Beruf Energiehändler Ein Mann unter Strom

Moritz Ignat handelt mit Strom. Berufsbedingt schaut er oft in den Himmel - sein Job bewegt sich irgendwo zwischen Meteorologie, Betriebswirtschaft und Ingenieurwesen.

Katja Kasten

Sein Frühstück besteht aus zwei Dosen Red Bull und einer Banane. Es muss bis um 12 Uhr vorhalten. Für genau 35 Minuten geht Moritz Ignat dann in die Pause. Pünktlich um 12.40 Uhr ist er zurück, denn dann wird der Börsenpreis für Strom - ermittelt aus Angebot und Nachfrage - für jede einzelne Stunde des kommenden Tages bekanntgegeben. Für Moritz Ignat sind das wichtige Daten, die er für seine Geschäfte benötigt. Wann ist der Strom besonders günstig? Wann wird es Engpässe geben?

Ignat, 28, arbeitet als Energiehändler bei Vattenfall Energy Trading, einer Tochter des schwedischen Staatskonzerns. Das Unternehmen setzt europaweit 670 Mitarbeiter für die Aufgabe ein. Sein Arbeitsplatz: ein Schreibtisch in einem Großraumbüro, dem sogenannten Trade Floor. Sein Job: Strom kaufen und wieder verkaufen. Sein Ziel: die bestmöglichen Preise und Mengen sichern - und besser zu sein als die Konkurrenten. Ignat ist auf Osteuropa spezialisiert. Seine Kunden sind große Unternehmen. Auch Dax-Konzerne aus der Automobil- und Stahlindustrie bedient er mit Energie.

Vom Wetter hängt alles ab

"Mit der Pflicht, erneuerbare Energien bei der Einspeisung ins Stromnetz zu bevorzugen, ist unser Geschäft anspruchsvoller geworden", sagt er, "es hängt sehr viel vom Wetter ab. Wer weiß schon, wie das Wetter im April wird? Du musst viel stärker vorsorgen." Scheint die Sonne oder es ist windig, produzieren Solar- und Windkraftanlagen viel Energie. Der Preis für Strom sinkt. Wird es kalt und die Heizungen werden aufgedreht, steigt der Energieverbrauch und auch der Kurs, den Händler für den Strom zahlen müssen.

Dass er sich einmal so stark für das Wetter interessieren würde, hätte Moritz Ignat nicht für möglich gehalten. Pünktlich morgens um sieben Uhr, eine Stunde vor Eröffnung der Börse, verschafft er sich einen Überblick. Der Metrologen-Kollege sitzt praktischerweise gegenüber. Denn das Wetter ist das A und O für exakte Prognosen. Es beeinflusst die Auslastung der Stromnetze, der Kraftwerke und den Verbrauch. Wird es windig? Wird es schneien? Sinken die Temperaturen? Oder wird es vielleicht richtig warm?

30 Energiehändler arbeiten in Hamburg. Sie telefonieren und verhandeln mit Kunden, rufen Zahlen durch den Raum und starren immer wieder auf die Bildschirme, die unablässig Börsennachrichten, Interviews und Marktinformationen ausspucken. Das Team ist international, man spricht Englisch. Ignats Arbeitsplatz ist mit sieben Monitoren ausgestattet, die Daten über die Wetterlage, die Auslastung der Stromnetze in Europa und über die Aktienkurse und die Aktivität der Kraftwerke liefern.

Nachwuchskräfte seit Jahren gesucht

Den Job macht er seit 2008. Eigentlich hatte Ignat BWL studiert, um als Broker sein Geld zu verdienen. Als dann die Finanzkrise kam, sattelte er um und stieg zunächst beim Strom-und Gasanbieter E.on ein. "Ich wusste, das ist ein Job mit Zukunft. Die Branche sucht seit Jahren Nachwuchskräfte", sagt er.

Der Beruf des Energiehändlers entstand mit der Liberalisierung des Strommarkts: 1998 wurde er für den Wettbewerb geöffnet, seit 2002 wird Strom an der European Energy Exchange (EEX), der Energiebörse Europas in Leipzig, gehandelt. Dort tummeln sich 240 deutsche und europäische Energieunternehmen, Banken, Industrieunternehmen, Stadtwerke und Broker. Sie kaufen und verkaufen Strom, aber auch Erdgas, C02-Emissionsrechte und Kohle.

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Ignat hat sich die Fähigkeiten, die er tagtäglich benötigt, nach und nach beigebracht. Das gilt auch für die meisten seiner Kollegen, die als Volkswirte, Mathematiker und Physiker, starteten. Zwar gibt es an der Uni Duisburg-Essen mittlerweile einen Lehrstuhl für Energiehandel und Finanzdienstleistungen, der vom Energieriesen RWE gesponsert wird.

Doch der Großteil der Energiehändler kam als Quereinsteiger in die Branche. "Du wächst mit dem Job. Klar, habe ich am Anfang auch mal Fehler gemacht", sagt Ignat. Ein Junior-Händler kann mit einem Einstiegsgehalt von 50.000 Euro rechnen. Profis kommen auf 120.000 bis 150.000 Euro im Jahr.

