Manager-Studie Kompetenz steigt nicht mit den Berufsjahren

Wenn Unternehmen eine Führungskraft suchen, soll der Bewerber meist eines mitbringen: Erfahrung im Leiten von Teams. Dabei besagt das allein gar nichts, behauptet Wirtschaftspsychologe Uwe Kanning. Neulinge seien für den Job oft besser geeignet als alte Hasen.

Von Hendrik Steinkuhl

Wer schon lange ein Team unter sich hat, verliert sich leicht mal in der Matrix
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Wer schon lange ein Team unter sich hat, verliert sich leicht mal in der Matrix


Seit 20 Jahren Abteilungsleiter, da muss der Kollege doch was drauf haben. Oder doch nicht? "Ich bin lange dabei und weiß deshalb, was ich tue", diese Formel mag in vielen Jobs zutreffen, für Führungskräfte gilt sie allerdings nicht. Das hat Wirtschaftspsychologe Uwe Kanning herausgefunden. Er hat untersucht, ob es einen Zusammenhang zwischen Führungserfahrung und Führungskompetenz gibt. Seine Antwort lautet: nein.

Grundlage von Kannings Studie sind die sogenannten Potentialanalysen von 814 Mitarbeitern eines großen deutschen Unternehmens. Sie hatten sich freiwillig für ein Assessment Center angemeldet, das zeigen sollte, ob sie sich für eine Führungsaufgabe eignen. 66 Prozent der Teilnehmer besaßen bereits Führungserfahrung. Mit der internen Leistungsschau bot ihnen das Unternehmen die Chance, sich für andere leitende Positionen zu empfehlen.

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Chef-Typologie: Superstars, kreative Chaoten, Nichtskönner
Das Assessment Center bestand laut Uwe Kanning aus den üblichen Elementen: zwei Rollenspiele, eine Gruppendiskussion, eine Planungsaufgabe, eine Präsentation: "Die Übungen waren auf den Berufsalltag zugeschnitten, man hat also nicht etwa eine Mondlandung nachgespielt."

Während die Teilnehmer zum Beispiel ein Kundengespräch simulierten, bewerteten Gutachter ihre Leistung in neun verschiedenen Kompetenz-Kategorien. Dazu gehörten etwa Führungs - und Entscheidungsfähigkeit und Selbstreflexion. Wer schon als Führungskraft arbeitet, hätte hier gute Noten erzielen müssen, würde man meinen. Doch das Ergebnis von Kannings Vergleich: In keiner der neun Kategorien schnitten die Führungskräfte besser ab als die Mitarbeiter ohne Führungserfahrung.

Je älter, desto schlechter

Im nächsten Schritt prüfte der Forscher, ob die Führungskräfte mit vielen Untergebenen besser abschnitten als ihre Kollegen mit wenigen Mitarbeitern im Team. Auch hier ergab sich kein Zusammenhang zwischen Quantität und Qualität.

Zum Schluss untersuchte Kanning, ob wenigstens das Alter der Teilnehmer einen Einfluss auf die Führungskompetenz hatte. Hier fand er tatsächlich einen Zusammenhang: Je älter die Mitarbeiter waren, desto schlechter eigneten sie sich für Führungsaufgaben. Die Unterschiede zwischen den älteren und den jüngeren Mitarbeitern waren allerdings nicht besonders hoch.

Aus Kannings Sicht sprechen die Ergebnisse dafür, dass Führungserfahrung kein maßgebliches Kriterium sein darf, wenn ein Unternehmen eine neue Führungskraft sucht: "Die Botschaft der Untersuchung ist eindeutig: Es ist nicht sinnvoll zu sagen, wer schon mal geführt hat, der beherrscht das auch." Genau das täten Personaler aber fast ausnahmslos.

