Frag die Karriereberaterin Ich möchte mit 40 noch mal studieren - ist das verrückt?

Anne, 40, hat einen sicheren Beruf, doch der macht sie nicht glücklich. Wie sie einen Job findet, der ihr mehr liegt - und warum sie nicht auf Warnungen von Freunden hören sollte.

Studenten im Hörsaal
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Studenten im Hörsaal

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Anne ist Lehrerin. In den Beruf ist sie eher reingerutscht - eine Familienprägung, wie sie schreibt. Sie schätzt die finanzielle Sicherheit, hat aber auch früh gemerkt, dass sie eher introvertiert ist und Unterrichten für sie sehr anstrengend. Jetzt überlegt sie, ein Weiterbildungsstudium im Bereich Therapie oder Beratung zu absolvieren. Und fragt: Ist das verrückt, in dem Alter?

Karriereberaterin Svenja Hofert antwortet:

Ein Schritt in eine andere Richtung ist nicht verrückt, wenn er durchdacht ist. Er bringt neue Impulse, Gedanken, Kontakte. Und Menschen, die sich nicht bewegen, entwickeln sich auch nicht mehr; anfängliche Unzufriedenheit schlägt irgendwann um in Hoffnungslosigkeit….

Mir wurde das sehr deutlich, als mein Sohn von seinem Praktikum in einer Rechtsanwaltskanzlei berichtete. Die Hälfte der Anwälte war demotiviert, sie jammerten ihm vor, dass sie doch lieber etwas anderes studiert oder gelernt hätten.

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Egal, wo man hinschaut, es ist überall dasselbe: Gerade Jobs, die vermeintliche Sicherheit versprechen, ziehen unverhältnismäßige viele Menschen an, die Vernunftentscheidungen getroffen haben und in einem anderen Feld oder einer anderen Umgebung besser aufgehoben wären. Und die schlicht nicht mutig genug waren oder sind, sich in unbekanntes, neues Gebiet zu begeben wie Anne.

Es kann aber auch sein, dass sich die Prioritäten ändern. Menschen reifen, durchlaufen eine Persönlichkeitsentwicklung und verändern dadurch auch ihre Sicht auf den ursprünglich gewählten Beruf. Ich erlebe es häufig, dass dann nicht die Tätigkeit an sich, sondern grundsätzliche Annahmen in Frage gestellt werden: Der Marketing-Mitarbeiter möchte keine Konsumenten mehr manipulieren, der Ingenieur will mit Menschen statt Maschinen zu tun haben.

Arbeit sollte nicht nur Pflichterfüllung oder Existenzsicherung sein, sondern auch Spaß machen. Stehen Sie morgens auf und freuen sich auf die Arbeit? Diese Frage sollten sich viele öfter einmal stellen. Glück, das wissen Vertreter der positiven Psychologie, entsteht übrigens auch im Vergleich zu anderen. "Wie stehe ich da?" Es macht mich unglücklicher, wenn Kollegen morgens fröhlich in die Schulklasse oder Anwaltskanzlei gehen und ich mich quäle.

Aber auch der finanzielle Vergleich zählt - stehe ich schlechter da als meine Peergroup, geht es mir auch schlechter. Deshalb sind, so meine Erfahrung, radikale Brüche ab einem bestimmten Alter und vor allem ab einer bestimmten Dauer in einem Job selten. Meist geht es um sanfte Übergänge. Der offene Stellenmarkt ist für Quereinsteiger sowieso fast nicht zu gebrauchen. Deshalb geht es bei einer Veränderung im Alter von 40, 50 Jahren oft auch um den Aufbau neuer Netzwerke.

Grundsätzlich passen die von Anne angestrebten Themen gut zur zweiten Lebenshälfte. Ich rate ihr aber dazu, ihr Feld zunächst noch weiter einzugrenzen, am besten durch Gespräche mit Menschen, die in den entsprechenden Jobs bereits tätig sind.

Anschließend bietet sich für Anne ein berufsbegleitender Weiterbildungsmaster an. So kann sie sich neue Themen erschließen, auf ihre bisherige Erfahrung aufbauen und sich spezialisieren. Diese Studiengänge sind für erfahrene Arbeitnehmer ideal, die behutsam in den neuen Beruf wechseln möchten.

Häufig bekommen Menschen wie Anne übrigens erheblichen Gegenwind aus dem Freundes- und Bekanntenkreis sowie der Familie. Das hat jedoch nur mit den Ängsten der anderen vor Veränderung zu tun. Anne sollte sich davon nicht abschrecken lassen.

