensch gestorben ist, muss in der Regel ein Arzt kommen: den Toten untersuchen und einen Totenschein ausstellen. Um das Honorar, das er für diese sogenannte Leichenschau verlangen darf, gibt es seit Jahren Streit. Immer wieder schaltet sich sogar die Staatsanwaltschaft ein. Derzeit unter anderem im Visier: der niedergelassene Arzt S., der anonym bleiben will.

Er gehört zu rund 100 Medizinern aus dem Raum Karlsruhe, gegen die die Staatsanwaltschaft wegen Betrugs ermittelt: Die Ärzte sollen Angehörigen zu viel Honorar für Leichenschauen berechnet haben. Laut der Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) dürfen Mediziner für die Leichenschau durchschnittlich 33 oder - je nach Schwierigkeit - 51 Euro plus Wegegeld berechnen.

S. dagegen veranschlagte doppelt oder auch dreimal soviel. Er verteidigt dieses Vorgehen: Er habe nicht betrügen wollen, sagt der Arzt, andere Mediziner würden auch so viel verlangen. Er fühlt sich zu Unrecht an den Pranger gestellt.

"Ausgesprochen unzufrieden"

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Bundesweit klagen Mediziner seit Jahren über die viel zu geringe Entlohnung für diesen "letzten Dienst am Patienten", wie Jürgen Herbers, Facharzt für Allgemeinmedizin in Pleidelsheim bei Ludwigsburg sagt. Die meisten Kollegen würden diesen Dienst gern leisten und auch mal gar nichts dafür verlangen.

Trotzdem: "So mancher Arzt fühlt sich veräppelt, wenn er sich die Gebühr ansieht und damit vergleicht, was beispielsweise ein Schlüsseldienst bekommt", sagt Herbers. Seit dem Jahr 1996 ist die GOÄ laut Landesärztekammer nicht mehr angepasst worden. "Die Ärzteschaft ist aus nachvollziehbaren Gründen ausgesprochen unzufrieden", sagt ein Sprecher.

S. klagt: "Es gibt grundsätzlich keine Zuschläge für die Nacht oder die Wochenenden." Selbst die immer noch mickrigen maximal 51 Euro dürften nur verlangt werden, wenn die Leiche beispielsweise stark verwest ist oder lang im Wasser lag. Ob zusätzlich ein Krankenbesuch abgerechnet werden darf, darüber wird gestritten. Viele Ärzte tun es dennoch. Es gebe inzwischen Rundschreiben von Bestattern, die die Ärzte vor "Razzien" warnten, sagt Herbers.

Bis zum Jahr 2003 wurden die Kosten für die Leichenschau über das Sterbegeld der gesetzlichen Kassen kompensiert. Dies wurde abgeschafft, einen Ersatz dafür gibt es bis heute nicht. Seitdem zahlen die Angehörigen des Verstorbenen die Leichenschau aus eigener Tasche.

Polizei beklagt stundenlanges Warten

Neben Angehörigen und Ärzten ist die Leichenschau auch für die Polizei in Baden-Württemberg ein brisantes Thema - wenn auch aus anderen Gründen. Beamte müssten vor allem auf dem Land oft stundenlang warten, bis ein Arzt die Leiche begutachte, sagt eine Sprecherin des Karlsruher Präsidiums.

Die Behörde bemühe sich daher in regelmäßigen Abständen um sogenannte Polizeivertragsärzte, die im Notfall erreichbar seien. Zurzeit sind es zehn, eine Aktion zur Anwerbung weiterer Vertragsärzte läuft gerade. Die Bezahlung richtet sich allerdings ebenfalls nach amtlichem Gebührenverzeichnis. So richtig reißt sich den Angaben zufolge niemand darum.

Wie viele solcher Vertragsärzte es im Land gibt, ist laut Innenministerium in Stuttgart nicht bekannt. Allerdings betont ein Sprecher ausdrücklich, wie wichtig eine qualifizierte Leichenschau sei. Durch den Arzt erfolge die entscheidende Weichenstellung, ob nach einem Todesfall Ermittlungen in Gang kommen.

Berichte über Fehler bei Leichenschauen, bei denen ein Tötungsdelikt übersehen wird, gibt es. Auch Rechtsmediziner bemängelten immer wieder die Qualität der ärztlichen Leistung, heißt es aus dem Stuttgarter Sozialministerium. Brigitte Joggerst vom Ärzteverband öffentlicher Gesundheitsdienst Baden-Württemberg bestätigt: "Viele Ärzte führen nur selten eine Leichenschau durch. Da ist es schwierig, Erfahrungen zu sammeln." Erkenntnisse über eine Fehlerquote gibt es laut Innen- und Sozialministerium aber nicht.

Ärzte fordern amtlichen Leichenbeschauer

Verstorbener in einer Pathologie (Symbolbild)
DPA

Verstorbener in einer Pathologie (Symbolbild)

Die Ärzteschaft spricht sich jedenfalls einhellig für die Einführung eines amtlichen Leichenbeschauers aus, so wie es ihn zum Beispiel in Bremen gibt. Dort ist die sogenannte "qualifizierte Leichenschau" durch einen speziell dafür ausgebildeten Arzt Pflicht.

Flächenländer könnten aber nicht nach gleichem Muster vorgehen wie Stadtstaaten, heißt es vom Stuttgarter Sozialministerium. Außerdem wäre dies mit hohen Kosten für die Hinterbliebenen verbunden, weil die erheblich längeren Fahrzeiten aufgefangen werden müssten. Das Ministerium räumt jedoch ein: "Die Qualität der ärztlichen Leichenschau könnte durch speziell fortgebildete ärztliche Leichenbeschauer sicher verbessert werden."

Mehr Fortbildung wäre jedenfalls dringend vonnöten, findet S., und zwar allein schon, was die Abrechnung betreffe. Der Arzt sagt, er habe die entsprechende Abrechnungsziffer der rund 700 Seiten starken GOÄ gar nicht gekannt und sich bei seinem Honorar für die Leichenschau an dem orientiert, was seine Kollegen verlangen.

Das wiederum versteht die Landesärztekammer nicht: Sie informiere seit Jahren über dieses Thema. Den Vorwurf des Betrugs findet S. dennoch empörend. Seit er sich vor vier Jahren niedergelassen habe, habe er schätzungsweise zwei Dutzend Leichenschauen durchgeführt. S. findet: "Selbst wenn man wollte: Daran kann man sich nicht bereichern."

fok/Anika von Greve-Dierfeld, dpa

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