Quereinsteiger Wie sich ein Student in die Herzen der New Yorker kochte

Mit einem Mini-Lokal in seinem Wohnheimzimmer wurde der Student Jonah Reider berühmt. Seine Gerichte begeistern längst Restaurantkritiker und Journalisten. Nun hat er nur noch einen Wunsch.

Jonah Reider bei einem Koch-Event in New York
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Jonah Reider bei einem Koch-Event in New York


Er will weiter kochen. Das steht für Jonah Reider, 22, kurz nach seinem Abschluss in Wirtschaft und Soziologie an der Columbia University in New York fest. Aber wo das sein könnte, weiß er noch nicht. Denn Reiders Karriere als Chef de Cuisine startete ziemlich ungewöhnlich: In seinem Zimmer im Studentenwohnheim.

Hier richtete Reider ein winziges Lokal ein, mit nur vier Sitzplätzen. Gäste durften sich online bei ihm anmelden und für 15 Dollar pro Person einen Abend bekochen lassen. Vier Tage in der Woche hatte sein Mini-Restaurant, das er dem Namen "Pith" (nach der weißen Innenhaut bei Zitrusfrüchten) gab, geöffnet. "Es geht um eine Erfahrung, die man niemals wieder mit demselben Essen und den Leuten wiederholen wird", sagte Reider in einem Interview mit dem Onlineportal der Daily Mail. Essen sieht er als Genuss, als Wohlfühlerlebnis.

Eine Ausbildung als Koch hat der Student nicht, aber seine Gäste sind begeistert von den Gerichten. "Es ist unmöglich, mit dem Essen aufzuhören", schrieb etwa die Restaurantkritikerin Ruth Reichl in ihrem Blog.

Tatsächlich hat Reider weit mehr als das typische Studentengericht, Nudeln mit Tomatensoße, zu bieten. Zu seinem Repertoire gehören Menüs aus Jakobsmuscheln mit rosafarbenen Zitronen, Rhabarber mit Pottasche und Wassermelonen mit Rettich. Zu sehen sind solche Kreationen auf seinem Instagram-Blog.

Hier stellt der Student Fotos von seinen Speisen aus. Es ist eine Galerie kulinarischer Kunstwerke, auf die in den vergangenen Monaten immer mehr Menschen aufmerksam geworden sind. Reider bekam sogar eine Fernseh-Einladung zur Late-Night-Show von Stephen Colbert. Der schwärmte ebenfalls, als er in ein mit Honig gefülltes Dessert des Studenten biss: "Fantastisch, lecker, überraschend."

Anfangs wurde Reiders Küche noch als Geheimtipp gehandelt. Nach einer Weile wurde der Student bereits als Starkoch bezeichnet. Tausende Menschen ließen sich auf die Warteliste für sein Lokal setzen. Aber neben all den Feinschmeckern wurden auch noch andere auf den kochenden Studenten aufmerksam: Universität und Gesundheitsbehörde. Und die übten heftige Kritik an Reiders Wohnheim-Restaurant.

Reider war vor einigen Monaten erst in ein anderes Studenten-Apartment der Uni gezogen, wo er seine Gäste bewirtete. Nun will ihn die Uni vor die Tür setzen, bis Ende des Monats soll Reider ausziehen. Er habe ein Restaurant geführt, sich aber der Kontrolle der Lebensmittelaufsicht entzogen, kritisierte sie.

Reider argumentiert, er habe mit seinem Essen kein Geld verdient, sondern nur einen Obolus von den Gästen verlangt, um die Zutaten für die Gerichte zu bezahlen. Außerdem sei das Ganze kein Restaurant gewesen, sondern ein "Essens-Club". Aber die Uni bleibt bei ihrer Entscheidung, zu einem offiziellen Statement war sie nicht bereit.

Jonah Reider in einer Experimentierküche
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Jonah Reider in einer Experimentierküche

Damit geht es dem Uni-Absolventen nach seinem Abschluss jetzt erst einmal ähnlich wie seinen Kommilitonen: Er weiß noch nicht, wo er wohnen wird und wie es beruflich weitergehen soll. "Es ist mir egal, wenn ich in einer schäbigen, kleinen Wohnung in New York unterkomme", sagt Reider. Aber einen Wunsch hat er doch: "Eine schöne Küche".

Bis er die hat, ist er erst einmal als mobiler Koch unterwegs. Kürzlich brutzelte er für neunzig Gäste in einer "Experimentierküche". Ein weiteres Projekt: Speisen zusammen mit Besuchern einer Kunstgalerie in Manhattan vorbereiten. Das Konzept: "Es geht vor allem darum, Essen mit Kunst, Musik, Design und Unterhaltung zu verbinden."

fok/AP



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