Stressresistent und mit kühlem Kopf

Sich selbst bezeichnet Moritz Ignat als belastbar. Er sei einer, der einen kühlen Kopf bewahre, dem Stress nicht so viel anhaben könne, der schnell Daten auswerten und gut mit ungeplanten Situationen umgehen könne. Aber es gibt auch Momente, die bleiben besonders in Erinnerung. Die Nuklearkatastrophe von Fukushima gehörte dazu. "Als wir begriffen, was passiert war und dass es Frau Merkel mit dem Atomausstieg ernst meint, wurde es hier sehr still auf dem Flur", erinnert sich der Stromhändler: "Wir wussten, dass eine Ära zu Ende geht. Dass wir umdenken müssen. Alle dachten: Wir müssen Strom kaufen - und zwar schnell, bevor die Preise steigen. Sonst haben wir ein Problem."

Und er erzählt von einem Montag im Jahr 2009, ein Tag nach einem scheinbar ruhigen Wochenende. Als der Energiehändler ins Büro kommt, kann er sich den extrem hohen Strompreis nicht erklären. "Frankreich hatte wegen extremer Kälte kurz vor dem Blackout gestanden. Die Preise für Strom waren gigantisch hoch und wir hatten das nicht vorhergesehen. Deutschland hatte einfach zu wenig Kraftwerke am Laufen. So etwas prägt dich natürlich im Job. Du willst zukünftig die Risiken noch stärker minimieren", sagt er.

Ein guter Tag ist einer, an dem viel zu tun ist. Ein Tag, an dem er gute Abschlüsse macht und neue Kunden gewinnt. Nachmittags um vier, wenn die Börse schließt, kommt Ignat zur Ruhe. Es gibt zwar Kollegen, die bis zur Rente durcharbeiten - doch Moritz Ignat weiß für sich, dass der Job auf Dauer an die Substanz geht. "Viele zieht es ab Mitte 40 Richtung Management", sagt er. "Ich finde, das ist kein schlechter Plan."

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels hieß es, dass sich Strom nicht speichern ließe. Das ist aber doch der Fall. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen - die Textpassage wurde entsprechend geändert.

  • KarriereSPIEGEL-Autorin Katja Kasten arbeitet als freie Journalistin in Hamburg.

insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
spon-4fe-gopr-2 16.04.2015
1. krank...
Ich habe nichts gegen Haendler, ich arbeite selbst in der Energiebranche, habe mit Haendler regelmaessig zu tun. Trotzdem kann ich es nicht lassen, angesichts manch kranker Aussage. Also, da passiert Fukushima, laut Wikipedia (http://en.wikipedia.org/wiki/Fukushima_Daiichi_nuclear_disaster_casualties) starben 19,000 Menschen. Und die Typen denken laut Artikel (ich hoffe nicht auch noch in dem Moment) "Wir müssen Strom kaufen - und zwar schnell, bevor die Preise steigen. Sonst haben wir ein Problem".
mbwkrause 16.04.2015
2. Arrg, so viel Unwissen...
"Strom kann man nicht speichern", schreibt die Autorin. Wirklich? Warum hat dann ihr Laptop nen Akku? Was sie wahrscheinlich sagen will ist, dass im Stromnetz Angebot und Nachfrage immer ausgeglichen sein muessen, sonst kommts zum Blackout. Das haette doch wenigstens dem Redakteur auffallen muessen. Leider leistet sich SPON bei Energiethemen oefter solche Klopper...
spon-4fe-gopr-2 16.04.2015
3. gelogen...
Das stand auf der Wikipedia-Seite als ich schaute: "Approximately 19,000 died due to the earthquake and tsunami." wenn Sie das googlen, werden Sie's noch im Google Cache sehen koennen. Die Seite wurde vor 10 minuten geaendert und der Satz geloescht. Die Zahl 19,000 taucht auch hier auf: http://earthquake-report.com/2012/03/10/japan-366-days-after-the-quake-19000-lives-lost-1-2-million-buildings-damaged-574-billion/ Um ehrlich zu sein, ob es jetzt 100 oder 19,000 ist, ist auch egal.
wb99 16.04.2015
4.
Zitat von spon-4fe-gopr-2Das stand auf der Wikipedia-Seite als ich schaute: "Approximately 19,000 died due to the earthquake and tsunami." wenn Sie das googlen, werden Sie's noch im Google Cache sehen koennen. Die Seite wurde vor 10 minuten geaendert und der Satz geloescht. Die Zahl 19,000 taucht auch hier auf: http://earthquake-report.com/2012/03/10/japan-366-days-after-the-quake-19000-lives-lost-1-2-million-buildings-damaged-574-billion/ Um ehrlich zu sein, ob es jetzt 100 oder 19,000 ist, ist auch egal.
Erstens ist der Unterschied zwischen 19.000 und 100 nicht egal. Zweitens hat die Zahl so oder so nichts mit dem AKW-Unfall zu tun.
also123 16.04.2015
5. Dann versuchen Sie doch mal
Zitat von mbwkrause"Strom kann man nicht speichern", schreibt die Autorin. Wirklich? Warum hat dann ihr Laptop nen Akku? Was sie wahrscheinlich sagen will ist, dass im Stromnetz Angebot und Nachfrage immer ausgeglichen sein muessen, sonst kommts zum Blackout. Das haette doch wenigstens dem Redakteur auffallen muessen. Leider leistet sich SPON bei Energiethemen oefter solche Klopper...
so umdie 40 GW zu speichern, die als Grundlast zu jeder Sekunde benötigt werden. Und das- wenns ganz schlimm kommt-für mehrere Wochen.Dann sehen Sie ganz leicht, dass sich Strom (Ihr Handy und Laptop ausgenommen-aber auch nur, wenn Sie ein NETZTEIL immer zur Verfügung haben) NICHT in jeder beliebigen Menge speichern lässt
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