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C-Hochwald 22.08.2016
1. Reif genug für die Entscheidung
Ich war 30, als ich mein Studium auf einer FH begann, und wurde mit 34 fertig. Nicht leicht, gerade 1996 dann einen Job als Ingenieur zu bekommen, das war die Hochzeit des Jugendwahns in den Personalabteilungen. Zudem eine Periode hoher Arbeitslosigkeit. Für ein spätes Studium spricht meines Erachtens die reifliche Überlegung was das persönliche Berufsziel ist, die bereits gesammelte Erfahrung und die Motivation die zur Verfügung stehende Zeit auch konsequent zu nutzen. Da haben die älteren Studenten den jüngeren mit wenig Lebens- und Berufserfahrung oft voraus. Wenn man dann bedenkt, dass nach dem Abschluss durchaus noch 20 Berufsjahre anstehen, sollte die Entscheidung für einen selbst stimmig sein. Die Bedenken der Anderen ist, wie im Artikel steht, sehr subjektiv und sollte allenfalls dazu dienen, nicht blauäugig den späten Sudienweg zu gehen.
Dromedar 22.08.2016
2. Alternative Teilzeit im Fernkurs
Ich finde das völlig normal immer wieder Universitätskurse auch mit dem Ziel von Abschlüssen zu besuchen. Am besten läßt sich das natürlich mit Online-Kursen erzielen (coursera, edX, ..., HPI, oder auch FernUni Hagen). Da hat man das beste aus allen Welten. Nochmal an die Präsenzuni finde ich in dem Alter nicht unbedingt nötig, mit dem Leben und Lernen und Zielen umzugehen (was ja auch ein Hauptinhalt des normalen Präsenz-Studiums ist), kann man ja dann schon. Es geht ja dann wirklich nur noch um die Inhalte, und wenn man weiss welche man anstrebt, kann man da ja auch sehr selektiv sein. (Im Job braucht man eh nur ein paar Prozente eines ganzen Studiums und das studium generale hat man ja schon mit 40). Unabhängig davon ist es völlig irrelevant, was andere darüber denken. Kümmer Dich um Dich selber, scher' Dich nicht um andere. Mir geht es nur darum, wer mich unterstützt (beende ja gerade ein Teilzeit-Studium zum Data Scientisten/Machine Learning-Experten via coursera). Wer nicht, den brauche ich mitsamt seinen klugen Ratschlägen auch nicht. Ich habe mich an denjenigen orientiert, die einen ähnlichen Weg gehen, nicht an welchen, die ihr Leben nicht ändern wollen. Prophetisch: >10 Jahre altes Wissen ist zudem im Normalfall völlig veraltet, mehrere Male im Leben ein Studiumsprogramm (muß ja nicht immer der volle Weg mit Master/PhD sein) zu absolvieren wird eher der Normalfall sein auf lange Sicht, als die Ausnahme.
GoaSkin 22.08.2016
3.
Es gibt Studiengänge, in denen die Studenten mehrheitlich über die fachgebundene Hochschulreife ihre Berechtigung zum Studium erlangt haben, jahrelange Berufserfahrung in einem Lehrberuf haben, den sie weiter professionalisieren und dadurch auch den entsprechenden Altersdurchschnitt haben. z.B. vom Krankenpfleger zum Pflegewirt.
geirröd 22.08.2016
4. Gute Entscheidung..
...in Anbetracht, dass man noch ca. 25-30 Jahre im Berufsleben steht. Ich persönlich bin mit 39 noch mal zur Meisterschule gegangen. Abschluss mit 42 - Besserer Job mit 43 - alles richtig gemacht
Luna-lucia 22.08.2016
5. jeder Mensch sollte
doch das tun können, was ihm, egal in welchem Alter, liegt. Oder wonach er eben Lust oder Sehnsucht hat. Manche werden mit 50 Jahren Schriftsteller, und schreiben auf anhieb einen Bestseller! Oki, wenn man z.B. gerne schreib, speziell über Technik und so, dann muss, oder sollte man auch studieren - wengistens in den einschlägigen Bücherein nachgucken! Wenn jemand im "Alter" gerne an die Uni geht, weil er Wissendurst verspürt, auch kein Problem! Meist aber nur, solange der "Geist" ihrer Familien, das auch insgesamt verstehen kann.
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