Belastung im Job Deutsche Unternehmen schützen Mitarbeiter schlecht vor Stress

Belastungen im Job können krank machen. Unternehmen, die ihre Mitarbeiter nicht ausreichend schützen, werden laut Arbeitsschutzgesetz bestraft. Doch die deutsche Regelung ist schwammig. Andere EU-Länder sind konsequenter.

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Corbis

Auf der Baustelle muss ein Helm getragen werden, im Labor ein Kittel: Wenn die körperliche Gesundheit auf dem Spiel steht, müssen Unternehmen ihre Mitarbeiter schützen. So will es das Gesetz. Aber nicht nur herunterfallende Ziegel oder ätzende Flüssigkeiten gefährden die Gesundheit - auch zu kurze Pausen, schlechte Beleuchtung oder viele Menschen in einem Raum machen das Arbeiten schwer.

Die Freiburger Uniklinik für Psychiatrie und Psychotherapie und die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde haben nun untersucht, inwieweit Regierungen und Arbeitgeber in zwölf EU-Ländern neben körperlichen auch psychische Belastungen bei der Arbeit berücksichtigen. Ihr Fazit: Im Vergleich zu anderen Ländern hinkt Deutschland hinterher. Die Regelungen zum Schutz der Arbeitnehmerpsyche in ausgewählten Ländern im Überblick:

  • Deutschland

Erst seit Herbst 2013 enthält das Arbeitsschutzgesetz einen Passus, der den Schutz der psychischen Gesundheit betont. Demnach ist die Arbeit "so zu gestalten, dass eine Gefährdung für das Leben sowie die physische und die psychische Gesundheit möglichst vermieden" wird. Ein Arbeitsplatz soll also auch danach beurteilt werden, ob Mitarbeiter mit ihren Aufgaben überfordert sind, hoher Zeitdruck herrscht, Nachtarbeit verlangt wird oder man zu wenige soziale Kontakte bei der Arbeit hat.

Ob und welche Maßnahmen getroffen werden, entscheidet der Arbeitgeber selbst. Bei der Beurteilung kann er sich von Experten unterstützen lassen, zum Beispiel vom Brandschutzbeauftragten oder dem Betriebsarzt. Führt ein Unternehmen die Prüfung nicht durch oder bessert nicht nach, wenn eine Gefährdung besteht, gilt das als Ordnungswidrigkeit. Genaueres ist nicht geregelt.

Bislang gibt es keine konkreten Vorgaben, wie die Risiken überprüft werden sollen und was zu tun ist, wenn sich ein Arbeitnehmer überfordert fühlt. "Und es gibt kaum Sanktionen, wenn ein Arbeitgeber nicht auf die Gefahrensituation reagiert", kritisiert Psychiater Mathias Berger, Ärztlicher Direktor an der Uniklink Freiburg. Dabei sind psychische Erkrankungen in Deutschland weit verbreitet: Bei fast jedem zweiten Frührentner sind sie Ursache für die Pensionierung, besagt eine Studie der Bundespsychotherapeutenkammer.

  • Frankreich

Der Arbeitgeber haftet komplett für einen Arbeitsausfall durch psychische Belastungen, wenn er das Risiko in einer Beurteilung hätte sehen können. Freiheitsstrafen von bis zu drei Jahren oder eine Geldstrafe von bis zu 45.000 Euro stehen darauf, wenn der Mitarbeiter dadurch länger als drei Monate krankgeschrieben ist. Folgen eines Burn-out können in Frankreich zudem als Arbeitsunfall anerkannt werden.

  • Dänemark

Eine Gefährdungsbeurteilung von psychischen Risiken muss "im Unternehmen ausgeführt werden und jederzeit für Mitarbeiter, Führungskräfte und Gewerbeaufsicht verfügbar sein". Prüft die Arbeitsschutzbehörde einen Betrieb, veröffentlicht sie die Ergebnisse im Internet. Spätestens alle drei Jahre muss das Unternehmen erneut kontrollieren. Verstöße gelten als Straftat, die mit bis zu einem Jahr Freiheitsstrafe geahndet werden können.