Intelligenztests: Unbeliebt und zuverlässig

Kannings Studie bestätigt die Ergebnisse einer amerikanischen Meta-Analyse aus den neunziger Jahren. Die Forscher hatten mehrere Studien betrachtet, in denen sie das Verhältnis von Erfahrung und Leistung untersuchten. Auch sie waren zu dem Ergebnis gekommen, dass Sätze wie "Da können Sie mir vertrauen, ich mach' den Job schon ewig" nichts anderes als Phrasen sind.

Aber warum entsteht eigentlich aus einem Mehr an Erfahrung nicht automatisch ein Mehr an Kompetenz? Lernen und damit Kompetenz gewinnen könne man nur, wenn man ein aussagekräftiges Feedback über die eigene Leistung bekomme und dieses auch akzeptiere, sagt Kanning: "Generell neigen Menschen dazu, die Ursachen für eine schlechte Leistung bei anderen zu suchen." Gefördert würde diese Haltung dadurch, dass man der eigenen Erfahrung blind vertraue. "Fehler machen im Zweifelsfall die Grünschnäbel und Theoretiker, nicht aber man selbst."

Damit Erfahrung nicht selbstgefällig, sondern kompetent macht, müsse man zunächst klare Feedbacksysteme installieren, sagt Kanning. Führungskräfte sollten regelmäßig von ihren Mitarbeitern bewertet werden - und zwar anonym.

Geeignete Führungskräfte zu finden, sei gar nicht so schwer, findet der Forscher: "Das ist keine Atomphysik." Er empfiehlt den Personalern eine umstrittene Methode: Intelligenztests. Bei den Bewerbern seien die zwar unbeliebt, doch sie würden zuverlässig voraussagen, wie lernfähig ein Mensch sei.

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insgesamt 77 Beiträge
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Seite 1
visitor_2007 03.05.2013
1. Grundlage der Studie..
[QUOTE]..Grundlage von Kannings Studie sind die sogenannten Potenzialanalysen von 814 Mitarbeitern eines großen deutschen Unternehmens.[\QUOTE] So wäre denn dieses Unternehmen pars pro toto für was genau? Dieses Unternehmen, alle Unternehmen Deutschlands, alle Unternehmen Europas, alle Unternehmen Asiens, alle Unternehmen der Welt?
Wilhelm Klaus 03.05.2013
2. Neulinge
Zitat von sysopCorbisWenn Unternehmen eine Führungskraft suchen, soll der Bewerber meist eines mitbringen: Erfahrung im Leiten von Teams. Dabei besagt das allein gar nichts, behauptet Wirtschaftspsychologe Uwe Kanning. Neulinge seien für den Job oft besser geeignet als alte Hasen. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/studie-zur-kompetenz-von-fuehrungskraeften-erfahrung-zaehlt-wenig-a-897391.html
Neulinge sind noch etwas geschmeidiger am Rücken und haben noch leistungsorientierte Emphatiedefizite. Diese Eigenschaften macht sie für manche Betriebe attraktiver als ältere Mitarbeiter mit fortgeschrittener Emphatieentwicklung und beginnenden selbständigen Denken.
_muskote 03.05.2013
3.
in der fotostrecke fehlen frauen. mir stößt immer mehr übel auf, dass für die darstellung negativer eigenschaften fast ausschliesslich männer oder jungen herangezogen werden. es gibt im grunde für uns männer in den medien nur noch zwei erzählungen: die, des dumpfen idioten oder die, des bösen, gewalttätigen tyrannen. es reicht! diese einseitigkeit entspricht in keiner weise der wahrheit.
Archimedes_da_Siracusa 03.05.2013
4. Die Studie überzeugt mich nicht.
Jeder kennt doch den Typ junger Akademiker mit mangelnder sozialer Kompetenz benimmt sich wie die Axt im Wald.
Wirbelwind 03.05.2013
5. Assessment Center als Referenz für Kompetenz?
Assessment Center als Referenz für Kompetenz? Äußerst fragwürdig. Vielleicht werden Assessment Center mit zunehmender Erfahrung auch einfach nur als realitätsfern und artifiziell empfunden.
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