Stress im Job Alles klar im Hamsterrad?

Millionen Arbeitsstunden fallen jährlich wegen Stress-Problemen von Arbeitnehmern aus. Die Linke fordert eine Anti-Stressverordnung. Was aber, wenn wir einfach selbst schuld sind?

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Hamsterrad: Der Witz daran ist, dass es nicht schneller vorangeht, wenn man schneller rennt
Corbis

Hamsterrad: Der Witz daran ist, dass es nicht schneller vorangeht, wenn man schneller rennt


Hand aufs Herz: Wann hat das letzte Mal ein Vorgesetzter brüllend hinter Ihnen gestanden, die Peitsche geschwungen und eine Erhöhung der Taktzahl verlangt? Das mag es geben, aber denen von uns, die nicht auf Galeeren schuften, passiert es eher selten. Ist ja auch nicht nötig. Uns das Arbeitsleben hart und stressig zu machen, schaffen wir schon selbst.

Denn zu unserer Arbeitsethik gehört es, das Letzte zu geben, an und über unsere Grenzen zu gehen. Zum Wohle der Firma, auch wenn wir selbst aus dem letzten Loch pfeifen: Der Beinahe-Burnout ist in manchen Branchen fast ein Adelsprädikat.

Zu den höchsten Tugenden in unserem Wertekanon zählen Fleiß, Pünktlichkeit, Leistungsbereitschaft. Das sind keine schlechten Eigenschaften, aber es sind auch nicht die einzig selig machenden: Hat sich da etwas verselbständigt, das für uns alle weder individuell noch kollektiv gut und gesund ist?

Wir Deutschen neigen dazu, wie die Arbeitsbienchen zu agieren. Uns für unabkömmlich im Arbeitsprozess zu halten, empfinden wir als Aufwertung. Wir unterscheiden zwischen Arbeit und Freizeit; das ist ok. Aber wir glauben, uns Freizeit erst verdienen zu müssen, was definitiv nicht gesund ist. Denn wir haben das eigentlich nur Notwendige zum Mittelpunkt unseres Lebens gemacht. Wir sind, was wir im Getriebe leisten. Der Mensch daheim ist immer noch "Chef eines erfolgreichen kleinen Familienunternehmens", suggeriert die Werbung.

Da liegt die Frage nahe, ob wir alle noch ganz frisch sind.

Denn eigentlich wissen wir, dass uns die Prioritäten durcheinandergeraten sind. Wir leben, als wären wir persönlich verantwortlich für die Wirtschaftskraft des Landes. Selbst der, der eigentlich nicht mehr kann. Nur fällt es schwer, langsamer zu rennen, wenn Hamsterrad neben Hamsterrad steht und jeder der Schnellste sein will.

Zum Glück passt man auf uns auf. Wenn die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage durch stressbedingte psychische Probleme auf 61,5 Millionen im Jahr steigt, wie der SPIEGEL in seiner neuen Ausgabe berichtet, ruft prompt die Linke nach besserer Aufsicht für die Arbeitsbienen und einer Anti-Stressverordnung - ein absurder Gedanke. Der Druck, orakelt dazu das Arbeitsministerium, resultiere aus Digitaltechnik und Globalisierung.

Mit Verlaub: Das ist Humbug. Mein Stress erwächst aus meiner Ambition, aus Gewöhnung an ein sich stetig erhöhendes Arbeitstempo und aus Anpassung an die Taktzahlen um mich herum. Er ist auch das Resultat meiner Mentalität und Ausdruck einer Arbeitsethik, die die Selbstverheize zum Wert erhebt. Ist das bei Ihnen vielleicht anders?

Vielleicht sollten wir uns öfter klarmachen, dass wir uns damit den Spaß im und am Leben verderben. Wir brauchen keine Stressverordnung. Vielleicht sollten wir uns ab und zu fragen: Was ist wirklich wichtig in meinem Leben?

Denn das könnte morgen schon vorbei sein.

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insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
jakam 11.08.2014
1.
Wenn sie den Luxus geniessen, in einem nicht zeitlich begrenztem Vertrag zu sein....das ist ein Milchmädchenartikel, sry.
nomadas 11.08.2014
2. Komplexe Sache
Wenn das Lock-Leistungs-Karriere-System auf einen seelisch ganz bestimmten, latent disponierten Typus Mensch trifft, dann kann es sehr gefährlich werden. Insbesondere dann, wenn die Erfolgsspirale beginnt sich zu drehen. Nichts motiviert mehr als Erfolg! Der bekannte u.U. "tödliche" Slogan. Ein gewisser "Suchtfaktor" greift um sich und will immer und immer wieder befriedigt werden, obwohl es "ein Fass ohne Boden" ist. Das System belohnt und belohnt und belohnt dieses Verhaltensmuster maximal, bis die "Zitrone" ausgepresst ist. Dann wird sie weggeworfen. Ganz einfach. Diesen Horrortrip früh zu durchschauen ist die Aufgabe des Einzelnen. Doch, wer tut das schon? Wer erkennt das schon? Wer will davon überhaupt was wissen? Letztlich niemand. Denn, es gilt: No time for loser! Meist sind es hochneurotische Narzissen, die in dieses Hamsterrad überhaupt einsteigen. Ein resilienter Typus hat auf so ein Leben meist keinen Bock. Ist daher immun gegen die gängigen Verlockungen des Systems: Geld, Titel & Statussymbole. Wer sich aber über Haben definiert, ist hochgefährdet. Wer ins Haifischbecken geht, darf dort keine Karpfen erwarten!
spon-facebook-10000148719 11.08.2014
3. lustiges thema
bei mir in industrie gibst termine. und wer nicht sie hält wird gefeuert ohne grund. gesetze ? kein schwein schaut sich an was vorgeht gesetze werde gebroche seit immer. arbeiten und psychopharmaka schlucken und klappe halten.
MarkusW77 11.08.2014
4.
Handwerk hat nicht nur goldenen Boden sondern auch beste Arbeitsbedingungen. Wenn man sowas liest in man doch gerne "nur" Facharbeiter. Und ganz nebenbei: wenn mehr Leute die Einstellung hätten in den 8 stunden ihr bestes zu geben, aber dann ist auch gut, dann ginge es vielen besser. Leute, es ist nur Arbeit!
drseltsam69 12.08.2014
5. Nichts Neues!
Man kennt das doch, wenn jemand 10h am Tag bei der Arbeit im Internet surft
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