Arbeit im Salzbergwerk Glatte Straßen sind gut fürs Geschäft

Endlich Kälte, Eis und Schnee! Auf der Schwäbischen Alb freuen sich Dutzende Menschen über das Winterwetter. Sie bauen Natriumchlorid ab: Streusalz.

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Michael Schulz, 56, arbeitet seit 35 Jahren ohne Tageslicht. Er ist der Gesamtbetriebsführer des ältesten aktiven Salzbergwerks in Baden-Württemberg. "Ist 'ne Welt für sich da unten", sagt er. "Jeder muss sich auf den anderen verlassen können."

Das Wegenetz 100 bis 150 Meter unter der Erde bei Haigerloch-Stetten gleicht nebeneinanderliegenden Fischskeletten: Entlang einer breiten Fahrstraße haben die Bergarbeiter rechts und links Kammern in das Salz gesprengt. Aneinandergereiht wären sie 200 Kilometer lang. Die schmutzig-weißen Wände leuchten wie Schnee in einer klaren Winternacht. Salzstaub tanzt in den Lichtkegeln der Helmlampen und legt sich auf Haut und Lippen. Wenn die Motoren der Fahrzeuge abgeschaltet sind, wird es still. Seit fast 160 Jahren wird hier Natriumchlorid abgebaut: Salz, das als Streusalz verwendet wird, weil es nicht ganz so rein ist.

Die milden Temperaturen zu Beginn dieses Winters hatten den kaufmännischen Leiter des Salzbergwerks, Frank Joppen, schon nervös gemacht. "Wir sind auf einen guten Winter angewiesen", sagt er. Ein guter Winter, das bedeutet für ihn: tagsüber Nieselregen und nachts zwei bis drei Grad minus. "Wetter, das sonst keiner haben will." Dann müssen die Straßenmeistereien ihre Streufahrzeuge losschicken und neues Salz in Stetten ordern - und bei Joppen klingelt die Kasse.

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Deutschlands tiefster Arbeitsplatz: 1630 Meter unter dem Meer
Das Haigerlocher Salzbergwerk gehört dem Chemiekonzern Wacker mit Sitz in München. Die Firma baut pro Jahr knapp 570.000 Tonnen Salz ab - das entspricht mehr als 14.000 großen Lkw-Ladungen. Der größte Teil davon wird als Auftausalz an 350 Städte, Kommunen und Landkreise im 300-Kilometer-Umkreis verkauft.

Der Einsatz von Streusalz ist hoch umstritten. Naturschützer warnen, es verändere den Nährstoffgehalt im Boden, Bäume könnten so im Frühjahr verdursten, das Wachstum von Insekten verändere sich. Viele Kommunen haben Privatleuten das Streuen mit Salz deshalb verboten, Stuttgart erlaubt es zum Beispiel nur bei Eisregen.

Straßenmeistereien benutzen aber nach wie vor Salz. "Die Städte haben die Pflicht, die Straßen verkehrssicher zu halten, das geht ohne Salzeinsatz häufig nicht", sagt Susanne Nusser, Dezernatsleiterin für Umweltschutz und Verkehr beim Städtetag Baden-Württemberg. "Bei Eisregen und Blitzeis geht's nicht anders", sagt auch die Sprecherin des Naturschutzbunds Anke Beisswänger.

Aus Haigerloch wird noch eine Weile Nachschub für die Salzlager der Städte kommen. "Ein paar Jahrzehnte können wir hier noch abbauen", sagt Joppen. Auch danach soll das Bergwerk noch Geld abwerfen - als Abfalllager. Um Atommüll einzulagern, liegt es zwar nicht tief genug, aber schon jetzt werden in den leeren Kammern mineralische Abfälle eingelagert: kontaminierte Erde, Asche, Filterstäube und Rückstände aus chemischer Produktion wie siliziumhaltige Schlacken.

Der Geruch in den Gängen erinnert an ein Dampfbad, scharf, aber nicht unangenehm. "Wie in der Waschküche", beschreibt es Bergmann Schulz. Das liege an zum Teil ammoniakhaltigen Abfällen. Die Lagerstätte sei wasserundurchlässig, heißt es von der Chemiefirma Wacker. Die Abdichtung habe sich über 250 Millionen Jahre bewährt.

dpa/asc



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manni.baum 06.01.2016
1. siliziumhaltige Schlacken
die gesamte Schwäbische Alb besteht zu 25% aus Silizium, diese Schlacken müssen sicher nicht wegen "Silizium-Kontamination" entsorgt werden sondern wegen Schadstoffen.
edgarzander 06.01.2016
2. Auftausalz vs. Speisesalz
Dass das Stettener Salz wegen seiner geringeren Reinheit nur als Auftausalz geeignet ist halte ich für ein Märchen. Immerhin gibt die Wacker-Chemie eine Reinheit von 99% an. Das würde vollkommen ausreichen, um mit den klassischen Reinigungsverfahren - wie bei anderen Bergwerksbetrieben auch - Speisesalz herstellen zu können. Es liegt schlichtweg am Geschäftsmodell, dass lediglich Industrie- und Auftausalze angeboten werden. Da es in Baden-Württemberg, mit den Südwestdeutschen Salzbergwerken (Heilbronn), schon traditionell einen bedeutenden Speisesalzhersteller gibt, ist die Fokussierung auf Auftausalz gar nicht mal so schlecht, zumal die Sache sehr transportkostenintensiv sein müsste und der süddeutsche Raum für Anbieter aus Niedersachsen somit ausfallen dürfte. Als regionaler Monopolist steht man hier sicher nicht schlecht im Futter.
buffbuff 06.01.2016
3. Haha
Mit dem Argument verbuddeln die (und andere) chemotoxische Abfälle mit einem gefährdungspotential, das das eines nuklear Endlagers bei weitem übertrifft (filterstäube, Arsen, Cadmium, dioxine, you name it). Mit dem Argument der 250 Millionen Jahre bekäme man ein radiotoxisches Lager niemals genehmigt. Gutes Geld zudem, was die Jungs fürs einlagern der sonderabfälle bekommen, unbeachtet von der Gesellschaft...
jhea 07.01.2016
4. Gut fürs Geschäft...
ist der Winter im Salzbergwerk nur, wenn nicht gerade die Weichen vor der Tür einfrieren. So geschehen vor ein paar Jahren im Slazbergwerk Bokeloh ^^ Da musste dann auf 30% gedrosselt werden weil nur noch LKW abtransportieren konnten. Das war lustig.
Hajopistensau 07.01.2016
5. Salzmafia
Die hiesige Unsitte die Straßen regelrecht zu Pökeln reduziert die Haltbarkeit unserer Fahrzeuge um ca 50%. Bremsen, Auspuffanlagen, Aufhängungen werden Elektrochemisch zersetzt, da die Salzbrühe ein Elektrolyt ist. Daran verdienen Automobilindustrie, Salzbergbau und der Staat - wegen der schönen Steuern. Im hohen Norden oder auch Russland gibt es so was nicht - und es funktioniert auch. Stoppen wird man diesen Schwachsinn nicht, dafür verdienen einfach zu Viele dran.
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