  • Belgien

Für die Beurteilung müssen Unternehmen unter anderem einen speziell geschulten Mitarbeiter hinzuziehen. Er braucht eine 280-stündige Fortbildung, die ihn zum Spezialisten für psychische Risiken macht. Zulassungsvoraussetzung ist ein Master in Psychologie. Hält sich ein Arbeitgeber nicht an seine Pflichten, droht ihm ein Strafverfahren, mindestens aber Bußgeld.

  • Niederlande

Niederländische Betriebe sollten sich zur Beurteilung psychosozialer Risiken an ein Sieben-Schritte-Programm halten, das im Rahmen einer EU-Kampagne entstand. Wer gegen seine Beurteilungspflicht verstößt, der begeht zwar wie in Deutschland nur eine Ordnungswidrigkeit. Das Bußgeld kann bis zu 76.000 Euro betragen.

  • Schweden

Schweden gilt als Vorbild: Die EU-Rahmenrichtlinie zum Arbeitsschutz von 1992 hat sich unter anderem an den Gesetzen und deren Umsetzung der Schweden orientiert. Schon seit 1977 besteht hier für Firmen die Pflicht die Arbeitsbedingungen "an die physischen und psychischen Fähigkeiten der Beschäftigten anzupassen". Wer sich nicht dran hält, muss mit Geldstrafen bis zu 11.000 Euro rechnen.

Die vollständige Studie finden Sie hier.

  • KarriereSPIEGEL-Autorin Jana Hauschild ist Psychologin und arbeitet als freie Journalistin in Berlin.



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insgesamt 28 Beiträge
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Seite 1
rockmadroll 14.07.2014
1. Wachtum
wird definiert durch Zahlen. Weniger Stress = gleiches Pensum auf mehr Mitarbeiter verteilt = mehr Kosten = weniger Gewinn = weniger Wachstum = 1 Sportwagen weniger für den/die Gesellschafter! Warum sollten die also interessiert daran sein den Stress ihrer Mitarbeiter zu mindern. Arbeitslose gibts genug! Machts der eine nicht mit - dann machts halt ein anderer Mensch!
fred2013 14.07.2014
2. Diese Rechnung hinkt ein wenig
Zitat von rockmadrollwird definiert durch Zahlen. Weniger Stress = gleiches Pensum auf mehr Mitarbeiter verteilt = mehr Kosten = weniger Gewinn = weniger Wachstum = 1 Sportwagen weniger für den/die Gesellschafter! Warum sollten die also interessiert daran sein den Stress ihrer Mitarbeiter zu mindern. Arbeitslose gibts genug! Machts der eine nicht mit - dann machts halt ein anderer Mensch!
Ausfälle von spezialisierten Arbeitskräften sind teuer und belasten andere noch mehr. Ihre Rechnung geht nur da auf, wo wenige Skills erforderlich sind.
Bondurant 14.07.2014
3.
Die Autorin weist dankenswerterweise darauf hin, daß Arbeitgeber den Rat von "Experten" in Anspruch nehmen können. har das möglicherweise damit ---Zitat--- KarriereSPIEGEL-Autorin *Jana Hauschild ist Psychologin* und arbeitet als freie Journalistin in Berlin. ---Zitatende--- zu tun?
privado 14.07.2014
4. Warum?
Warum sollten sich deutsche Arbeitgeber um die psychischen Probleme (Streß) ihrer Arbeitnehmer kümmern, solange vor der Tür bereits hunderte Ersatzkräfte Schlange stehen? Fällt einer aus, rückt ein anderer, meist günstigerer Arbeitnehmer nach. So einfach ist das. Auch für Tätigkeiten mit höheren skills gibt es immer Ersatz. Das ist nur eine Frage des Preises. Da kann man ausnahmsweise auch mal mehr für die eine oder andere Fachkraft bezahlen. In Summe reicht es dann doch für den weiteren Sportwagen des Gesellschafters.
osmanian 14.07.2014
5. In DE Arbeitgeber bedingt
In den kleineren Firmen haben die Arbeitnehmer keine Chance gegen den Chef oder Kapo der sie ständig hätzt..Aber im großen Betrieben die eine Weltmarke sind ist Arbeitnehmer der König aufgrund des starken Betriebsrats
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